Thierse VielfaltBundestagsvizepräsident Thierse (Foto) hat sich über den Umzug eines Wochenmarktes beschwert und dafür das Briefpapier seines Amtes benutzt. Der Markt zog von der einen Seite des Kollwitzplatzes in Prenzlauer Berg auf die andere um und liegt nun quasi unter Thierses Fenster.

Die Welt berichtet:

Gern und oft rühmt sich Wolfgang Thierse damit, eine Art Urgestein Prenzlauer Bergs zu sein. Auf seiner Internetseite zum Beispiel. Neben einem Foto von sich in blauem Oberhemd mit einem locker über die Schulter geworfenen Sakko schreibt er: „Seit über 20 Jahren wohne ich am Kollwitzplatz in direkter Nähe zum Wasserturm, dem Wahrzeichen von Prenzlauer Berg.“

Und im aktuellen Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ verrät er in der Rubrik „Der perfekte Plan“ seine Geheimtipps für „Berlin, Prenzlauer Berg“. Da schreibt der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, seit „mehr als 30 Jahren“ am Kollwitzplatz zu wohnen. Ob nun seit 20 oder 30 Jahren – jedenfalls, so Thierse, „lang bevor die vielen jungen Leute aus der ganzen Welt hierher gezogen sind“.

Der „perfekte Plan“ hat noch vor Erscheinen Risse bekommen. Vielleicht sind „die vielen jungen Leute“ Schuld. Jedenfalls ging es bei einer Ausschusssitzung am vergangenen Dienstag eigentlich nur am Rande um einen Brief – der jetzt allerdings für Aufregung sorgt. Der Absender: Wolfgang Thierse. Der Adressat: Das Bezirksamt Pankow, Abteilung Öffentliche Ordnung.

In dem Brief geht es um die Verlegung des Sonnabend-Marktes am Kollwitzplatz von der Wörther Straße in die Knaackstraße. Thierse nennt den Vorgang ein „Paradebeispiel kommunaler ‚Demokratie’“, betroffene Bürger seien getäuscht worden. Er halte das alles „für höchst befremdlich“.

Befremdlich für den Adressaten war jedoch die Tatsache, dass Wolfgang Thierse den Brief nicht als Privatperson oder als SPD-Bundestagsabgeordneter, der sich für seinen Wahlkreis engagiert (zu dem auch der westliche Teil Prenzlauer Bergs gehört) unterschrieb, sondern als Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

Hintergrund des Briefes ist eine Entscheidung des Bezirksstadtrats Jens-Holger Kirchner (Grüne), der auch die Abteilung Öffentliche Ordnung leitet. Kirchner hatte am 11. Januar bei einem eineinhalbstündigen Rundgang vor Ort beschlossen: Der Wochenmarkt wird nicht zu seinem alten Standort zurückkehren, sondern in der Knaackstraße bleiben. Ursprünglich hatte es geheißen, die Verlegung von der Wörther Straße rund 50 Meter weiter südlich in die Knaackstraße sei eine Übergangslösung, nur für die Zeit, in der am eigentlichen Standort gebaut werde.

„Die nun getroffene Entscheidung war das Ergebnis einer intensiven Meinungsbildung, ich bin überzeugt davon, dass sie richtig ist“, sagt Stadtrat Kirchner. Die Wörther Straße sei nun als verkehrsberuhigte Zone mit Pollern zu eng und eine Ausweitung des Marktes auf den Bürgersteig nicht erwünscht. Auch Marktbetreiber Andreas Strube hält die Verlegung für sinnvoll: „Ich wüsste keine andere Möglichkeit. Bis auf ein paar Anwohner sind alle zufrieden mit der Lösung.“

Die „paar“ Gegner jedoch scheinen mit dem Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages einen prominenten Frontmann zu haben. Stadtrat Kirchner bleibt trotzdem bei seinem Urteil: Das Viertel sei beliebt, Menschen wohnten gern dort – weil etwas los ist, „weil sie es chic finden“. Und: „Es ist doch obskur, das Flair, die angebliche Toleranz zu loben – doch den Rummel dann nicht vor der eigenen Haustür zu wollen. Dahinter könnte man Kleinbürgerlichkeit vermuten.“ Kirchner kritisiert: „Wenn Herr Thierse als Wahlkreisabgeordneter geschrieben hätte, wäre das etwas anderes, doch diese Art und Weise ist unverständlich.“

Das Schreiben mit dem Bundesadler im Briefkopf wird nun trotzdem wie jedes andere behandelt. In den nächsten Tagen werde das Büro des Vizepräsidenten eine Antwort der Abteilung Öffentliche Ordnung erhalten. Mit einer Erläuterung dazu, wie es zu der Entscheidung kam.

Wolfgang Thierse entschuldigt sein Vorgehen, er habe versehentlich als Vizepräsident des Deutschen Bundestages unterschrieben: „Die Verwendung des Kopfbogens ist der Eile geschuldet und also ein Versehen. In der Sache geht es darum, dass die Anwohner der Knaackstraße nicht gefragt wurden beziehungsweise ihnen etwas anderes zugesagt als dann entschieden wurde. Dies ist der Inhalt meines Schreibens.“

Ein weiteres Kapitel aus der SPD-Serie „Wasser predigen und …“

» wolfgang.thierse@bundestag.de

(Spürnase: Felix)

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