Rufer im WaldeIn einem Interview mit hr2 hat Jens Jessen, Feuilleton-Chef der ZEIT, gestern noch einmal Stellung genommen zu den medialen Reaktionen auf seine Videobotschaft, in der er dem in der Münchner U-Bahn fast zu Tode geschlagenen Rentner indirekt die Schuld an der brutalen Gewalttat eines türkischen und griechischen Migranten gab. Jessen nimmt in dem Gespräch, das PI nachfolgend dokumentiert, nicht die Gelegenheit wahr, sich für seine Unterstellungen zu entschuldigen – im Gegenteil.

Sein Thema ist, dass die Meinungsfreiheit im Internet schlecht ist (siehe dazu auch sein Gesinnungsgenosse Hans Leyendecker: „Blogger zum Teil antidemokratisch“) und dass die Medien da eine „Vorauswahl“ betreiben, die natürlich in seinem Sinne sein soll. Es geht ihm darum, kritische Stimmen mundtot zu machen und er nennt als Vorwand entgleiste Kommentare. Diese sind natürlich nicht zu entschuldigen, doch Jessen selbst hat sie durch seine rassistischen Äußerungen gegen Rentner provoziert. Wer so viel Hass sät wie Jessen, wer Opfern brutalster rassistischer Gewalt die Solidarität verweigert, seine rassistischen Ressentiments so offen ausdrückt wie Jessen, der schürt Aggression, Wut und Verzweiflung. Der gießt Öl ins Feuer, wo es gälte, mit den Opfern von Gewalt und Rassismus Solidarität zu zeigen. Er entschuldigt die Täter, und liefert damit sogar einen Vorwand für weitere, mögliche Hassverbrechen. Worin unterscheidet sich Jessen eigentlich noch von neonazistischen Einpeitschern, außer dass seine Objekte der Diffamierung eben nicht Migranten, sondern Einheimische sind?

Aber lesen bzw. hören Sie doch selbst:

Moderatorin: Haben Sie auch gedacht, in aller Ernsthaftigkeit, man muss es doch sagen dürfen? Oder warum haben Sie das gemacht?

Jessen: Nein, das habe ich eigentlich nicht gedacht. Ich habe gedacht, man muss mal etwas anderes sagen, als das, was immer gesagt wird. Nämlich dass es ein riesiges, gewaltiges, schreckliches Problem mit ausländischer Jugendgewalt gibt. Und mir ging es darum, den Blick auf etwas zu lenken, worüber eben wenig oder ungern gesprochen wird: Dass es vielleicht für die Integration auch ein atmosphärisches Hindernis gibt in der Gesellschaft. Das war mein Antrieb.

Jetzt reden wir ja in dieser Sendung vor allen Dingen auch um die mediale Wirkung von solchen Äußerungen. Sie haben sich als Medium die Videobotschaft ausgewählt, die man von Al-Kaida ebenso kennt wie von der Kanzlerin. Wieso sind Sie auf das Internet gegangen? Wieso eine Videobotschaft?

Na, da muss ich gestehen, dass ich mir das überhaupt nicht ausgewählt habe. Ich bin darum gebeten worden, für unser Portal eben solche Videokommentare zu sprechen. Und es hat sich denn auch gleich gezeigt, dass ich damit auch wahrscheinlich keine Erfahrung habe. Und wahrscheinlich ganz viele von uns nicht, weil das Internet offenbar ein Raum ist, der zwar öffentlich ist, aber anders strukturiert als die öffentlichen Räume, in denen sich zum Beispiel der Hörfunk oder eine gedruckte Zeitung bewegen. Wo es eine Vorauswahl des Publikums gibt, und wo man ungefähr den Horizont kennt der Leute, zu denen man spricht; und das ist im Internet offenbar vollständig unberechenbar – und nicht nur das: Es ist auch ein Raum, in dem sich sehr schnell eben Netzwerke organisieren lassen, um missliebige Meinungen eben zu perhorreszieren. Also das war eine ganz gespenstische Erfahrung mit welcher Geschwindigkeit und wie – das sah man dann an so stereotypen Formulierungen – eben, wie stark synchronisiert sich da Leute melden können.

Sie sind ja auch mit der Videobotschaft, Herr Jessen, dann, sagen wir mal medial übergreifend, zitiert worden. Sie sind ja wieder in die Printmedien gekommen, in dem Fall in die Bildzeitung auf die andere Hälfte der Doppelseite war Frank Schirrmacher zitiert. Was haben Sie denn gedacht, als Sie das gesehen haben?

Na ja, also das ist so ne – ist auch eine ambivalente Erfahrung. Das ist so ne Mutprobe – das muss man aushalten. Aber es ist auch ein Ritterschlag. Also von der Bildzeitung gehasst zu werden, das ist sozusagen eine – vielleicht die letzte – Möglichkeit, in einer Demokratie geadelt zu werden. Die Internet-Erfahrung ist etwas anderes: Also das ist ein unfassbarer Hass, der sich da artikuliert. Eben, das hat nicht dieses Kühle und strategisch Geplante, was die Bildzeitung ja immer hat, sondern, eben, das ist so ein richtiger Mob. Insofern auch ernüchternd, weil man ja lange gedacht hat, dass das Internet auch so – in gewisser Hinsicht – ein emanzipatorisches Medium ist, in dem sich sozusagen das Bessere im Menschen, das Aufgeklärte, eine vorurteilsfreie Diskutierfreude artikulieren würde. Das muss es aber eben, wie man jetzt gesehen hat, gar nicht tun. Es kann genauso gut eben ein Forum für schlimme und schlimmste eben Ressentiments, Volksverhetzung, Gewaltandrohung usw. sein.

Ist es das, was da kommt?

Ja! Das ist unglaublich! So Lieblingsphantasie eben, die dann auch so stereotyp wiederholt wird, ist die Hoffnung, dass eben ausländische Jugendliche mir bald den Schädel eintreten und meine Frau vergewaltigen; oder dass sie wünschen, dass ich mal den Kameraden der Leserbriefschreiber begegne – solche Sachen.

Also offensichtlich haben Sie doch auch da mit einem Tabu gebrochen. Waren Sie sich dessen bewusst? Würden Sie sich auch vielleicht wieder so äußern?

Na ja, also jetzt wird man nie wieder zurückweichen können, nicht. Das ist ausgeschlossen. Diesen Leuten kann man kein Zeichen der Schwäche, nicht mal ein Zucken gönnen. Das erstaunliche ist eben, dass das Internet eben ein Forum bietet, eben, sozusagen für die schlimmsten Segmente unserer Gesellschaft, sich Mehrheiten zu organisieren. Das muss man einfach so sagen. Wenn es irgendwann schreckliche, politische Bewegungen gibt, dann werden die eben auf solche Erfahrungen zurückgreifen können.

Jens Jessen, Feuilleton bei der Zeit, über die Videobotschaft und die Folgen.

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