Kürzlich erschien in der Weltwoche ein Beitrag von René Marcus mit dem Titel „Das Buch der zwei Seiten„, der leider nicht kostenfrei online zur Verfügung steht. Der Autor befasst sich mit dem Koran und stellt gleich zu Beginn die Frage, ob man dieses Buch überhaupt lesen könne, ohne dass es einem die Sprache verschlage.

Niemand könne das Erstarken des Islam in den letzten Jahrzehnten begreifen, wenn er nicht zur Kenntnis nehmen wolle, dass alle Probleme mit dem Islam religiöser Natur seien. Zwar würden religiöse Gefühle instrumentalisiert, aber die Protestler schwenkten ihr heiliges Buch und skandierten Suren daraus. Marcus fragt, was in diesem Buch steht, dass es solche Macht über die Seelen gewinnen kann:

Zunächst einmal befehle der Koran unmissverständlich das Töten von Ungläubigen und zwar immer und immer wieder.

Betrachten wir ganz nüchtern den Textbefund, philologisch aufbereitet. Die arabische Wurzel qtl (‚töten‘) erscheint – mit allen Ableitungen – im Koran 187 Mal, davon 25 Mal im Imperativ. (Zum Vergleich: im hebräischen Alten Testament, wahrlich nicht immer ein friedfertiges Buch, kommt die entsprechende Wurzel qtl nur 4 Mal vor, die semantisch verwandte Wurzel rsh (‚morden‘) 46 Mal, aber nie als positiver Imperativ – nur negativ im Verbot „Du sollst nicht töten“.) Nicht alle Imperative im Koran sind Aufforderungen an die Gläubigen zur Tötung von Ungläubigen, aber doch die überwiegende Mehrzahl; (…)

Zum Beispiel diese:

„Wenn sie sich abkehren, dann ergreift sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet.“ (4:89)

„Bekämpft sie [die Ungläubigen], bis es keine Verführung [zum Unglauben] mehr gibt und alle Religion auf Gott gerichtet ist.“ (8:39)

„Wenn sie sich nicht zurückziehen von euch noch euch Frieden bieten noch ihre Hände zügeln, ergreift sie und tötet sie, wo ihr sie trefft, und über diese haben wir euch klare Gewalt gegeben.“ (4:91)

Aber natürlich habe der Koran auch noch anderes zu bieten, zum Beispiel den schönen Vers 5:32, der gerne zitiert wird, um die Friedfertigkeit des Islam zu unterstreichen. Er lautet:

„Wer eine Seele tötet, ohne dass [das Opfer seinerseits] eine Seele [getötet hätte] oder eine Gewalttat im Land begangen hätte, [das ist so] als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wer sie am Leben erhält, [das ist so] als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten.“

Also kurz gefasst: Wer eine Seele tötet, der tötet die ganze Menschheit. Ein wahrhaft erhabener Vers, würdig einem allgemeinen Menschheitsethos als Leitsatz voranzustehen. Allerdings währt die Freude nicht lange, denn unmittelbar im Anschluss daran heißt es:

„Der Lohn derer, die gegen Gott und seinen Gesandten in den Krieg ziehen und Verderbnis im Land verbreiten, ist, dass sie hingemetzelt werden oder gekreuzigt werden oder ihnen die Hände und Füsse überkreuz abgeschnitten werden oder sie aus dem Land verjagt werden.“ (5:33)

Eben noch die Gleichsetzung des Tötungsopfers mit der ganzen Menschheit; und sofort danach dieses: Metzelei, Kreuzigung, kreuzweises Abhacken von Händen und Füssen oder, gnädigerweise, Vertreibung. Die Regeln der Humanität gelten nur für die Gläubigen. Für die Ungläubigen hingegen gilt Folgendes:

„Verflucht sind sie! Wo immer man auf sie stößt, sollen sie sie ergriffen und mit gewaltiger Metzelei gemetzelt werden.“ (33:61)

Natürlich, so Marcus, wird jeder vernünftige Moslem der Welt dieses Tötungsgebot auf lange vergangene Zeiten beziehen, als der Urislam sich noch mit Waffengewalt gegen seine Feinde behaupten musste. Man könne das Tötungsgebot aber auch wörtlich nehmen, denn der Koran sage im Gegensatz zur Bibel von sich unmissverständlich und in aller Deutlichkeit,

dass er Gottes unveränderbares Wort sei, das ewige Geltung beanspruche und an dem weder gedeutelt noch gezweifelt werden dürfe.“ Vor allem müsse man im Westen endlich begreifen, dass der Koran eben nicht irgendein heiliges Buch sei sondern die Inkarnation Gottes, somit eine Position habe wie Jesus im Christentum: „Hier verkörpert sich Gott in einem Menschen, dort in einem Buch. Daraus resultiert die Stellung des Propheten: Wohl ist er nur ein Mensch, kein Gott; aber er ist das geweihte Sprachrohr Gottes auf Erden.“

Ein ums andere Mal würde der Koran seine Einzigartigkeit betonen. Da der Koran von Gott zum Propheten herabgesandt wurde, sei die einzig mögliche Haltung diesem Buch gegenüber „demütige Unterwerfung“, was die wörtliche Bedeutung des arabischen Islam sei.

Kein anderes Buch der Weltliteratur würde eine solche Ausnahmestellung für sich selbst beanspruchen.

Ganz am Anfang dieses Buchs, nach der einleitenden Sure, steht der folgende Vers: „…dies ist das Buch, in dem kein Zweifel ist, Führung für die Frommen…“ (2:2)

In ähnlicher Weise wird im Koran immer wieder diese Position bekräftigt. (…) Dieses Buch enthält die einzige Wahrheit und alles, was ihm widerspricht, ist Lüge: „Wir schleudern die Wahrheit gegen die Lüge, und sie zerschmettert ihr den Schädel, dass sie zugrunde geht. Weh euch darüber, was ihr erdichtet!“ (21:18)

Der Koran ist somit die göttliche Vollendung der Geschichte: „Diejenigen, denen wir das Buch gebracht haben, wissen, dass es von deinem Herrn mit der Wahrheit herabgesandt ist. So seid nicht unter den Zweifelnden! / Das Wort deines Herrn ist vollendet in Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Es gibt keinen Veränderer seiner Worte.“ (6:114 f)

Einer solchen Offenbarung kann jeder Mensch nur mit bedingungsloser Unterwerfung begegnen.

Dies bringt uns zum dritten Punkt. Dieses Buch sagt genau, was mit denen geschieht, die sich „unterwerfen“ (die muslim?n im wörtlichen Sinn) – und es schildert ebenso präzise, welches Schicksal denjenigen zuteil wird, die dies nicht tun. Der Mensch kann die Botschaft annehmen und sich zum Islam bekehren; oder er kann sich weigern, den Propheten „zum Lügner erklären“, trotzig bei seinem Unglauben verharren; er kann auch, einmal bekehrt, wieder vom Glauben abfallen – Apostasie ist in allen Spielarten des Islam das schlimmste aller denkbaren Verbrechen, es kann nur mit dem Tode bestraft werden. Die koranische Botschaft spaltet die Menschheit. (…) Der Koran fordert das bedingungslose Ja. Und er verflucht die Neinsager mit ewigem Fluch.(…). Der Koran scheidet zwischen den «Unterwürfigen» (muslim?n) und den «Ungläubigen» (k?fir?n). Erstere kommen ins Paradies (…), letztere in die Hölle. (…) Wenn es eine zentrale Botschaft im Koran gibt, dann diese: hier die Guten, dort die Bösen. Die Menschheit ist gespalten in diejenigen, die glauben, und diejenigen, die leugnen. Dieses Buch voll „endloser Tautologien“ (Goethe) wird nicht müde, die grundlegende Spaltung der Menschheit wieder und wieder zu betonen. Jeder Leser kann sich selbst ein Bild davon machen: Man nehme eine beliebige Koran-Übersetzung und schlage eine beliebige Seite auf; in mindestens achtzig Prozent der Fälle wird man auf einen Vers, oft mehrere Verse, treffen, die die Spaltung der Menschheit in der einen oder anderen Form thematisieren. Diese Trennung wird dem Leser oder Hörer des Korans förmlich eingehämmert.

Fassen wir zusammen. Die Botschaft des Propheten, der Koran, ist die letzte, endgültige Botschaft Gottes an die Menschen. Wer sie annimmt und sich ihr gläubig unterwirft, wird im Diesseits und im Jenseits reich belohnt; wer sie verwirft und im Unglauben verharrt, wird im Diesseits und im Jenseits streng bestraft. Hier die Guten, dort die Bösen. Unmissverständlich wird klargelegt, wie die Gläubigen die Ungläubigen zu behandeln haben: «Tötet sie, wo ihr sie findet!» (…) Das Tötungsgebot als solches steht unzweifelhaft im Koran, in vielfacher Wiederholung; und der Koran ist heilig, unveränderlich, unhinterfragbar. Jeder kann sich darauf berufen. (…) Diese Botschaft wird überall verstanden und vielerorts befolgt. Die von uns sogenannten Hassprediger haben sie nicht erfunden. Sie müssen sie nur weitergeben.

Da der Artikel ja „Das Buch der zwei Seiten“ heißt, kommen wir nun zu der anderen, die nichts mit Hass und Gewalt zu tun hat. Das arabische Original enthält laut Marcus „Dichtungen von einer Schönheit, die im Innersten berührt.“ Diese Wirkung könne es durchaus auch auf den Ungläubigen ausüben und entsprechende Passagen wurden von dem amerikanischen Islamwissenschaftler und Dichter Michael Sells als „Klangvisionen“ bezeichnet. Die Sprache des Korans sei in jedem Sinne des Wortes überwältigend wegen ihrer Ausdruckskraft und ihre Klangfülle. Die Macht der Sprache könne den Verstand umnebeln.

Von den ersten Lebensjahren an wachsen muslimische Kinder mit diesem Text auf, saugen ihn mit allen Fasern ihres Wesens in sich ein, lernen ihn oft sogar auswendig; sie lassen sich berauschen von seiner Schönheit, richten ihr Leben nach seinen Vorschriften – und geraten dadurch auch allzu oft in ein Schwarz-Weiss-Denken, das mit dem heutigen Leben längst nicht mehr vereinbar ist und dessen Gefahren für jeden Menschen evident sind, der seine Augen nicht verschließt.

Nun mag jeder für sich selbst entscheiden, ob es ein friedliches Zusammenleben mit Muslimen geben kann, die ihren Glauben getreu den Worten des Koran ausüben.

image_pdfimage_print
Anzeige: Wandere aus, solange es noch geht - Finca Bayano, Panama.