Buch-Tipp: Ist Frankreich noch zu retten?

SobeckAlexander von Sobeck, der als TV-Journalist in Paris arbeitet, folgt Heinrich Heine und erörtert kurzweilig „französische Zustände“. Wohin steuert Sarkozy? Jenseits des Rheins, wo europäische Illusionen zerbrachen, weil Paris gegen die Verfassung der EU optierte, blüht nationales Selbstbewusstsein. Keine Popularität genießt die Brüsseler Kommission. Viele Franzosen beklagen, „dass ein bürokratischer Wasserkopf das Schicksal der Bürger“ lenkt.

Sie favorisieren „eine Zusammenarbeit unabhängiger Staaten“. Kaum jemand will den türkischen Halbmond in der EU sehen.

Energisch definiert Frankreich seine Interessen und betont die „glorreiche“ Vergangenheit. Selten wurden eigene Kolonialverbrechen thematisiert; der Begriff „Algerienkrieg“ blieb lange verpönt. Deshalb ignorierte man, welche Probleme die Zuwanderung aus ehemaligen französischen Kolonien hervorruft.

Der Kritik an „Europa“ entspricht es, innere bürokratische Gängelung zu bekämpfen. Leichtfüßig improvisieren die Erben der Gallier, kaufen „auf Pump“, genießen eine 35-Stunden-Woche oder feiern krank.

Andererseits sind Dienstleistungen oft miserabel; zahlreiche Krankenhäuser bröckeln. Die politische Klasse, Frucht elitärer Hochschulen, ist kastenartig separiert, der Realität entfremdet, und halbfeudale „Klientelsysteme“ vernetzen einen bürgerlichen Neuadel.

Auch das Regierungssystem der 5. Republik ähnelt absolutistischen Zeiten. Der mächtige Präsident thront über instabilen Parteien. Wie einem Monarchen assistieren ihm „Handlanger“ genannte Premierminister. Unter Chirac erstarrte Frankreich, während Immigration und Arbeitslosigkeit zunahmen.

Der Multikulturalismus scheiterte völlig. Einwanderer maghrebinischer Herkunft leben isoliert. In Pariser Vorstädten toben Bürgerkriege, die koloniale Kämpfe fortsetzen, deren „Brutalität“ unseren Nachbarn tief erschüttert. Sarkozy, vormals Innenminister, missglückte es, das Debakel zu bewältigen.

Bei 8,7 % liege die allgemeine Arbeitslosigkeit relativ niedrig. Dennoch hat jeder vierte Jugendliche keine Stelle. Sobeck empfiehlt, weniger zu streiken, „Vollkasko-Ansprüche“ aufzugeben, öffentliche Betriebe zu privatisieren, die er für „Dinosaurier“ hält, der Globalisierung alle Tore zu öffnen. Ob diese simpel gestrickte Rosskur demokratische Legitimation benötige, fragt er nicht.

Zwar vergreise auch Frankreich, aber seit kurzem erzielt die Geburtenrate, staatlich massiv gefördert, europäische Spitzenwerte. Ab dem dritten Kind zahlen Familien keine Steuern mehr. Können wir davon lernen?

Sarkozy tendiert eher nach London und Washington. Das Verhältnis zu Deutschland werde er lockern und Frankreich „mit sich selbst“ beschäftigen.

(Buchbesprechung von Dr. Rolf Helfert)

» Alexander von Sobeck, Ist Frankreich noch zu retten? Hinter den Kulissen der Grande Nation, Propyläen, Berlin 2007, 368 Seiten, 19,95 Euro.