Weil sie bewusst verweigerten, an einer gutmenschlich ausgerichteten Demonstration ihrer Schule unter dem Motto „Diskriminierung und rechte Gewalt“ teilzunehmen, wurden zwei 16-jährige Schülerinnen von Lehrern und Mitschülern regelrecht an den Pranger gestellt. Sie hätten angeblich die Schule „in Verruf“ gebracht und mussten sich vor der Schulleitung schriftlich erklären, was dann sogleich die nächste Empörung verursachte. Die Schülerinnen wehren sich gegen die Darstellung, sie seien Rassistinnen.

Westerholt. Dass zwei Schülerinnen bewusst nicht an der Demonstration gegen Rassismus teilgenommen haben, sorgt an der Martin-Luther-Schule für Gesprächsstoff.

Wie berichtet, demonstrierten rund 270 Schüler vor einer Woche auf der Bahnhofstraße und vor der St.-Martinus-Kirche gegen Diskriminierung und rechte Gewalt. Motto: „Zeig Rassismus die rote Karte.“ Zwei Schülerinnen haben es abgelehnt, sich an dieser Aktion zu beteiligen. „Nun stehen wir öffentlich als Rassisten da“, sagen Sarah und Farina, beide 16 Jahre alt. Ein Eindruck, den sie so nicht stehen lassen wollen.

Ein weiterer Vorfall hat die Situation noch verschärft. Während der Demonstration mussten die beiden Schülerinnen im Sekretariat die Gründe für ihre Ablehnung aufschreiben. Dabei vertraten sie die Auffassung, Ausländer sollten sich der „deutschen Art“ anpassen. Eine Formulierung, die Schulleiterin Marie-Luise Bock ebenso ablehnt wie die Klassenlehrerin. Beide sehen hier mindestens eine Tendenz zu Nazi-Vokabular.

Ein Vorwurf, den Sarah und Farina zurückweisen. „Wir sind gegen Rassismus!“, sagen sie. Sarah führt aus: „Viele Ausländer sind zum Arbeiten nach Deutschland gekommen, und wir danken ihnen, dass sie das Land mit aufgebaut haben. Aber sie sollen sich an unsere Lebensbedingungen und unsere Kultur anpassen und die deutsche Sprache lernen.“ Kultur, Sprache, unsere Lebensweise – das hätten sie mit „deutsche Art“ gemeint, betonen Sarah und Farina. Keinesfalls hätten sie an Nazi-Wörter wie „Herrenrasse“ gedacht.

Eine Argumentation, die Schulleiterin und Klassenlehrerin nicht teilen. Das Dritte Reich sei im Unterricht und an den Projekttagen vor der Demonstration ausführlich behandelt worden. Dabei sei intensiv über Nazi-Vokabeln wie „Arier“, „Herrenrasse“ und „deutsche Art“ sowie über deren Bedeutung gesprochen worden. Die Klassenlehrerin: „Es kann nicht sein, dass 16-Jährige diese verfänglichen Begriffe verwenden und später sagen, sie hätten das anders gemeint.“

Wir kennen die beiden Schülerinnen nicht. Wir gehen aber davon aus, dass sie von der Political Correctness einfach nur die Nase voll hatten. Die Nase voll davon, heute energischen und mutigen Widerstand gegen Hitler, die Nazis und das Dritte Reich zu leisten, und Gewalt, Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus nur im klassischen rechten Lager zu verorten. Es ist ja sogar noch viel schlimmer: Wer auch nur wagt zu sagen, dass eben genau diese Dinge durchaus kein Privileg der berüchtigten Rechten sind, sondern vielfach, wenn nicht sogar inzwischen mehrheitlich, von moslemischen Migranten verübt werden, der ist sofort selbst ein „Rassist“. Wir freuen uns jedenfalls über den Mut der beiden Schülerinnen, sich dem auf sie ausgeübten Druck nicht gebeugt zu haben, an der verordneten politisch korrekten Empörung teilzunehmen. Ähnliche Erfahrungen machten übrigens auch zahlreiche Schüler, die sich vor und unmittelbar nach Beginn des Irak-Krieges weigerten, an Anti-Bush-Demonstrationen teilzunehmen.

Update: Impressionen der "Projekttage gegen Rassismus"

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Der Demozug am 17.01.2007 durch Herten-Westerholt

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Die Schüler mussten einen "Vertrag gegen Rassismus"
unterschreiben

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Motto: "Alle anders alle gleich". Dass zwei Schülerinnen
ein diskriminierendes Kopftuch tragen müssen, ist
nicht von Belang

» Mehr Bilder gibs hier

» Der Vertrag gegen Rassismus:

Mit unserer Unterschrift versprechen wir – die Schülerinnen, Schüler, Eltern, Lehrer und das Verwaltungspersonal – , dass wir uns bemühen, eine Form des Miteinander-Lebens zu praktizieren, die niemanden wegen seiner Herkunft ausgrenzt, beleidigt oder verletzt. In unserer Schule: werden Schimpfwörter wie "orospu" , "Hurensohn" u. ä. nicht benutzt, wird keine provozierende Kleidung , z. B. weiße Schnürsenkel in Springerstiefeln, Bomberjacken mit nazistischen Zeichen und/oder Aufschriften wie Pit-Bull-Germany, getragen, werden rassistisch geprägte Witze weder erzählt noch geduldet, werden keine abfälligen Bemerkungen über Religionen, Sprachen, Kleidung oder Musik gemacht, verurteilen wir jede Art von Gewalt und sind bereit, Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten mit friedlichen Mitteln auszutragen; dabei bieten uns unsere Schlichtergruppe sowie die Lehrer und Sozialarbeiter Hilfe und Unterstützung an.

» an Schulleiterin Marie-Luise Bock
» Kontakt (Martin-Luther-Schule): Martin-Luther-Str. 3, 45701 Herten, Tel. 02366 – 303 940, Fax 02366 – 303 943

(Spürnase: Heinrich)

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