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Mal ehrlich, wenn Sie die Aufgabe bekämen, eine Methode zu entwickeln, um „verborgene Strukturen von Macht und Kontrolle“ aufzudecken, würden Sie wohl genauso auf dem Schlauch stehen, wie wir, oder? Ganz anders die chilenische Künstlerin Lotty Rosenfeld, die die Aufgabe bei der Kasseler Documenta mit solcher Bravour löste, dass sie sich jetzt sogar missachtet fühlt. Vermutlich, weil´s zu leicht ging.

Gefunden haben wir die Geschichte bei Fakten & Fiktionen, aber die Sache ist zu schön, als dass wir die Finger davon lassen könnten. Um bei der großen Kasseler Kunstausstellung die bereits erwähnten „Strukturen von Macht und Kontrolle“ aufzudecken, bediente sich die Künstlerin einer Methode, die sie bereits seit 30 Jahren anwendet, die immer und überall funktioniert und besonders durch ihre geniale Schlichtheit verblüfft. Mit derselben Methode hatte sie seinerzeit schon rausgefunden, dass Augusto Pinochet ein Diktator war.

Und so funktioniert´s: Mit weissem Klebeband verwandelt die Künstlerin stinknormale Fahrbahnmarkierungen, also durchbrochene weisse Linien in Kreuze. Das war´s. „Und das soll funktionieren?“, fragen Sie jetzt. Und wie!

Kurz nachdem das Kunstwerk vollendet war, kam nämlich eine Polizeistreife des Weges, stellte eine mit der Strassenverkehrsordnung nicht im Einklang stehende Unregelmäßigkeit fest und alarmierte die Stadtreinigung, die die Klebebänder wieder entfernte.

Und damit waren die „Strukturen von Macht und Kontrolle“ in Kassel aufgedeckt: Die Polizei kontrolliert, und die Stadtreinigung macht´s weg.

Die Künstlerin selbst war eher unzufrieden mit der schnellen Auflösung. Schliesslich war das Werk für die Dokumenta gedacht, und die war noch nicht einmal eröffnet. Den Kasseler städtischen Arbeitern warf sie gar vor, „einen Akt der Gewalt“ begangen zu haben.

Liebe Frau Rosenfeld! Es hat sich vielleicht noch nicht bis Chile rumgesprochen, aber im Wegmachen von Kreuzen sind wir in Deutschland inzwischen so schnell, das glaubt uns keiner. Und wenn Sie mal wieder „verborgene Strukturen von Macht und Kontrolle“ aufdecken wollen, versuchen Sie doch mal das:

An einer Stelle, wo möglichst viele Documentabesucher drüberlatschen, schreiben Sie in arabischer Schönschrift das Wörtchen „Allah“ auf die Straße. Dann lernen Sie auch gleich mal kennen, was ein „Akt der Gewalt“ ist.

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