orhan_pamuk.jpgWie schlecht es mit der Meinungsfreiheit in Europa bestellt ist, beweist die Absage der Leserreise des türkischen Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk nach Deutschland. Massive Morddrohungen unmittelbar nach dem Mord an Hrant Dink lassen Pamuk um sein Leben fürchten. Dink hatte kurz vor seinem gewaltsamen Tod gesagt: „Orhan Pamuk, seien Sie clever“.

Der nationalistische Extremist Yasin Hayal, Aufftraggeber des Mordes an Dink, rief Journalisten zu, als er einem Gericht in Istanbul vorgeführt wurde: „Orhan Pamuk sollte gut auf sich aufpassen.“

Pamuk hatte – wie Dink, mit dem er befreundet war – 2005 in der Türkei vor Gericht gestanden, weil er en Massenmord des Osmanischen Reiches an den Armeniern in den Jahren 1915 / 16 erwähnt hatte. Der Schriftsteller sollte deshalb wegen „Verleumdung des Türkentums“ strafrechtlich belangt werden. Das Verfahren wurde eingestellt, nachdem das türkische Justizministerium erklärt hatte, dass eine Anklage gemäß dem neuen Strafgesetzbuch nicht zulässig sei. Gleichwohl sah sich Pamuk einer Kampagne nationalistischer Kreise ausgesetzt. Aufgrund der Bedrohung sagte Pamuk schon damals eine Lesereise nach Deutschland ab.

Martin Oehlen kommentiert im Kölner Stadtanzeiger:

Natürlich ist es ein Leichtes, Mut und Standhaftigkeit zu verlangen, wenn man nicht selbst das arme Wesen ist, das sich in Gefahr begeben soll. Daher muss man mit Verständnis reagieren, wenn Orhan Pamuk es vorzieht, nicht in der Öffentlichkeit aufzutreten und aus seinem neuen Essay-Band zu lesen, das eine Liebeerklärung an seine Heimatstadt Istanbul ist. Denn dass türkische Extremisten auch vor einem Mord am politischen Gegner nicht zurückschrecken, hat der Fall des Publizisten Dink gezeigt. Und die aktuellen Drohungen gegen den Literaturnobelpreisträger sind aktenkundig.

Für die Türkei ist Pamuks Absage einer Lesereise nach Deutschland ein Desaster. Denn der Autor bekundet auf diese Weise, dass er sich nicht sicher fühlt vor Landsleuten, die nicht wissen, was Meinungsfreiheit bedeutet. Und wie immer, wenn zuletzt am Bosporus ein Unwetter aufzog, werden die Zweifel geschürt, ob dieses Land Vollmitglied der Europäischen Gemeinschaft werden soll. (…) Es steht schlecht um die Meinungsfreiheit in unseren Tagen und nicht zuletzt im aufgeklärten Europa. Davon kündete eben noch der ganz anders gelagerte Streit um die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ in Berlin. Und das bezeugt nun die Entscheidung Pamuks, auf Tauchstation zu gehen. Sicher ist er nicht der Meinung, dass er in Deutschland stärker gefährdet sei als in irgend einem anderen Land. Vielmehr will er offensichtlich jeden öffentlichen Auftritt vermeiden – wo auch immer. Denn Gefahr lauert letztlich überall.

Aber vielleicht empfindet Pamuk die Gefahr für sich in Deutschland eben doch als besonders hoch. Deutschland hat schließlich große türkische Gemeinden, die zu weiten Teilen nach ihren eigenen Gesetzen leben und – gutmenschlich vor Integration geschützt – machen können, was sie wollen. Diese Rahmenbedingungen in Deutschland hat Pamuk gewiss in seine Entscheidung miteinbezogen.

(Spürnase: Fuller)

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