Ahmadinedschad
Original von Amil Imani: Who is Mahmoud Ahmadinejad?

Ahmadinedschads Denkweise und Verhalten zu verstehen, erfordert eine eingehende Untersuchung der sorgfältig durchdachten und komplizierten Theologie der Hujjatiyyah-Schia, die vermutlich die fundamentalistischste aller schiitischen Sekten ist.

In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gründete eine Gruppe islamischer Geistlicher unter der Führung von Scheich Mahmoud Halabi (einem engen Vertrauten von Ayatollah Khomeini) in Maschad im Iran eine Gesellschaft, die sie Anjoman-e Khayryyehye Hujjatiyyah-ye Mahdaviat (Die mildtätige Gesellschaft des Mahdi) nannten. Die Mitglieder der Hujjatiyyah setzten sich hauptsächlich aus den Bazaar-i-Geschäftsleuten und fanatischen Mullahs zusammen. Unter vielen anderen Dingen waren sie vor allem gegen Kommunisten, Marxisten und Atheisten. Ihre übergreifende „Raison d’être“ (ihr Sinn und Zweck) war jedoch, die Welt auf die Ankunft des 12. Imams – des Mahdi – vorzubereiten.

Der wichtigste kurzfristige Tagesordnungspunkt auf ihrer Liste war jedoch, die Bahai zu schikanieren und zu verfolgen. Die Bahai sind eine religiöse Gruppierung, die einen kleinen Prozentsatz der iranischen Bevölkerung ausmacht. Tatsächlich wurde die Hujjatiyyah alternativ auch als „Anti-Bahai-Gesellschaft“ (Anjuman-e Zidd-e Baha’iyat) bekannt. Sie arbeiteten kollektiv an einem einzigen Ziel: Der Auslöschung der Bahai.

Die furchtbar bedrängte Zwangslage der Bahai im Iran ist besonders schmerzlich, weil sie die größte nicht-islamische Bevölkerungsgruppe im Land sind und vom ersten Tag an von Moslems sehr brutal behandelt wurden. Die Lehre der Bahai von Toleranz und Offenheit gegenüber Wissenschaft ist Moslems in vielerlei Hinsicht ein Gräuel, aber die Geschichte ihres Glaubens enthält auch direkte Herausforderungen gegenber der theologischen Legitimität der Mullahs. Diese Sklavenhalter sehen den Bahai-Glauben als Bedrohung für ihre eigene Version des Islam und die absolute theokratische Macht, die sie ihnen in die Hand gibt.

Der egomanische Präsident Ahmadinedschad ist Mitglied der Hujjatiyyah. Er sieht sich selbst als persönlichen Vasallen des Mahdi-Messias oder auch Verborgenen Imams,? mit dem er regelmäßig fantasierte Gespräche unter vier Augen führt.

Ahmadinedschad, ein Mann der von seiner Religion getrieben ist, hat in Ayatollah Mohammad Taghi Mesbah-Yazdi (dem De-facto-Führer der Hujjatiyyah) einen spirituellen Berater. Der Präsidentenberater ist für seine extremen Ansichten zum Islam bekannt und unterstützt Selbstmordattentate und Angriffe auf Zivilisten im Westen. Es gibt für ihn nur einen Islam. Er sagte einmal: „… wenn irgendjemand Euch seine eigene Interpretation des Islam vorstellt, schlagt ihm aufs Maul!“

Über Präsident Ahmadinedschad wurde innerhalb kürzester Zeit? im In- und Ausland enorm viel geschrieben: zelotisch, faschistisch, antisemitisch, irr und vieles andere. Ein prominenter westlicher Kolumnist bezeichnete ihn als „gestört“. Aber wir können diesen Mann nicht einfach als Geisteskranken abhaken, als jemanden, der dringend psychologische Hilfe braucht, als einen Menschen ohne Bezug zur Realität, ohne Substanz.

Einmal wieder ist der Westen dabei, Menschen und Ereignisse aus dem Nahen Osten falsch zu interpretieren und zu beurteilen, was daran liegt, dass man die Dinge durch das eigene Prisma sieht.

Wenn man den Mann durch die westliche Brille betrachtet, scheint er wirklich all das oben Erwähnte und mehr zu sein. Doch Ahmadinedschad ist weit davon entfernt, gestört zu sein. Tatsächlich ist er völlig ungestört fest mit Glaubensgrundsätzen verbunden, die ihm seine Sicht der Welt diktieren und ihn darüber instruieren, wie er aus seiner Machtposition heraus mit ihr umzugehen hat.

Ein gestörter Mensch hat das Potential, wieder „entstört“ zu werden. Aber man kann wenig bei einem Menschen ausrichten, der untrennbar und ungestört mit etwas verbunden ist, und Ahmadinedschads Ansichten sind fest in der am ausgeprägtesten orthodoxen Philosophie der Schia verwurzelt.

Für unsere Zwecke reicht es jedoch aus, die Tatsache zu benennen, dass Ahmadinedschad nicht geistesgestört ist; er zeigt keine Anzeichen von widersprüchlichen Gedanken oder Verhaltensweisen. Ahmadinedschad ist in sich absolut logisch. Ahmadinedschads Worte, Taten und Glaubensüberzeugungen weisen auf eine vollkommen ungestörte Person hin.

Es folgt eine Auswahl seiner Aussagen, Glaubensüberzeugungen und Taten. Egal ob man damit übereinstimmt oder nicht, sie fügen sich alle perfekt in ein widerspruchsfreies Muster ein.

– Er glaubt wortwörtlich an die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Mahdi – des Verheißenen der Schiiten – der erscheinen soll, um die dekadente und verkommene Welt in Ordnung zu bringen.
– Er sieht sich selbst als Vasallen des Mahdi, der für ihn arbeitet und ihm Rechenschaft schuldig ist.
– Seine Hauptaufgabe ist, die Welt vorzubereiten, um die Ankunft des Mahdi zu beschleunigen. Wenn diese Vorbereitung große Zerstörungen und Blutbäder bedeutet, dann sei es eben so.
– Als ehemaliger Bürgermeister von Teheran entwickelter er ausgefeilte Planungen, um die Stadt für die Ankunft des Mahdi vorzubereiten.
– Er bewilligte große Geldsummen für umfangreiche Straßenverschönerungen zu einer Moschee in Jamkaaran in der Nähe der Stadt Ghom, in der sich dem Glauben nach der verheißene Mahdi seit seinem neunten Lebensjahr vor mehr als 1100 Jahren in einem Brunnen verbirgt.
– Berichten zufolge besucht er den Brunnen regelmäßig und wirft seine schriftlichen Bittgesuche hinein, damit der verborgene Mahdi danach handeln möge.
– Er hat in Privatgesprächen gesagt, dass er es gewesen sei, der den Mahdi gebeten hat, Ariel Scharon den schweren Gehirnschlag aufzuerlegen.
– Er sieht die Juden als die eingeschworenen Feinde des Islam. Die Feindseligkeit geht zurück auf die Zeiten Mohammeds und dessen Behandlung der Juden von Medina. Zunächst nannte Mohammed die Juden zweckmäßigerweise „das Volk des Buches“ und gewährte ihnen so lange ein gewisses Maß an Toleranz bis er genug Macht erlangte, um seinen verheerenden Zorn auf sie zu entfesseln.
– Er sagt, der Holocaust sei ein Mythos. Er befindet sich in dieser Hinsicht in guter Gesellschaft mit einer ganzen Reihe anderer revisionistischer Fanatiker.
– Er will, dass Israel von der Landkarte getilgt oder nach Europa verlegt wird.
– In seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung beschwor er den Mahdi, zu kommen und die Welt zu retten. Er behauptete, dass ihn in den zwanzig eigentümlichen Minuten seiner Rede ein machtvolles Licht umgeben habe und dass alle Teilnehmenden wie gebannt gewesen wären, unfähig ihren Blick abzuwenden.
– Er glaubt, dass die Erde Allah gehört und dass alle Menschen entweder Gläubige seiner Ausprägung des Islam werden müssen oder als najis (unreine) Ungläubige, die durch ihre bloße Existenz Allahs Erde besudeln, verschwinden müssen.
– Er glaubt, dass dieses irdische Leben im Vergleich zu dem Leben nach dem Tode, das den frommen und treuen Gläubigen erwartet, vergänglich und wertlos ist. Demzufolge hält er auch an dem alten Glauben fest, dass ein Gläubiger, der einen Ungläubigen tötet, in Allahs Paradies einziehen wird, und ein Gläubiger der beim Dienst am Glauben getötet wird, ebenfalls. Somit ist das eine Win-win-Situation für den Gläubigen.

Ahmadinedschad ist ein ehrlich frommer Moslem. Unberechenbarkeit, Widersprüchlichkeit in sich selbst und Ungereimtheiten sind die Hauptsymptome von geistig Gestörten. Nach diesen Standards der Geisteskrankheit erscheint Ahmadinedschad vollkommen gesund. Er ist voll berechenbar, logisch und widerspricht sich nicht selber. Er gibt noch nicht einmal vor, dass er sich falsch ausgedrückt habe, oder entschuldigt sich für seine skandalösen Äußerungen. Er ist kein typischer Politiker, der verschlagen die Kunst der Doppelzüngigkeit und der Täuschung praktiziert, und er wechselt auch nicht nach momentanen Zweckmäßigkeiten seine Position.

Er weiß, wer er ist, was er glaubt und was seine Mission in diesem Leben ist: Dem verehrten Mahdi als Werkzeug zu dienen. Allah wird dafür sorgen, dass der Mahdi aus seinem Brunnen emporsteigt, sobald die Welt absolut hoffnungslos am Boden zerstört ist. Ahmadinedschad sieht sich selbst als Triebfeder, die eine bedeutsame Rolle dabei spielt, die Welt dazu zu bringen, am Boden zerstört zu sein. Und er plant, so bald wie möglich über ein Nuklearwaffenarsenal zu verfügen.

Es ist nichts wirklich „Gestörtes“ an Ahmadinedschads Denkweise, Äußerungen und Aktionen. Sie sind in sich selber logisch. Er ist nur ein Fanatiker, der mit einem extrem gefährlichen Glaubenssystem der Ausschließlichkeit verheiratet ist. Die Menscheit muss begreifen, dass es zu großem Leid führen wird, wenn man ihn einfach als Irren abhakt, so wie das auch bei Hitler geschehen ist.

Tragischerweise verkörpert Ahmadinedschad mehrere Millionen Menschen, die seine Besessenheit teilen und bereit sind, ihr Leben hinzugeben und so viele Leben, wie für den Dienst an ihrem Glauben nötig sind, mit sich zu reißen. In unserem Zeitalter der Massenvernichtungswaffen kann ein Mensch, der über riesige Summen von Petrodollars verfügt, als Katalysator für die totale Vernichtung fungieren.

Kluge Besonnenheit sollte dazu führen, alarmiert zu sein anstatt selbstgefällig verächtlich.

Ahmadinedschad und seinesgleichen sind nicht an Verhandlungen, Kompromissen oder irgendwelchen „Leben und Leben lassen“-Lösungen interessiert. Sie sind entschlossen, die Soldaten des Mahdi zu sein, komme was wolle. Sie haben kein Problem mit der totalen Zerstörung der Welt. Sie streben ein Leben ewiger Glückseligkeit in Allahs Paradies an. Sie scheren sich kaum darum oder frohlocken sogar, wenn der Rest der Menschheit einem tragischen Tod auf dem nuklear, biologisch und chemisch verseuchten Ödland des Planeten Erde ausgesetzt ist.

Die Menschheit kann sich das nicht erlauben und darf das Aufkommen einer letztendlichen Bedrohung von nichts Geringerem als ihrer Existenz auf diesem Planeten nicht ignorieren.

Der Autor des Originalartikels, Amil Imani, ist ein Exil-Iraner, der in den USA lebt.

(Übersetzung: Eisvogel)

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70 KOMMENTARE

  1. #61 Martellus

    Keine Sorge! Im Iran liegt zwar vieles im Argen, was sich auch nicht mittelfristig beheben lassen wird, aber Diskussionen um einen Mahdi sind wirklich zweitrangig nach Sprit- und Tomatenpreisen…

  2. An DerIraner@

    Nein ich sehe Rafsandschani nicht als Hoffnungsschimmer.

    Ausserdem sind erst im Jahre 2009 wieder Wahlen bis dann ist sowieso schon lange Krieg.

  3. An CA@

    #59

    Schön dass Du wieder dabei bist trotzdem:

    Was meinst Du mit „Spass“? Ich bin zwar ein flammender Befürworter eines Krieges gegen den Iran sehe dies aber nicht als „Spass“.

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