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Gesellschaftlicher Fortschritt ist sehr oft dem Wirken einzelner, herausragender Persönlichkeiten zu verdanken. Menschen die laut sind, wo es als „anständig“ gilt zu schweigen. Die helfen, wo es tugendhaft ist, wegzusehen. Die den Mut haben, sich gegen den Zeitgeist und dessen mächtige Repräsentanten zu stellen und nicht nur Ansehensverlust riskieren, sondern wie im Fall der türkisch-stämmigen Menschenrechtsaktivisten Serap Cileli (Foto), auch ihr Leben.

Zugegeben. Nicht jeder hat so viel Mut und Charakterstärke in die Wiege gelegt bekommen. Umso wichtiger sind jedoch Solidarität und Würdigung dieser Mutigen, die so viel auf sich nehmen, um etwas Postives für unser aller Zusammenleben beizutragen. Und sich nicht zurück ziehen auf die verführerischen Annehmlichkeiten des Privatlebens, nachdem man dieses für sich akzeptabel gestalten konnte. In der FAZ erscheint heute ein Beitrag zu Serap Cileli. Biografisch wie gesellschaftspolitisch äußerst informativ. Ein Blick in eine Welt, die es gemäß multikultureller Bereicherungsdogmatik so garnicht geben dürfte.

Daß du keine Schande bringst

Wie sich die Deutschtürkin Serap Çileli gegen ihre Familie eine eigene Familie erkämpfte / Von Timo Frasch

Text: F.A.Z., 30.11.2006, Nr. 279 / Seite 9

FRANKFURT, im November. Serap Çileli war 22 Jahre alt und gegen ihren Willen schon sieben Jahre verheiratet, als sie in ihrem Heimatort Mersin die Idylle durchs Fenster sah, nach der sie sich selbst immer gesehnt hatte: In der gegenüberliegenden Wohnung saß die ganze Familie um einen großen Tisch, und alle lachten über den schon erwachsenen Sohn, der mit einem Kochlöffel auf einen Topf trommelte. Ali. Der Weg nach nebenan war lang. Er dauerte Jahre. Heute ist Serap Çileli mit Ali verheiratet, mit dem Mann, den sie jahrelang nicht heiraten durfte, den sie schließlich heiraten mußte, sonst hätte ihr Vater sie, wie er ihr mitteilen ließ, um die Welt gejagt wie ein Tier.

Ali. Ohne ihn hätte sie es wohl nicht geschafft, aus ihrem Gefängnis auszubrechen, sagt Serap Çileli, während ihr Mann ihr eine Marlboro reicht. Er ist ihr nach Deutschland gefolgt. Er hat sie unterstützt, nachdem sie mit ihren beiden Kindern vor ihrer Familie geflohen war. Er hat als Illegaler in einer Dönerbude geputzt und auf deutschen Bahnhöfen geschlafen. Und er brachte ihr vom Flohmarkt eine Schreibmaschine mit und ermutigte sie, ihre Tagebücher an Verlage zu schicken. Die schrieben ihr jahrelang zurück: „Interessante Geschichte, aber zu brisant für Deutschland.“ Alis Familie und die seiner Frau unterscheidet eigentlich nicht viel. Beide kommen aus dem türkischen Mittelstand, beide aus einer Touristenstadt am östlichen Mittelmeer. Alis Vater hatte einen Marmorvertrieb, Seraps Vater eine Schreinerei. Alis Mutter ging bis zur fünften Klasse zur Schule, Seraps Mutter sogar bis zur neunten. In Deutschland herrsche immer noch die Vorstellung, daß nur ungebildete anatolische Bauern wie im Mittelalter lebten, sagt Serap Çileli. Das sei ein großer Irrtum. Ihr Bruder habe sich als Flugzeugbauingenieur mit einem 17 Jahre alten türkischen Mädchen verheiratet. Und von den Türkinnen, die in Deutschland auf den Universitäten studieren, trügen viele Kopftuch und seien von islamistischen Organisationen gezielt dorthin geschickt worden, um später wichtige Positionen einnehmen zu können. Der deutsche Staat verstehe das aber noch immer nicht, sagt Serap Çileli. Er lasse sich täuschen von den Masken der Islamisten, von geschliffener Rede und Tagen der offenen Tür. Von dem, was in Köln oder in Neukölln passiere, hätten die meisten wenig Ahnung.

Mittlerweile gibt es einige Türkinnen in Deutschland, die so sprechen. Seyran Ates zum Beispiel, die aus Angst vor Anfeindungen ihre Zulassung als Anwältin zurückgab. Oder Necla Kelek. Der Soziologin („Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes“) unterstellten Anfang des Jahres Pädagogen und Migrationsforscher, sie schüre Ängste und arbeite nicht wissenschaftlich. Auch Serap Çileli arbeitet nicht wissenschaftlich. Sie erzählt eine Geschichte – die eine Geschichte vieler türkischer Frauen sein könnte.

Im Jahr 1974, mit acht Jahren, wurde sie nach Deutschland geholt, wo der Vater mittlerweile in einer Papierfabrik arbeitete. Er hatte Angst, daß Serap den Großeltern in der Türkei über den Kopf wachsen könnte. Als sich vier Jahre später erste weibliche Formen an ihrem Körper abzeichneten, wurde sie einem acht Jahre älteren Mann versprochen, den sie zuvor nie gesehen hatte. In der Schule legte sie ihren Verlobungsring ab, weil sie sich vor den anderen Mädchen schämte. Am Sportunterricht konnte sie oft nicht teilnehmen – sonst hätten die Mitschüler ihre blauen Flecken gesehen. Was ihren Vater vom Prügeln abhielt: die Sorge um ihr Jungfernhäutchen. Bei einem Besuch der Familie ihres Verlobten war Serap dann am Ende. Mit dreizehn. Sie ging ins Badezimmer und stopfte sich mit allen Tabletten voll, die sie finden konnte. Als sie ein paar Tage später aus dem Krankenhaus nach Hause kam, wartete der Vater schon auf sie. „Geh in die Küche“, sagte er zu seiner Frau, „und bring mir das Nudelholz.“

Die andere Familie wollte ihren Sohn keiner Aufsässigen geben. Die erste Verlobung wurde deshalb gelöst – eine zweite bald eingefädelt. Mit 15 Jahren heiratete Serap einen 25 Jahre alten Mann in der Türkei. Erst nach sieben Jahren Ekel und der Geburt eines Sohnes sowie einer Tochter willigten ihre Eltern in die Scheidung ein. Sie hatte damit gedroht, sich und ihre Kinder umzubringen. Seraps Mutter holte die beiden mit nach Deutschland – damit sie der beschämte Ehemann nicht entführen konnte. Serap mußte bald folgen, sonst, so prophezeiten ihr die Eltern, würde sie ihre Kinder nie wieder sehen.

Sie hatten von Seraps Schwester erfahren, daß ihre Tochter eine Beziehung zu Ali habe. Um das Allerschlimmste abzuwenden, wurde ein anderer Mann gesucht, durch den Heiratsvermittler, der schon für das erste Arrangement zuständig war. „Sei zufrieden, daß dich überhaupt jemand als Frau nimmt“, sagte ihre Mutter. Und ihr Vater: „Meinen Stolz kriegst du nicht nieder, und wenn du meine Familienehre verletzt, werde ich dich umbringen.“ An einem der letzten Abende, die Serap Çileli in ihrer kleinen deutschen Wohnung in Sichtweite der Eltern verbrachte, wäre ihm das fast gelungen. Serap Çileli hatte sich geweigert, wegen eines Treffens mit dem neuen Verlobungskandidaten ihrer Arbeit als Schichtführerin in einem Schnellimbiß fernzubleiben. Daraufhin schlug ihr Vater sie halb tot. Sie wagte zum ersten Mal, sich an die Polizei zu wenden, um mit ihren Kindern abgeholt zu werden. Das Jugendamt vermittelte ihr eine Frauenorganisation, mutige Leute, die sie nachts aus ihrer Wohnung holten und mit ihren Kindern in ein Frauenhaus brachten, weit weg.

Sie blieb dort 16 Monate, mit überforderten Sozialarbeiterinnen, mit Prostituierten und Immigrantinnen, die ihr Schicksal teilten und oft doch wieder zu ihren Peinigern zurückkehrten. Eine der eindringlichsten Szenen in dem Buch „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“, für das Serap Çileli 1999 doch noch einen Verlag fand, spielt im Frauenhaus. Als ihre Tochter mit Lidschatten und Lippenstift aus dem Zimmer einer anderen Türkin kommt, wird die Mutter zornig: „Du wirst dein Gesicht ordentlich mit Waschlappen und Seife waschen. Du weißt, daß ich das bei kleinen Kindern hasse.“ Das sei die Serap von damals gewesen, noch unter dem Eindruck des Erlittenen, sagt Serap Çileli heute. Ihre Mutter sei, als Serap gerade neun Jahre alt war, mit einem Schminkkoffer von Karstadt gekommen: „Du bist jetzt eine junge Frau!“ (Anmerkung: Dieses Alter zur Definition als Frau ist kein Zufall. Der Prophet hatte ein Kind als „Frau“, das er im Alter von neun Jahren entjungfert hat) Zu Hochzeitsfeiern mußte sie hohe Absätze und Abendkleider tragen, sie bekam rückenfreie Tops und Röcke mit Schlitzen. „Bis die Ware verkauft ist“, sagt Serap Çileli, „wird sie auf dem Silbertablett präsentiert.“ Sie kenne junge Frauen, Jungfrauen, sagt Çileli, die für 25000 Euro ihren Besitzer gewechselt haben. Als Sexobjekt oder als Ticket nach Deutschland. Schon nach der Verlobung trete der Protektionismus an die Stelle des freien Marktes. Als sie im Imbiß arbeitete, sei ihr Vater dauernd gekommen, um sie zu kontrollieren. Sie wisse von verlobten Mädchen, denen, wenn sie auf Klassenfahrt mitdurften, vorher die Haare geschoren wurden – für den Fall, daß ihr Kopftuch verrutscht. Das wichtigste sei, bis zur Hochzeit Jungfrau zu bleiben. Ohne Jungfernhäutchen und ohne Mann sei man sozial tot. Das gelte dann für die gesamte Familie. Beflecktes Laken oder befleckte Ehre – jeder bekomme das mit.

Während ihrer Zeit im Frauenhaus wurde Serap Çileli zum dritten Mal schwanger. Diesmal von Ali. Auch seine Eltern waren nicht begeistert. Aber sie hielten zu ihrem Sohn. Weil Serap anfangs nur 400 Mark bei sich hatte und sich als Schwangere mit zwei Kindern schwertat, in Deutschland eine Wohnung oder eine Arbeit zu bekommen, mußte sie beim Sozialamt Antrag auf Sozialhilfe stellen. Der Bescheid wurde, wie in solchen Fällen üblich, an ihre Eltern geschickt, die so ihren Aufenthaltsort ausfindig machen konnten. Seraps Vater schickte zwei ihrer Brüder mit einem Brief. „Ich werde dich jagen wie ein Tier.“ Vaters Wunsch sei es, sagten die Brüder zu Ali, „daß du unserer Schwester keine Schande bringst“. Das war 1993.

Serap Çileli hat seitdem nie Personenschutz beantragt. Sie verläßt aber bis heute nur in Begleitung die Wohnung. Ihr Mann gab seine Arbeit auf, um sie auf ihren Vortragsreisen begleiten zu können. Er filmt jeden Auftritt. Je mehr sie in der Öffentlichkeit stehe, sagt sie, desto sicherer fühle sie sich. Von ihrer Familie gehe heute keine Bedrohung mehr aus. Eher schon von radikalen Muslimen, die sie in Briefen regelmäßig beschimpften oder nach Vorträgen als Verräterin anprangerten. Eine deutsche Lehrerin habe sie einmal darum gebeten, nicht an die Schule zu kommen. Junge Türken hätten gedroht, wenn Frau Çileli spreche, dann würden sie die Aula kurz und klein schlagen. Sie ist trotzdem hingegangen. Passiert ist nichts.

Serap Çileli fühlt sich nicht als Muslima, aber auch nicht als Atheistin. Ihre jüngste Tochter ging vier Jahre lang in den katholischen Religionsunterricht, die Familie feiert Weihnachten und das muslimische Zuckerfest. Sie seien gut integriert, sagt Serap Çileli. Die ältere Tochter, die im kommenden Jahr ihr Abitur macht, hat einen deutschen Freund. Der Sohn, der Politikwissenschaft studiert, spielt im Handballverein. Bei Festen, sagt Serap Çileli, koche sie manchmal türkisch. Das komme gut an. Mit Fremdenfeindlichkeit habe sie in Deutschland keine Erfahrungen gemacht.

Im Sommer seien sie und ihr Mann im Städtchen spazierengegangen, sie mit einem Top, ihr Mann in kurzen Hosen. Es war heiß. Auf der anderen Straßenseite hörten sie zwei türkische Frauen, die Serap Çileli in einem Deutschkurs unterrichtete. „Schau mal“, habe die eine laut zur anderen gesagt, „Ist das ein Mann?“ – „Nein“, habe die andere geantwortet, „das ist kein Mann. Das ist ein Waschlappen.“ Ali serviert türkischen Mokka. Die Frauen, sagt Serap Çileli, seien die eigentlichen Stützen des Weltbildes, das in Deutschland noch immer den grausamen Alltag vieler türkischer Familien bestimme. Serap Çileli hält eine Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung, nach der die Entscheidung zum Tragen eines Kopftuchs bei den meisten Deutschtürkinnen persönlicher Natur und kaum durch andere beeinflußt sei, für eine Farce. Die Wirklichkeit, die sie aus der Beratung vieler türkischer Mädchen kenne, sehe ganz anders aus.

Serap Çileli ist heute 40 Jahre alt. Nach fast zwanzig Jahren lebt sie in der Familie, die sie sich immer gewünscht hatte. „Wir haben gemeinsam alles verarbeitet.“ Das gelte auch für die beiden Kinder aus ihrer ersten Ehe. Ihren Vater kann man nicht mehr nach seiner Version der Geschichte fragen: Er ist vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt gestorben, Serap Çileli hat es von einer ehemaligen Klassenkameradin erfahren. Nach der Hochzeit mit Ali hatte sie hin und wieder versucht, Kontakt mit den Eltern aufzunehmen. Familie sei eben Familie. Die Mutter habe aber immer abgeblockt. Das letzte Mal von ihrer Familie erfahren hat Serap Çileli aus der türkischen Zeitung „Hürriyet“, die sie trotz anderen Namens aufgespürt hatte. In der Ausgabe, in der „Hürriyet“ eine Kampagne gegen häusliche Gewalt gestartet hat, wurde auch ein Foto von der lächelnden Serap bei ihrer ersten Hochzeit gedruckt. Darüber steht: „Sieht so eine Frau aus, die zwangsverheiratet wurde?“

» Webseite von Serap Cileli
» „Mahnmal“ für die Opfer von Ehrenmorden

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