n_kelek.jpgDer österreichische Standard ist heute sehr ergiebig mit Informationen zum Thema Islam und Zwangsehen. Vielleicht hat er auch auf sein Dhimmi-Interview von vorgestern, in dem der Wiener Imam Ali Eraslan unwidersprochen den größten Blödsinn verbreiten durfte („Zwangsehen haben nichts mit dem Islam zu tun“), viele wütende Zuschriften von Menschen mit Verstand und Durchblick bekommen. Heute jedenfalls kommen andere Stimmen zu Wort, die von Necla Kelek (Foto) und der österreichischen Landtagsabgeordneten Sirvan Ekici.

Sirvan Ekici kritisiert deutlich die „Verschleierung der Dramatik im muslimischen Milieu Wiens“:

„Es geht unter, dass wir in den letzten 18 Monaten fünf bis sechs Ehrenmorde nur in der türkisch-stämmigen Bevölkerung gehabt haben.“ Es seien alles Fälle im Vorfeld von Scheidungen gewesen, die auch unter Muslimen bereits sehr hohe Raten (Ekici: „Bis 50 Prozent“) aufweisen. Die damalige Frauenstadträtin Wehsely sei noch immer eine umfangreiche Studie zum Thema Zwangsheirat schuldig, die Stadtregierung versuche das Thema zu tabuisieren.

Unter der selben URL kann man rechts den Beitrag „Morgen musst Du heiraten“ sowie ein Interview mit Necla Kelek anklicken. Es sind erschütternde Dokumentierungen schwerster Menschenrechtsverletzungen, die wir im Zuge multikultureller Glückseligkeit zu tolerieren und zu respektieren und keinesfalls zu kritisieren haben.

Allein bei einer Wiener NGO sind 50 bis 60 Zwangsehen pro Jahr bekannt. Die jungen türkischstämmigen Mädchen fahren in die Heimat auf Urlaub und werden dort überfallsartig verheiratet. Nach der Rückkehr brechen sie Ausbildung und Außenkontakte ab. Die Organisation „Orient Express“ berät Migrantinnen. In den letzten Jahren ist man mit dem Phänomen Zwangsheirat vermehrt konfrontiert, sagt Mitarbeiterin Meltem Weiland:

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Sirvan Ekici

„Die Töchter von unseren Klientinnen haben nach der Sommerpause gesagt: ‚Ja, ich war jetzt im Sommer in der Türkei, und jetzt bin ich verheiratet. Meine Eltern haben mich gezwungen zu heiraten.'“ (…) Zwangsheirat sei, wenn „aus dem Nichts heraus über mich entschieden wird: Jetzt muss ich heiraten. Es gibt Mädchen, die hier schon etwas spüren oder die zu Hause mit den Eltern konfrontiert sind, die sagen: Diesen Sommer wirst du heiraten. Aber es gibt sehr viele Fälle, wo die Mädchen nichts wissen, davon erst im Heimatland erfahren. Sie fahren auf Urlaub, sie haben das Gefühl sie werden einen schönen Sommerurlaub verbringen, und irgendwann einmal steht wer da und sagt: Morgen musst du heiraten. Bei solchen Fällen ist die Hochzeit, das Fest schon organisiert. Wenn sie mal aus Österreich rausgebracht werden kann, dann ist es das Mädchen eigentlich schon verheiratet.“ (…) „Man darf auch nicht vergessen: Mädchen, die sich wehren, wehren sich bis zum Schluss. Sie weigern sich die Ehe zu vollziehen, sie weigern sich, mit dem Mann ins Bett zu gehen. Sie werden gezwungen, mit dem Ehemann Sex zu haben. Das endet sehr oft mit Vergewaltigung. Wenn es darauf ankommt, sage ich das auch den Eltern. Warum beschönigen die Eltern diese Dinge? Es gibt Fälle, wo die Eltern vor der Tür warten und sagen: Jetzt gehst du rein und schläfst mit ihm. Und da frage ich mich, wie kann eine Mutter vor der Tür warten, bis die Tochter vergewaltigt wurde?“

Da die türkischen Männer erst im Zuge der Familienzusammenführung nach Österreich kommen können, gäbe es eine Chance, die zwangsverheirateten Mädchen zu schützen, indem man den Männern das Visum verweigert und die Mädchen an einem sicheren Ort unterbringt. Die andere Variante bei der Zwangsverheiratung ist die sogenannte „Importbraut“, Mädchen, die aus ihrer türkischen Heimat gerissen und hier verheiratet werden. Anschließend leben sie abgeschirmt von der Gesellschaft ihrer neuen Heimat als Gefangene in der Wohnung der Schwiegereltern, müssen wie Sklaven arbeiten und ihrem Ehemann, der selbst alle Freiheiten behält, sexuell gefügig sein. Necla Kelek beschreibt diese Zustände sehr eindrucksvoll in ihrem Buch „Die fremde Braut“. Dem Wiener Imam Ali Eraslan und seiner Behauptung, Zwangsheiraten hätten nichts mit dem Islam zu tun, widerspricht sie vehement.

DER STANDARD: Das Argument, dass Zwangsverheiratungen, Ehrenmorde und die Diskriminierung von Frauen traditionell bedingt sind und nicht religiös, lassen Sie nicht gelten?

Kelek: Diese Meinung teile ich nicht, weil Religionen Traditionen bilden, bestätigen und ihnen auch abschwören können. Ich trenne das nicht voneinander. Wenn der Islam sagen würde, in unserem Glauben gibt es keine Beschneidung der Frau, dann müssten Muslime doch dafür sorgen, dass es nicht passiert, aber es passiert trotzdem. Sie legitimieren mit ihrer Religion diese Praxis. (…)

DER STANDARD: Sie schreiben, dass in Deutschland traditionalistische Verhaltensweisen eher zunehmen.

Kelek: Ich beobachte, dass in Deutschland traditionell islamische Familien mit ihrer Tradition der Verheiratung den Integrationsprozess bewusst verhindern. Sie wollen, dass ihre Kinder nach islamischen Gesetzen groß werden. Das verbietet, dass Jungen und Mädchen gemeinsam aufwachsen, sich kennen lernen und sich sexuell näher kommen. Das können Sie in der Schul-und Alltagspraxis in allen europäischen Ländern überall sehen.

Interessant auch Keleks Aussagen zum islamischen Kopftuch:

DER STANDARD: Nicht alle Kopftuchträgerinnen sind unterdrückte geschlagene Frauen. Was hat es mit den jungen modernen Musliminnen auf sich, die selbstbewusst das Kopftuch tragen und studieren?

Kelek: Mich interessieren die Motive dieser selbstbewussten Frauen. Ich sehe, dass der Islam hier als Modeerscheinung herhält, um sich von der Gesellschaft abzugrenzen. Sie missionieren, sie grenzen sich ab, sie sagen: Wir sind reine Frauen, glauben an Gott, und wir heiraten nur einen beschnittenen Muslim. Sie schminken sich noch dabei und halten aber die anderen Regeln ein. Wenn sie so aktiv sind, dann hat das einen politischen Charakter, um den Europäern zu zeigen: Wir sind anders.

Die wichtigste Aussage Keleks kommt am Schluss des Interviews:

DER STANDARD: Verhindert der Islam per se die Integration?

Kelek: Dann, wenn Muslime den Koran und die Hadithe (Sprüche des Propheten Mohammed, Anm.) als Grundlage nehmen und als unveränderbare Gottesworte akzeptieren. Gott hat keine Religion gemacht und zum Menschen geschickt, Religionen werden von Menschen gemacht und praktiziert. Solange der Islam eine kollektivistisch ausgerichtete Religion ist, ist er nicht kompatibel mit der Demokratie.

Vor diesem Hintergrund geradezu schwachsinnig erscheinen dann Seminare wie das 1. Islam-Seminar in der baden-württembergischen Stadt Backnang, zu dem interessierte Mitarbeiter der Behörden eingeladen waren. Vorurteile wollte man dort entkräften, sich interkulturell näher kommen und darüber nachdenken, wie „ein Islam deutscher Prägung aussehen kann, und inwieweit sich der Islam deutschen Gepflogenheiten anpassen muss und kann“. Andere wichtige Dinge waren der Kampf mit sprachlichen Ungenauigkeiten, wie der hohlen Phrase, dass es die Muslime gar nicht gebe.

Weil vermehrt Familien mit muslimischem Hintergrund Rat suchen, nahm Carola Kalisch von der Beratungsstelle für Familie und Jugendliche in Waiblingen am Seminar teil. Häufig sei sie mit den Themen Trennung und Scheidung konfrontiert. „Das Seminar hat mir mehr Klarheit und tiefere Einblicke vermittelt“, sagte sie. Das Verhältnis untereinander sei häufig von Vorurteilen geprägt, ist ihre Beobachtung. Der schlechte Ruf der arrangierten Ehen etwa werde in der öffentlichen Diskussion und in einigen Medien nicht richtig durchleuchtet. „Man weiß zu wenig voneinander.“ Sie erlebe es immer wieder, „dass dem Islam alles mögliche zugeschrieben wird, ohne den Hintergrund zu betrachten“. Toleranz entstehe durch Wissen und Information: „Man muss vieles differenzierter sehen“, so die Teilnehmerin.

Was meint die Teilnehmerin? Erst beklagt sie, dass der schlechte Ruf der arrangierten Ehen „in der öffentlichen Diskussion und in einigen Medien nicht richtig durchleuchtet“ werde und anschließend, „dass dem Islam alles mögliche zugeschrieben wird, ohne den Hintergrund zu betrachten“. Was soll das denn heißen? Doch wohl nichts anderes, als dass wir den Islam mitsamt seinen Nebenwirkungen wie Zwangsehen nicht positiv genug betrachten und arrangierte Ehen vor dem richtigen – also islamischen – Hintergrund wohl eigentlich so schlecht nicht sind. Jetzt sind wir verwirrt. Haben Zwangsehen etwas mit dem Islam zu tun oder haben sie nicht? Und ist das jetzt gut oder schlecht?

(Spürnase: Kunna)

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