Der Koran: Ein Buch von Menschenhand

Von muslimischer Seite wird stets betont, der Koran sei nicht wie die Bibel ein Buch von Menschenhand sondern eine reine göttliche und deshalb unfehlbare Offenbarung. Der schiitische iranische Philosoph Abdulkarim Soroush (Foto) wagt sich jetzt auf gefährliches Terrain, indem er entgegen der allgemein anerkannten Lehrmeinung zugesteht: „Der Koran ist eine menschliche Schöpfung und potenziell fehlbar.“

Soroush sagte gemäß Telepolis in einem Interview:

„Der Prophet (Mohammad) hatte die Schlüsselrolle bei der Schaffung des Korans. Seine Persönlichkeit spielte eine wichtige Rolle bei der Ausformung dieses Textes; seine Lebensgeschichte, sein Vater, seine Mutter, seine Kindheit und sogar seine psychische Verfassung habe eine Rolle darin. All‘ das ist der absolut menschliche Charakter der Offenbarung.“

Soroush äußert seine Gedanken jetzt in einem reformistischen Buch in Farsi „Bast-e tadschrobe-he nabavi“ (Die Expansion der prophetischen Erfahrung):

Soroushs zentrale These in diesem Buch besteht in der strengen Unterscheidung zwischen Religion (din) und dem Wissen über Religion (marefat-e dini). Für Soroush ist din die offenbarte und unwandelbare Religion, die daher vollkommen ist. Das Wissen über die Religion jedoch ist tradiertes, theologisches Wissen und widerspiegelt damit die Meinungen und Interpretationen der Ulama und Forscher, die den religiösen Texten entnommen sind. Sie sind widerspruchsvoll und stets wandelbar.

Dies gilt sowohl für fiqh (islamische Jurisprudenz) als auch für kalam (Theologie), tafsir (Koran-Exegese) und t’awil (hermeneutische Interpretation) sowie akhlaq (Ethik und Moral). Nach Soroush wandelt sich das Verständnis vom Buch (Koran) und von der Tradition (Sunna und Hadith), wenn sich das Wissen über andere Disziplinen verändert. Die Wandelbarkeit des religiösen Wissens geht mit dem Wandel des Wissens außerhalb der Religion einher. Aus diesem Grunde beklagt Soroush umso mehr, dass die Ulama nur marginale Kenntnisse über nicht-religiöse Disziplinen besitzen.

Der (schiitische) Islam weist Soroush zufolge zwei Varianten auf: den fiqh-Islam (islam-e fuqahati) und den philosophischen Islam (islam-e falsafi). Ersterer basiert auf Nachahmung (taqlid) und Gehorsam (eta’at), der philosophische Islam jedoch auf Zweifel (schak), Kritik (naqd) und Forschung (tahqiq).

Im fiqh-Islam ist kein Raum für ein Wenn und Aber, der mu?tahid befiehlt und der muqaled (Nachahmer) leistet Gehorsam. Es kann dort keinen Platz für Zweifel und Kritik geben, weil der Gehorsam gegenüber dem mugtahid Pflicht ist. Der fiqh-Islam ist gleichsam Erzieher von Nachahmern, während dem philosophischen Islam die Rolle als Erzieher der mündigen Bürger zukommt. Den schiitischen Klerus macht Soroush als führenden Träger des fiqh-Islam aus. Soroush, der in der Tradition von Mullah Sadra steht, tritt für eine Versöhnung von aql (Vernunft) und wahy (Offenbarung) ein und möchte eine vernunftorientierte Re-Interpretation der Schari’a mit Hilfe der Prinzipien der Philosophie erreichen.

Hat Soroush zuvor das Wissen über die Religion als irdisch und menschlich-historisch bezeichnet, so schreibt er in seinem Buch „Die Expansion der Prophetischen Erfahrung“ (1999) diese Eigenschaften auch der koranischen Offenbarung zu. In dem einleitend zitierten Interview sagt er, dass die Offenbarung sich in diesseitigen, menschlich-gemeinschaftlichen Belangen irren kann. Was der Koran über die historischen Ereignisse, andere Religionen und andere praktische Dinge des Diesseits aussagt, muss nicht zwingend korrekt sein. Forderten die großen muslimischen Reformdenker wie Nasr Hamid Abu Zaid und Mohammad Arkoun bisher eine historisch orientierte Koranauslegung bzw. moderne Interpretation, so bricht Soroush explizit das größte Tabu der islamischen Koranexegese: Der Koran ist eine menschliche Schöpfung und potentiell fehlbar.

Die Reaktion auf diese Thesen war ein Aufschrei in der islamischen Welt. Es hieß, seine Aussagen seien „schlimmer als die Salman Rushdis“ und er wurde auch bereits als „Martin Luther des Islam“ bezeichnet. In seiner iranischen Heimat kann ein Mann wie er nicht mehr leben. Er lehrt seit Jahren an europäischen und amerikanischen Universitäten als Gastprofessor. Doch seine Kunde dringt auch in die islamische Welt vor.

(Spürnase: Bernd)