„Niemand streckte El Masri die Hand entgegen“

Das CIA-Opfer der Nation, Khaled el Masri, hat zugegeben, das Feuer in dem Großmarkt gelegt zu haben. Masris Anwalt Manfred Gnjidic ist außer sich vor Betroffenheit darüber, dass sein Mandant sich dieses verzweifelten Hilferufes bedienen musste, dass er zum Täter werden musste, um die Therapie zu bekommen, die man ihm als Opfer verwehrte. Und man muss Masri immerhin zugute halten, dass er es zuerst auf die sanfte Tour versucht und nur einer Verkäuferin ins Gesicht gespuckt hat.

Der Anwalt ist außer sich über die Kaltschnäuzigkeit des Staates, allen voran Ex-Innenminister Otto Schily, der seinem verzweifelten Ersuchen um eine Therapie des „Folteropfers“ nicht nachgekommen sei.

„Er musste Straftäter werden, um die Therapie zu bekommen, die ihm als Opfer seit Jahren zustand.“ Der Fall Masri werde zwar seit langem in der deutschen Öffentlichkeit breit diskutiert, „aber um den Menschen hat sich nie jemand gekümmert“. Niemand habe ihm einen Handlangerjob angeboten, damit er nicht über seinen furchtbaren Erlebnisse brüten müsse, und niemand habe ihm die Hand ausgestreckt.

Nun ja – den „Eigentümer“ der letzten ausgestreckten Hand schlug el Masri zusammen, es war die seines Ausbilders, bei dem er eine Weiterbildung machen sollte. Der lag nach Masris Ausraster drei Tage lang im Krankenhaus. Das könnte die Bereitschaft anderer zum Handaustrecken negativ beeinflusst haben.

Und so schrieb der unermüdlich am Opferstatus seines Mandanten arbeitende Gnjidic sogar an die Bundeskanzlerin, damit sie sich persönlich um seinen außer Kontrolle geratenen Mandanten kümmere.

Vor zwei Wochen habe er einen dringenden Brief an das Bundeskanzleramt geschrieben, weil er gemerkt habe, dass sein Mandant „instabil wurde“. Die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert aus dem Brief: Gnidjic habe Kanzlerin Merkel gewarnt, dass „die Angelegenheit nicht mehr zu kontrollieren sein wird“. Masri lebe völlig isoliert, sein Leben spiele sich zwischen Wohnzimmer und Toilette ab. Im Supermarkt würden die Leute auf ihn zeigen, selbst mulismische Freunde hätten sich abgewendet. Masri brauche eine Psychotherapie: „Kein Mensch dieser Welt ist in der Lage, als Opfer sich selbst zu heilen.“

Am 11. Mai schaltete das Kanzleramt den Angaben zufolge die bayerische Staatskanzlei ein, weil es sich nicht zuständig sah. Gnidjics Brief sei der Landesregierung mit dem Hinweis übergeben worden, es sei ein „verzweifelter und dringlicher Hilferuf“, die Staatskanzlei solle die verantwortlichen Behörden auf die „Dringlichkeit der Angelegenheit“ hinweisen. Am heutigen 17. Mai legte Masri dann das Feuer.

Zwangsläufig. Er konnte gar nicht anders. Die Gesellschaft hat nichts Besseres verdient. Gnidjic hat Masri im Gefängnis besucht und einen völlig gebrochenen Menschen getroffen.

Zum Motiv sagte Gnidjic SPIEGEL ONLINE, dass Masri vor zwei Wochen einen defekten iPod in dem „Metro“-Markt habe zurückbringen wollen. Das Gerät wurde nicht angenommen, es kam bei mehreren Besuchen zu einem Streit um die Garantie, bei dem Masri schon sehr aggressiv geworden sei – er soll einer Mitarbeiterin ins Gesicht gespuckt und Hausverbot bekommen haben. Der Streit mit dem Großmarkt sei wohl nur ein „zufälliger Auslöser“ gewesen.

Armer El Masri! Wie verzweifelt muss jemand sein, der sich so verhält?

» Lizas Welt: El-Masris Grundstressniveau

(Spürnasen: Bernd Dahlenburg und Urs Schmidlin)