Mark WeilNoch vor zwei Monaten war Regisseur Mark Weil (Foto) auf einer Theater-Tournee in Jerusalem und Hannover. Mit seinem Theaterstück „Weißer, weißer, schwarzer Storch“, das über Männerliebe in einer Koranschule handelt, hat er die Gemüter des interessierten Theaterpublikums erhitzt. Es wurde applaudiert und kontrovers diskutiert. Für ein Theaterfestival in New York war das Stück zu politisch (inkorrekt?), deshalb wurde Mark Weil ausgeladen.

In Kabul, wo das Kulturministerium nach den Taliban versucht, den Anschein des Wiederaufkommens des Theaterlebens zu erwecken, war das Stück aus „religiösen Gründen“ auch nicht willkommen. Jetzt ist der bedeutendste Theatermacher Zentralasiens tot. Auf dem Kopf geschlagen mit einer Flasche und erstochen von zwei unbekannten Männern vor seiner Wohnung in Taschkent. Seine Brieftasche und sein Handy ließen die Täter unbehelligt. Er starb einen Tag vor der Premiere seiner Inszenierung des Aischylos-Stückes „Oresteia“.

Seine jüdischen Eltern wurden von Stalin nach Zentralasien verbannt, er selber war unter Beobachtung des KGB, weil seine avantgardistischen Theateraufführungen nicht in das Bild der Zensur passten. Nur die aufkommende Perestroika hat sein Theater vor der Schließung bewahrt. Seitdem war sein Theater Ilchom ein willkommener Gast in über zwanzig Ländern der Welt. Auch bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen wurden er und seine Schauspieler herzlich empfangen. Insbesondere in den USA, wo Mark Weil einen Zweitwohnsitz und einige Gastprofessuren hatte, wurden oft Ilchom-Stücke aufgeführt. Bis auf „Weißer, weißer, schwarzer Storch“, das höchstwahrscheinlich dort der linken PC-Selbstzensur zum Opfer fiel.

Ein Opfer ähnlich dem Regisseur-Kollegen van Gogh wurde auch Mark Weil. Nur wird er nicht im Gedächtnis des westlichen Massenpublikums bleiben. Eine Kurzmeldung auf Seite 23 einer Tageszeitung oder eine Online-Nachricht an nicht prominenter Stelle werden gar nicht gelesen oder verschwinden sehr schnell aus dem Gedächtnis. Ohnehin ist Usbekistan sehr weit, rauh und gefährlich, wie ein deutscher Theaterkollege im Interview mit dem Deutschlandradio feststellt (so weit ist Usbekistan von Deutschland keineswegs entfernt: die verhinderten Selbstmordattentäter und Konvertiten gehörten der Islamischen Jihad Union, die aus Usbekistan stammt, an).

Zwischen den Zeilen hört man aber: „Selber Schuld, wenn du solche politischen Themen aufgreifst!“ In einem anderen Kommentar wird über die Homosexualität in seinen Stücken gesprochen und suggeriert, dass Mark Weil schwul war. Was nach allem menschlichen Ermessen kein Todesurteil wäre, abgesehen davon war Mark Weil verheiratet und hatte Kinder.

Aber auch jetzt wie immer: es wird in alle Richtungen ermittelt. Man darf keine Vorverurteilungen machen und eine Religion des Friedens nicht diffamieren. Am Ende werden wie in Russland und anderen GUS-Staaten die Mörder nie gefunden. Oder werden tatsächlich ein paar drogensüchtige Straßenstricher aufgegabelt, die so lange geprügelt werden, bis sie „gestehen“. Um dann gesteinigt oder aufgehängt zu werden.

Nun ist ein großer Regisseur, Intendant und Theaterlehrer tot. Bestialisch ermordet in der Mitternacht vom 7. September. Sein Theater war eine „Zelle des Widerstandes“ im autoritär regierten Usbekistan. Widerstandes auch gegen den Islam, seine Diktatur und seine Zensur. In Weils Schauspielschule wurden hunderte begabte Schauspieler aller Nationalitäten und Religionen ausgebildet. Die Mutigsten von ihnen werden seinen Weg fortsetzen.

(Gastbeitrag von Marquis)

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18 KOMMENTARE

  1. Das wesentliche ändert sich nie.

    Auf dem Link zu dRadio steht: „Er habe ab und an mit Weil über Gefährdungen gesprochen, die der Beruf des Theaterregisseurs heute mit sich bringe,“

    Mark Weil könnte noch leben, wenn er sich anders verhalten hätte. Aber die Welt wäre ärmer, wenn es solche Menschen nicht gäbe.

    sich verneigend …

    Leserin

  2. Ich will hier nicht voreilig urteilen. Noch ist nicht bekannt welcher Art die Täter waren, auch wenn sich an jenem Ort eine bestimmte Tätergruppe und Motivation aufdrängt. Trotzdem … Zurückhaltung meine Damen und Herren, Morde werden auch aus anderen Motiven begangen. Schon schlimm genug, das die Welt wieder einen weiteren Künstler missen muß.

  3. Es muss doch wohl möglich sein, Kunst aufzuführen, ich meine, es wird ja keiner mit der Peitsche gezwungen, sich die anzusehen, ohne ermordet zu werden.

    Diese Intoleranz ist schon speziell einzuordnen.

  4. Ein guter, nachdenklicher Artikel.

    Ich hoffe, ihr informiert uns über die weiteren Ermittlungen.

    *ein Moment der Stille

  5. Mark Weil wird nicht das letzte politisch tolerierte und medial ausgeblendete Opfer bleiben.

    Mein ehrliches Beileid seinen Freunden und Angehörigen.

  6. Normale Menschen drücken ihre Abneigung gegen bestimmte Kunst durch Nichtbeachtung oder verbale Auseinandersetzungen mit dem Künstler aus.
    Wer jedoch nicht in der Lage ist sich auszudrücken oder totalitären Ideologien anhängt wird zur Gewalt greifen. Und hier ist wieder ein Mensch ermordet worden der sich für das einfachste der Menschenrechte eingesetzt hat. Das Recht auf Leben in Würde.

  7. Erschütternd, schrecklich. Ein trauriges Thema. Ein wichtiges Thema zugleich, danke an „PI“, denn wie hätte ich von dem Mord an Regisseur Weil ohne euch erfahren?! (Hm, Feindsender hören, wie die obrigkeitskritischen Deutschen um 1934-44.)

    Wir müssen uns für die Freiheit der Kunst einsetzen! Und uns nicht zum Schweigen zwingen lassen von der weltweit, (‚Globalisierung?)‘ einschüchternden ‚Religion des Friedens‘.

    Ein sehr moderner Mensch, ein emanzipierter Weltbürger und couragierter Kritiker jeder frömmelnden Kriecherei. Vielleicht können wir Arbeiten aus seinem Lebenswerk in unsere Hochschulen und Schulen hinein bringen.

  8. Es ist erschreckend, daß in einer freien Welt politische Kunstfreiheit mit dem Tod bezahlt wird. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen sowie den Freunden des Opfers.

    Apropos: Habt ihr heute in den Nachrichten mitbekommen, daß der Mörder der kleinen Hannah aus Königswinter gefaßt ist? Und man staune – ich habe das zumindest – es war ein Tscheche, der schwul ist. Hier wurde die Nationalität sowie seine sexuelle Ausrichtung wieder genannt. Ist doch komisch, oder? Bei anderen Nationalitäten wird die gerne weggelassen…

  9. Als Theo van Gogh ermordet wurde, erklärte mir damals ein türkischer Moslem:

    Der ist selber schuld, der hat des verdient, weil der hat den Islam beleidigt.

    Ich muss ehrlich sagen, ich habe bis heute noch nie etwas von Mark Weil gehört, aber die Begründung für die Tat würde auf ihn ebenso „passen“ wie auf Theo van Gogh.

    Islam ist Frieden. Steht jedenfalls so am IIZ in Ulm…

  10. @ JPershing:

    Islam ist Frieden. Steht jedenfalls so am IIZ in Ulm…

    Wenn Islam „Frieden“ bedeuten würde, bräuchte man dies nicht wirklich „hervorheben“. Aber ich werde immer mißtrauisch, wenn man mir „das Blaue vom Himmel erzählen will“ und ich mir eine andere Meinung bilde (was ích schon immer getan habe). Nur als Beispiel: Auch die Ahmadiyya hat ja als „Slogan“: „Liebe für alle, Haß für keinen“ Ich interpretiere ihn als „Liebe für alles Moslems, Haß für alle Ungläubigen!“

  11. Ein Mensch wurde ermordet. Das ist tragisch!

    Ebenso tragisch ist die Intention dieses Gastbeitrages, der vom ersten bis zum letzten Satz dem geneigten PI-Leser (der vermutlich noch nie von Mark Weil gehört hat) ein perfektes Opfer der ‚Musel’Aggression liefert. Jüdisches Elternhaus, von Kommunisten verfolgt, Islamkritiker. Sollten Ermittlungen doch ergeben, dass die Täter nicht aus dem vom Autor angepeilten Kreis stammen ist die Antwort bereits gegeben: „drogensüchtige Straßenstricher, zum Geständnis gezwungen“. Mein Vertrauen in die usbekischen Polizeikräfte geht allerdings nicht so weit, daher wird sich der Autor wohl kaum solchen Unbequemlichkeiten stellen müssen.

    Passend auch: In Kabul wurde sein Stück über Männerliebe in einer Koranschule abgelehnt … Ich frage mich, ob in Rom, Madrid, München oder Athen ein Stück über Männerliebe in einem Kloster oder über Kinderschändung von Priestern die Premiere überlebt hätte … Immerhin wurde Haderer in Griechenland wegen Blasphemie zu Knast verurteilt.

    Mark Weil wäre vermutlich von diesem Beitrag und einigen der Kommentare zu einem weiteren Stück inspiriert worden.

    RIP

  12. „Sein Theater war eine „Zelle des Widerstandes“ im autoritär regierten Usbekistan. Widerstandes auch gegen den Islam, seine Diktatur und seine Zensur.“

    Es trifft sicherlich zu, dass Usbekistan ein autoritär geführtes Land ist. Aber man sollte nicht vergessen, dass es kein islamisches Land gibt, wo die Behörden so hart und unnachsichtig gegen radikale Moslems vorgehen.
    Der Präsident Usbekistans Islam Karimov ist trotz seines Namens ein gnadenloser Feind des politischen Islams.

  13. @14 strangepork:
    In New York wurde Mark Weil auch ausgeladen. (Nicht nur in Kabul). In Jerusalem konnte man aber auch mit ortodoxen Muslimen und Juden diskutieren. Dito in Hannover.
    In mehreren europäischen Städten wurde das Stück „Leib Christi“ aufgeführt, wo Christus als ein homosexueller Stricher mit seiner Chaoten-Bande dargestellt wurde.
    Bei allen werbalen Protesten gegen dieses Stück (und mehrere andere Dramen) habe ich noch nicht gehört, dass ein Regisseur, Schauspieler oder Dramatiker dafür nur im Entfernesten körperlich angegriffen wurde. Im Gegenteil: sie geniessen ihr Erfolg und ihre PR!

  14. @15 pfaelzer: Usbekistans Regime fusst formal auf dem Islam. Hier gibt es nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: „moderate“ islamische Militärdiktatur oder ein muslimischer Gottesstaat.
    Was ist eigentlich mit meinem Verweis auf Islamische Jihad Union? Man muss nicht sehr viel Phantasie haben, um die Zusammenhänge zu sehen.

  15. @Marquis

    „Usbekistans Regime fusst formal auf dem Islam“

    Nach meinen Informationen betrachtet sich Usbekistan. als einen streng säkuralen Staat.

    In jeder Moschee sitzen beim Freitagsgebet Agenten der Sicherheitsdienste, und jeder Mullah der radikal islamistische Äusserungen von sich gibt, muss damit rechnen, das dies seine letzte Predigt war.

    Genauso achtet man auch auf junge Männer, die plötzlich sehr fromm werden, und anfangen 5 mal am Tag zu beten, und sich Bärte wachsen lassen.

    Auch diese Leute müssen damit rechnen, dass sie plötzlich in abgelegenen Regionen des Landes hinter Stacheldraht ihren Glauben nachgehen müssen.

    So hart es klingt, wie soll man sonst mit diesen islamischen Fanatikern umgehen?

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