librescuDer 76-jährige israelische Professor Librescu wurde zum Helden von Blacksburg. Als der jugendliche Mörder Cho Seung-Hui in sein Klassenzimmer eindringen wollte, hielt er die Türe solange zu, bis seine 20 Studenten aus dem Fenster geflohen waren. Als den alten Mann die Kräfte verließen, fand der Mörder den Raum leer und richtete Prof. Librescu mit fünf Schüssen hin. Ausgerechnet die vielgescholtene BILD-Zeitung widmet dem Helden von Blacksburg heute einen ausführlichen Beitrag und gehört damit zu den ganz wenigen deutschen Zeitungen, die sich dieser Geste des Anstandes fähig erweisen.

Präsident Bush lobt ihn in seinen Reden und Rumänien verleiht dem ehemaligen Staatsbürger einen Orden. Aber einen Helden zu ehren, zumal einen israelischen Juden, der freiwillig in den USA lebt und nicht vom CIA entführt wurde, übersteigt anscheinend die moralische Kraft der meisten deutschen Zeitungen. Wir Deutschen haben gelernt, Heldentum mit Misstrauen und Unbehagen zu betrachten. Eine der fragwürdigen aber äusserst bequemen Lehren, die wir aus dem Nationalsozialismus gezogen haben, und so kann man die Zeitungen, die dem Holocaustüberlebenden Professor Librescu ein angemessenes Andenken widmen, an einer Hand abzählen. Vorausgesetzt, man hat nur vier Finger.

Umso mehr ist die BILD-Zeitung zu loben, deren Leser heute tatsächlich mehr wissen als die der taz oder anderer Lieblingsblätter unserer Oberlehrer. PI gibt den lesenswerten Artikel von Julian Reichelt in voller Länge wieder.

Von JULIAN REICHELT und ANDREAS THELEN (Fotos)

Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“
(Jüdisches Sprichwort)

Ein Haus voller Menschen, voller Tränen, voller Stolz. Lichtscheiben fallen durch halb geschlossene Rollos. Die Menschen erzählen von einem Toten, der Leben gerettet hat. Die Erinnerung brennt länger als das beste Öl, sagt man hier.

BILD in Israel, bei der trauernden Familie von Professor Liviu Librescu (?? 76), in einem Vorort von Tel Aviv. Die Welt kennt ihn als „Held von Blacksburg“.

Als der Amokläufer Cho Seung-Hui (?? ) vor 12 Tagen auf den Fluren der Virginia Tech University wütete (32 Opfer), hielt Librescu die Tür seines Klassenraums zu, bis seine zwanzig Studenten durchs Fenster geflüchtet waren. Fünf Kugeln trafen den Professor.

„Wenn er nicht gewesen wäre, wären noch viel mehr Menschen tot“, sagt sein Sohn Joe (40). „Er war ein mutiger Mann, weil er das Schlimmste überlebt hat“, sagt seine Frau Marlena (72). An ihrer rechten Hand stecken zwei goldene Eheringe.

Das Schlimmste, das war der Holocaust.

„Die Zeit, in der man nur von morgens bis abends gelebt hat“, sagt Marlena Librescu. „Weil man nie wusste, ob es noch ein Morgen geben würde.“

1941. Britische Bomber zerstören Raffinerien bei Ploiesti (Rumänien). Juden hätten dem Feind die Koordinaten gegeben, sagen die Deutschen – und deportieren alle Juden im Ort in das Getto von Focsani. Unter ihnen ist auch Liviu Librescu, elf Jahre alt. „Dort wohnte er mit seiner Mutter in einem kleinen Zimmer“, erzählt Librescus Sohn Joe. „Es gab einen Befehl der Deutschen, dass vor jedem Haus im Getto jeden Tag ein Jude stehen musste – als Geisel. Wenn den Deutschen etwas nicht passte, gingen sie durch die Straßen und erschossen die Leute vor den Häusern.“

Der Junge Liviu gibt anderen Kindern im Getto Mathe-Stunden und wird dafür von den Eltern bezahlt. „Von dem Geld hat er Wehrmachtssoldaten ihre Essensrationen abgekauft und ins Getto gebracht“, erzählt sein Sohn. „Er musste früh lernen, seine Mutter zu ernähren, weil sein Vater in einem Arbeitslager war.“

Liviu Librescu lebt, er überlebt. Von Tag zu Tag. „Einer seiner Freunde aus der Zeit im Getto hat uns erzählt, dass Liviu sich abends an die Wagen der Deutschen schlich und die Luft aus den Reifen ließ“, erzählt sein Sohn.

Einmal erwischten die Wachen das Kind und verfolgten es bis nach Hause. „Seine Mutter hat sich vor ihn gestellt und gesagt: ‚Wenn Sie jemanden erschießen, dann bitte mich!‘, sagt Joe Librescu.

Die Soldaten schossen nicht. „Unser Vater hat immer erzählt, dass sie damals jeden Tag damit rechneten, in ein Vernichtungslager geschickt zu werden“, sagt der Sohn. „Aber für ihn hat der Krieg gerade noch rechtzeitig geendet.“ Librescu überlebte eine Zeit, in der Leben und Tod so nah beieinander lagen, dass man sie kaum noch unterscheiden konnte.

Der Krieg ist vorbei, die Unterdrückung geht weiter. Im kommunistischen Rumänien studiert Librescu, um Flugzeugingenieur zu werden. Er trifft Marlena, die Tochter eines Mannes, den sein Vater im Arbeitslager kennengelernt hat. Der junge Ingenieur Librescu konstruiert Jets für das rumänische Militär – und träumt von Israel. „Die meisten unserer Nachbarn damals in Bukarest haben uns gehasst. Entweder, weil wir Juden waren. Oder weil wir keine Kommunisten waren“, erzählt Marlena Librescu. „Wir wollten weg. Wir haben uns in unserer Wohnung überwacht gefühlt, wie im Gefängnis. Aber wir bekamen keine Ausreisegenehmigung.“

Zwei Söhne werden geboren. Die schwarz-weißen Fotos von damals zeigen den Vater Librescu, stolz und ernst.

„Er hat seine Kinder sehr geliebt“, sagt seine Witwe. „Aber er war auch streng. Einmal kam Joe mit einer guten Mathe-Note nach Hause. Liviu sah sich die Arbeit an und sagte: ‚Die Note ist zu gut.‘ Er ging zum Lehrer und ließ sie umändern. Er glaubte fest daran, dass man nur lernt, wenn man es schwer hat.“

Dann endlich, 1978, dürfen die Librescus nach Israel auswandern. An der Universität von Tel Aviv wird Liviu Librescu zu einem Star der Luftfahrtindustrie.

„Ich wäre gern in Israel geblieben“, sagt seine Frau. „Aber Liviu suchte irgendwann nach einer neuen Herausforderung. Deswegen sind wir in die USA gegangen.“ Am 1. September 1985 unterrichtet er seinen ersten Kurs in den USA. An einem beschaulichen Ort, auf den die Welt einmal blicken wird. In Blacksburg, Virgina.

Der Morgen des 16. April 2007. Professor Librescu unterrichtet in Raum 204 des Uni-Gebäudes Norris Hall.

Seine Frau hat ihn früh zur Arbeit gefahren. „Er hat dieses Jahr zum ersten Mal in seinem Leben einen Morgen- kurs unterrichtet“, sagt seine Frau. „Sonst hat er nur nachmittags Kurse gegeben, weil er immer bis in die Nacht arbeitete. Aber ausgerechnet dieses Jahr..:“

„Go! Go! Go!“, schreit der Professor und stemmt sich gegen die Tür, als auf dem Flur Schüsse hallen. Seine Studenten springen aus dem Fenster im zweiten Stock. Sie landen lebend in einem Busch.

„Mein Mann wurde nicht durch die Tür erschossen“, sagt Marlena Librescu.

„Irgendwann schaffte der Mörder es in die Klasse. Er war wütend, weil die Studenten weg waren. Er hat Liviu gepackt, an eine Wand gestellt und hingerichtet.“

Aus dem Fernsehen erfährt Marlena Librescu vom Amoklauf. Sie hört, dass ihr Mann verletzt sein soll. „Ich rief alle Krankenhäuser an, aber er war nirgends eingeliefert worden.“

Abends wird sie in ein Hotel gerufen. Als sie das Zimmer betritt, sieht sie den Vize-Präsidenten der Uni und einen Arzt.

„Da wusste ich, was geschehen war.“

Professor Liviu Librescu ruht nah bei seiner Familie, auf einem stillen Friedhof, den Palmen beschatten. Der Erdhügel auf seinem frischen Grab ist braun und ausgetrocknet von der Sonne seiner Heimat. „Wir sind lange durch die Welt gezogen“, sagt seine Frau weinend. „Nun ist die ganze Familie wieder hier vereint. Wenn ich Liviu fragen könnte, wo er beerdigt sein möchte, würde er sagen: ‚In Israel.’“

Man steht am Grab und hofft, dass es schön ist, ein toter Held zu sein.

Die folgenden deutschen Zeitungen fanden Professor Librescu ebenfalls einer Würdigung wert:

FAZ

Hamburger Abendblatt

Spiegel

» an BILD

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13 KOMMENTARE

  1. sowas erfährt man natürlich nicht auf dem kritischem Bildblog des sozial hochengagierten Stefan Niggemeier.
    Wäre auch zu blöd, wenn man den Lesern dieses Blogs eine differenzierte Sichtweise zu ver-mitteln versuchen würde.

  2. sowas erfährt man natürlich nicht auf dem kritischem Bildblog des sozial hochengagierten Stefan Niggemeier.
    Wäre auch zu blöd, wenn man den Lesern dieses Blogs eine differenzierte Sichtweise zu ver-mitteln versuchen würde.

    „Ich bin tief betroffen und auch ein bisschen traurig …“

  3. Manchen ist das Thema „VT-Massaker“ einfach nicht soooo wichtig. Ganz unspektakulär.

  4. Auf Niggemeiers Bild-Blog erfahren wir vermutlich, daß der Bildartikel insofern unkorrekt war, als nicht berichtet wurde, daß damals 1943 der Verdacht gegen Librescu bestand, er habe ein Stück Brot gestohlen. Der Verdacht konnte nie wirklich widerlegt werden, aber das Verfahren mußte schließlich eingestellt werden. Bis kurz vor seinem Tod verweigerte Librescu eine Aufklärung des Vorfalls.

    Über diese dunklen Punkte im Leben Librescus berichtet BILD natürlich nicht, es ist ihr an unkritischer Heldenverehrung gelegen.

  5. die israelischen zeitungen jerusalem post, ha’aretz, yedioth ahronoth schrieben am 17.04.:

    Der aus Rumänien stammende Librescu, ein Überlebender der Shoah, war 1978 gemeinsam mit seiner Frau nach Israel eingewandert, nachdem sich MP Menahem Begin persönlich für die Ausreise des renommierten Wissenschaftlers eingesetzt hatte. Zuvor hatte er wegen seiner Affinität zum Zionismus Berufsverbot erhalten.

    http://nl-israel.cti-nm.de/index.php?mod=c4fbef7dc652fb7aa96b8c0f13518a39&sd=MjAwNy0wNC0xNyAxNzozMDowMg==

    zionismus?, menachem begin? da dampft der neue deutsche antisemitismus bei diesen „oberlehrern“, wie kollege gw schreibt, vermutlich gewaltig aus den poren.

    dieser umstand wurde so gut wie gar nicht in deutschen zeitungen erwähnt. auch die bildzeitung bleibt da merkwürdig nebulös.

  6. @ #6 bibo

    wird ein Deutscher gewesen sein, Ehrenmörder erschießen sich nicht selber, weil von der Richtigkeit ihrer Handlung überzeugt.

  7. @ #6 bibo:

    „Ersten Ermittlungen der Kriminalpolizei Schweinfurt zu Folge handelte es sich um ein getrennt lebendes Ehepaar türkischer Herkunft aus dem gastarbeiter-Milieu. Mehrere Zeugen haben beobachtet, dass der 39-jährige Mann zuerst seine 32-jährige Frau durch einen Kopfschuss getötet und dann sich selbst erschossen hat.“ Passt.

    http://www.sw-express.de/swex/news/detail.php?nr=10913

  8. @ #9

    Vielen Dank Maethor.
    Hätte mich auch sehr gewundert, wenn es ein Täter ohne „Migrationshintergrund“ gewesen wäre.

  9. „Man steht am Grab und hofft, dass es schön ist, ein toter Held zu sein.“

    Dieser letzte Satz des Bild-Beitrags klingt irgendwie nicht stimmig, fast ironisch oder gar zynisch. Wie ein taz-Satz, der sich über Heldentum mokiert. Ich vermute aber, dass die Autoren das nicht beabsichtigt und nicht bemerkt haben.

  10. @bibo:

    Ich dachte auch sofort an einen Täter mit islamischem Hintergrund, weil Schweinfurt als Industriestadt einen überdurchschnittlich hohen Bevölkerungsanteil von Muslimen aufweist (ca. 3500 bei etwas über 50.000 Gesamtbevölkerung).
    Der zitierte Artikel des SW-Express ist der mir bisher einzige bekannte, der den Hintergrund des Täters und des Opfers erwähnt.

  11. #12,

    Dass die Mohammedaner noch nicht die Umbennenung in Ochsenfurt gefordert haben!

    Und Kreuzberg, Tempelhof, St. Goar, Hindelang….

    Alles haram!

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