FAZ vergleicht Erdogan mit Kennedy

Kennedy in Berlin„Wir alle sind Menschen“, nun wissen wir es also ganz genau. Nun ja, dass sowohl Deutsche als auch Türken der Gattung Homo Sapiens angehören, ist eigentlich nichts neues. Aber für Volker Zastrow von der FAZ hebt diese Aussage des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan denselben auf eine Ebene mit John F. Kennedy und Charles de Gaulle.

Dass wir diese große Wahrheit (dass Erdogan derart hoch zu achten ist) nicht erkennen, so legen jedenfalls Zastrows Worte nahe, liegt lediglich an unserem latenten Hochmut gegenüber den Türken. Oder wie soll man folgende Worte sonst verstehen:

Aber auf Türken schaut man in Deutschland und Westeuropa wegen des ökonomischen und zivilisatorischen Rückstands des Landes immer auch ein wenig herab.

Zastrow weiter:

[…] vertut man sich nicht, Erdogan einen Großen zu nennen, dem nicht viele das Wasser reichen können.

Mit Verlaub, werter Herr Zastrow, aber ist das nicht ein wenig zuviel des Lobes? Ich kann es ja verstehen, wenn man sich bei den zukünftigen Herrschern schon mal beliebt machen will, aber ein wenig Selbstachtung sollte dann vielleicht doch noch vorhanden sein.

Und dass es ein großer Verdienst ist, ein Land von der „kemalistischen Ordnung“ in eine islamische Herrschaft zu führen, will zumindest mir nicht so ganz einleuchten. In einem freilich hat Zastrow durchaus recht: Der islamische Kurs Erdogans kann unmöglich mit fanatischem Terrorismus gleichgesetzt werden. Erdogan geht nämlich subtiler vor. Bis jetzt konnte mir aber noch niemand glaubhaft machen, dass Erdogan sich von den Worten „Die Demokratie ist der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten“ in irgendeiner Weise tatsächlich verabschiedet hätte.

Dass Erdogans AKP behauptet, ihr Weltbild aus der Religion abzuleiten, ist auch nicht unbedingt geeignet, Bedenken zu zerstreuen. Schließlich ist die Religion, auf die sich die AKP beruft, der Islam, und dort kommen Christen und Juden nicht unbedingt besonders gut weg – von Atheisten ganz zu schweigen. Erdogan sage, es sei geboten, die Menschen als Gottes Geschöpfe und in ihnen Gott selbst zu lieben. Aber auch bei diesen Worten will einem nicht wohl werden, wenn man gleichzeitig bedenkt, dass Juden und Christen im Koran Affen und Schweine genannt werden.

Nun gut, Erdogan beruft sich auf „unsere Zivilisation“, aber ich glaube nicht, dass er damit gemeint hat, Europa und die Türkei hätten eine gemeinsame Zivilisation. Und selbst wenn er es so gemeint hätte, bliebe dann immer noch, dass das nicht stimmte! Islam und Christentum haben außer der Tatsache, dass Mohammed ein paar Versatzstücke aus dem Alten und Neuen Testament verwendete, nichts gemeinsam. Tatsache ist weiterhin, dass unsere westliche Art zu leben, absolut nicht kompatibel ist mit dem Islam.

Dass Erdogan nicht wie jemand auftritt, dem Integration abverlangt wird, hat durchaus seinen Grund. Er weiß schließlich ganz genau, dass die überwältigende Mehrheit der politischen Führung der Europäischen Union sich geradezu überschlägt mit immer neuen Integrationsbemühungen in die islamische Welt. Und dass Vorschläge, türkische Lehrer nach Deutschland zu senden sowie türkische Universitäten zu gründen, von Selbstbewußtsein zeugen, ist ebenfalls zutreffend. Fragt sich nur, auf wessen Kosten dieses geht.

Nicht nur Volker Zastrow muss jedenfalls schlucken, als er Erdogan einen Aufklärer nennt.

» zastrow@faz.net

(Gastbeitrag von Simon B.)