Mythen und Fakten über Israel

liberty.jpgAuf meinen letzten Artikel über die Rechtswidrigkeit der Verwendung eines Schul- hauses als Schutzschild hin, wurde ich von aufmerksamen Lesern, darauf hingewiesen, wir sollten nicht so einseitig berichten. Auch Israel habe Kriegsverbrechen begangen. Sicher haben der Staat Israel und die israelische Armee schon Fehler gemacht, aber bei Weitem nicht in dem Ausmaß und Umfang, wie sie in den hiesigen Mainstream-Medien breitgetreten wurden. In vielen Fällen wurden von den politisch korrekten Anti-Israel-Medien geschaffene Mythen erst durch das Weitererzählen und Weiterabdrucken langsam zu fest geglaubten Wahrheiten.

Eines der bekanntesten Beispiele soll hier exemplarisch dargestellt werden:

Der Untergang der USS Liberty, der Mythos, Israel hätte vorsätzlich ein US Kriegsschiff versenkt.

Was nicht in unseren Zeitungen stand, aber damals tatsächlich geschah:

Der israelische Angriff auf die USS Liberty war ein schrecklicher Irrtum. Er geschah auf Grund der allgemeinen Verwirrung auf dem Höhepunkt der Kampfhandlungen im Jahr 1967. Nach insgesamt zehn offiziellen Untersuchungen des Vorfalls von amerikanischer Seite und dreifacher Prüfung durch Israel kamen beide Seiten zum Schluss, dass es sich bei dem Angriff um einen tragischen Fehler gehandelt hatte.

Am 8. Juni 1967, dem vierten Tag des Sechs-Tage-Krieges, erhielt das israelische Oberkommando die Information, dass die israelischen Truppen in El Arisch von See aus beschossen würden – höchstwahrscheinlich wie am Tag zuvor von einem ägyptischen Schiff.

Die Vereinigten Staaten hatten wenige Tage zuvor mitgeteilt, sie hätten innerhalb einer 100-Meilen-Zone um die Kampffront keine Marineeinheiten stationiert. Dennoch kreuzte die USS Liberty, ein Schiff des amerikanischen Geheimdienstes, das den Auftrag hatte, die Kampfhandlungen zu überwachen, 14 Meilen vor der Sinai-Küste. Grund dafür war eine Reihe von Fehlern bei der Nachrichtenübermittlung im Stab der Vereinigten Staaten, die dazu führten, dass die Liberty die Nachricht, sie dürfe sich dem Küstenbereich nur auf höchstens hundert Meilen nähern, nicht erhielt. Die Israelis wiederum glaubten in dem dicht vor der Küste liegenden Schiff die Ursache des auf sie gerichteten Sperrfeuers entdeckt zu haben und griffen es mit Flugzeugen und U-Booten an. Bei dem Angriff wurden 34 Besatzungsmitglieder der Liberty getötet und 171 verletzt.

Auf beiden Seiten – auf amerikanischer und israelischer – sind Fehler gemacht worden. So hieß es zum Beispiel anfangs, die Liberty kreuze mit einer Geschwindigkeit von dreißig Knoten vor der Küste – was, wie sich später herausstellte, nicht richtig war; ihre Geschwindigkeit betrug in Wahrheit nur 28 Knoten. Nach damaliger israelischer (und amerikanischer) Marinevorschrift galt ein Schiff, das mit einer solchen Geschwindigkeit unterwegs war als Kriegsschiff. Als die Kämpfe begannen, hatten die Israelis die Amerikaner darum gebeten, die US-Schiffe von der Küste zurückzuziehen oder ihre genaue Position durchzugeben.(1) Die Sechste Flotte war daraufhin zurückbeordert worden, weil Präsident Johnson eine Konfrontation mit der Sowjetunion befürchtete. Gleichzeitig hatte die Luftwaffe Anweisung, die Sinai-Halbinsel weiträumig zu vermeiden.

Israels Generalstabschef Yitzhak Rabin schrieb in seinen Memoiren, dass die israelische Armee Order hatte, jedes unidentifizierte Schiff in Küstennähe anzugreifen.(2) Die See war an diesem Tag ruhig, was den amerikanischen Marinegerichtshof zu dem Schluss brachte, dass die Flagge der Liberty höchstwahrscheinlich schlaff herunterhing und deshalb nicht zu erkennen war. Nach Aussage von Mitgliedern der Besatzung, darunter dem Kapitän Commander William McGonagle, stürzte der Flaggenmast bereits beim ersten oder zweiten Treffer um.

In einem Bericht des amerikanischen Geheimdiensts CIA über den Zwischenfall vom 13. Juni 1967 wurde außerdem darauf hingewiesen, dass ein übereifriger Pilot die Liberty durchaus mit dem ägyptischen Schiff El Queisir hätte verwechseln können. Nach dem Luftangriff identifizierten israelische Torpedoboote die Liberty als Schiff der ägyptischen Marine. Als die Liberty das Feuer auf die Israelis eröffnete, antworteten diese mit einem Torpedoangriff, durch den 28 Matrosen getötet wurden.

Für die Erkenntnis, dass der Angriff ein tragischer Irrtum war, spricht auch eine erst kürzlich erschienene Biografie von Yitzhak Rabin, der im Sechs-Tage-Krieg israelischer Generalstabschef gewesen war. Darin heißt es, dass die Israelis zunächst erschraken, weil sie glaubten, ein sowjetisches Schiff torpediert und damit die Sowjetunion mit in den Krieg hineingezogen zu haben. Deshalb waren sie im ersten Moment fast erleichtert, als sie erfuhren, dass es sich um ein amerikanisches Schiff handelte, obwohl Rabin natürlich fürchten musste, auf Grund dieses verhängnisvollen Missverständnisses die so dringend benötigte amerikanische Unterstützung für Israel zu verlieren.(3)

Sobald für die Israelis kein Zweifel mehr daran bestand, was wirklich geschehen war, unterrichteten sie die amerikanische Botschaft in Tel Aviv über den Vorfall. Sie boten an, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Verletzten vom Schiff zu bergen und das Schiff selbst zu retten. Das Angebot wurde angenommen, und ein amerikanischer Marineattaché wurde per Hubschrauber zur Liberty gebracht.

Viele Überlebende der Liberty waren und sind jedoch, wie man ihrer Website im Internet entnehmen kann, überzeugt, dass der Angriff vorsätzlich erfolgte. 1991 verkündeten die Journalisten Rowland Evans und Robert Novak, dass sie einen Amerikaner ausfindig gemacht hätten, der behauptete, er habe sich in der israelischen Kommandozentrale aufgehalten, als die Entscheidung fiel, das Schiff im vollen Wissen darüber, dass es sich um ein amerikanisches Schiff handelte, anzugreifen.(4) Der Betreffende, ein gewisser Seth Mintz, machte jedoch einen Rückzieher und ließ in einem Brief an die Washington Post vom 9. November 1991 wissen, dass Evans und Novak ihn falsch zitiert hätten und der Angriff in Wirklichkeit auf eine „Verwechslung“ zurückzuführen sei. Außerdem stellte sich heraus, dass der Mann, mit dem Mintz ursprünglich zusammen gewesen sein will, ein General Benni Matti, überhaupt nicht existierte.

Auch die Behauptung, ein israelischer Pilot habe das Schiff auf einer Bandaufzeichnung als amerikanisches Schiff identifiziert, konnte durch die Vorlegung des entsprechenden Bandes nicht bestätigt werden. Im Gegenteil, die einzige Bandaufzeichnung, die tatsächlich existiert, ist das offizielle Band der israelischen Luftwaffe, aus dem eindeutig hervorgeht, dass die israelischen Piloten vor dem Angriff keine solche Identifikation vornahmen. Sie belegt weiter, dass die Piloten, nachdem Zweifel über die Identität des Schiffes aufgetaucht waren, die Nummer am Schiffsrumpf entzifferten und den Angriff einstellten. Die Aufzeichnungen enthalten keinerlei Aussage, die darauf hindeutet, dass die Piloten vor dem Angriff die amerikanische Flagge erkennen konnten.(5)

Keiner der Kritiker Israels kann eine vernünftige Erklärung dafür vorlegen, warum Israel in einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten praktisch seine einzigen Verbündeten waren, vorsätzlich ein amerikanisches Schiff hätte angreifen sollen. Sehr viel einleuchtender ist die Erklärung, dass Fehler in der noch sehr schwerfälligen Nachrichtenübermittlung in einer Zeit höchster Anspannung sowohl auf israelischer als auch auf amerikanischer Seite zu Missverständnissen und Verwirrungen geführt haben.

Derartige Zwischenfälle sind in Kriegszeiten leider nicht selten. 1988 schoss die amerikanische Marine irrtümlich ein iranisches Passagierflugzeug ab; 290 Zivilisten kamen dabei ums Leben. Im Golfkrieg kamen 35 der 148 Amerikaner, die im Kampf fielen, im Feuer ihrer eigenen oder verbündeter Truppen um. Im April 1994 wurden zwei amerikanische Hubschrauber, die deutlich sichtbar die amerikanische Flagge am Heck trugen, an einem klaren Tag in der Sperrzone über dem Irak von der amerikanischen Luftwaffe abgeschossen; dabei starben 26 Menschen. Und noch am Tag vor dem Angriff auf die Liberty griffen israelische Piloten versehentlich ihre eigenen bewaffneten Kolonnen südlich von Jenin in der Westbank an.(6)

Der pensionierte Admiral Shlomo Erell, der im Juni 1967 den Oberbefehl über die israelische Marine hatte, äußerte am 5. Juni 1977 gegenüber Associated Press:

„Kein Mensch wäre auf den Gedanken gekommen, dass ein amerikanisches Schiff sich dort aufhalten würde. Nicht einmal die Vereinigten Staaten wussten, wo genau ihr Schiff sich befand. Wir hatten von den zuständigen Stellen lediglich die Information, dass sich kein amerikanisches Schiff innerhalb der 100-Meilen-Zone aufhalte.“

Und Verteidigungsminister Robert McNamara erklärte am 26. Juli 1967 vor dem Kongress:

„Der Untersuchungsausschuss unter der Leitung eines Admirals der Marine, der unser absolutes Vertrauen besitzt, kam zu dem Schluss, dass der Angriff nicht vorsätzlich erfolgt ist.“

1987 gab McNamara noch einmal seiner Überzeugung Ausdruck, dass es sich bei dem Angriff um einen Irrtum gehandelt habe. Gegenüber einem Anrufer in der „Larry King Show“ sagte er, dass ihm in den zwanzig Jahren, die seither vergangen waren, nichts zu Ohren oder vor die Augen gekommen sei, das seine Überzeugung, dass es keine „Vertuschung“ gegeben habe, ins Wanken gebracht hätte.(7)

Israel entschuldigte sich für die Tragödie und leistete Wiedergutmachungszahlungen in Höhe von insgesamt fast dreizehn Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten und an die Familien der Opfer. Am 17. Dezember 1987 wurde die Angelegenheit durch einen Austausch diplomatischer Noten zwischen den beiden Regierungen offiziell beigelegt.

Anmerkungen:

1 Yitzhak Rabin: The Rabin Memoirs; CA: University of California Press 1996, S. 110.
2 Rabin, S. 108-109.
3 Dan Kurzman: Soldier of Peace: The Life of Yitzhak Rabin; NY: Harper Collins 1998, S. 224-227; Rabin, S. 108-190.
4 Washington Post, 6. November 1991.
5 Hirsh Goodman: „Messrs. Errors and No Facts“, Jerusalem Report, 21. November 1991.
6 Hirsh Goodman und Ze’ev Schiff: „The Attack on the Liberty“, Atlantic Monthly, September 1984.
7 „The Larry King Show“, (Radio), 5. Februar 1987.

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