Können diese Augen lügen?

kurnaz_200.jpgDie Geschichte war ganz nach dem Geschmack deutscher Qualitätsjournalisten: Ein frommer Mann macht sich mit Kampfanzug und Fernglas auf die Pilgerreise, um die Schönheit des Islam zu entdecken, wird in Pakistan von brutalen Amerikanern verschleppt und – das Beste! – auch noch von verhassten Bundeswehrsoldaten misshandelt. Entsprechend laut war der wochenlange Medienrummel. Entsprechend leise die Resonanz auf das Ergebnis einer staatsanwaltschaftlichen Untersuchung, die jetzt die Märchen aus 1001 Nacht ins Wanken bringt.

Schon die Schilderungen des späteren Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz über angebliche Misshandlungen nach seiner Festnahme im afghanisch pakistanischen Grenzgebiet mussten jeden, der noch über gesunden Menschenverstand verfügte, ins Zweifeln bringen. Zu bereitwillig nahm der durch die Talkshows tingelnde wohlgenährte Vollbart jede Einladung an, immer noch eins drauf zu setzen. So wollte er gleich tagelang nackt und bei eisigen Temperaturen an den Armen aufgehängt worden sein. Eine Behandlung, die kein Pferd überleben würde.

Aber kritischer Journalismus ist nicht gefragt, wenn antiamerikanische Vorurteile zu bedienen sind, und so stieg und stieg die gutmenschliche Empörung, die Schilderungen wurden von Mal zu Mal dreister und die geheuchelte Betroffenheit der Medien erreichte ihren Höhepunkt, als Kurnaz schließlich auch noch deutsche Soldaten beschuldigte, ihn gehauen zu haben, statt ihn mit einem kühnen Handstreich aus der Hand des Feindes zu befreien.

Hatten wir es nicht seit den Tagen der Ostermärsche gewusst? Früher oder später würde Deutschland sich durch die Wiederbewaffnung wieder schuldig machen. Endlich war es soweit! Ausgerechnet zwei muslimische Mithäftlinge bringen das Lügengebäude des Murat Kurnaz jetzt zum Einsturz.

Die Allgemeine Zeitung berichtet:

Am 24. Januar hat Oberstaatsanwalt Michael Pfohl die beiden Zeugen, die ungefähr im gleichen Alter wie Kurnaz sind, in einem Berliner Hotel abgeholt. Sie hatten zuvor in der Hauptstadt im geheim tagenden Verteidigungsausschuss des Bundestags ausgesagt. Bei den Vernehmungen ging es um ein Detail aus den Schilderungen von Kurnaz. Aus Beweisnot hatte sich Pfohl entschieden, diese Frage zum Gradmesser für dessen Glaubwürdigkeit und die der Soldaten zu machen: Der in Bremen geborene Türke hatte ausgesagt, von den Soldaten in dem Lager geschlagen und getreten worden zu sein – hinter einem Lastwagen. Die meisten KSK-Männer hatten dagegen gesagt, in dem Lager habe es keine Lastwagen gegeben. Einer der beiden Zeugen bestätigte jetzt die Version der Soldaten. Der andere berichtete, er könne sich zwar an einen Laster erinnern, er wisse aber nicht wann er diesen gesehen habe. Ein weiterer Hinweis dieses Zeugen hat aus Pfohls Sicht große Bedeutung: Der Brite war nach seinen Angaben in Kandahar nahezu ständig mit Kurnaz zusammen, von Misshandlungen will er nichts bemerkt haben.

Ein mediales Echo zum Skandal, dass der türkische Dschihadist uns unter Ausnutzung unserer Gastfreundschaft und Gutgläubigkeit offenkundig belogen hat, wird ausbleiben. Wenn eine Lüge auffliegt, bleiben ja noch genug andere, die unsere Qualitätsjournalisten gerne weiter glauben und verbreiten werden. Kurnaz´ Rechtsanwalt ist da guter Hoffnung:

(er betont) …dass das Tübinger Ermittlungsverfahren für Kurnaz keine entscheidende Bedeutung habe. „Das ist für ihn nicht zentral. Die entscheidenden Schläge haben ihm ja die Amerikaner versetzt.“

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“, hieß es früher. Heute wissen wir, es ist besser, dem ertappten Lügner eine zweite Chance zu geben. Jedenfalls, wenn man ihm doch so gerne glauben möchte.

(Spürnase: Jeffe, Paula)