Focus: Subduktion der Vorurteile

Geologie ist nicht gerade ein Hauptthema politischer Magazine. Das gilt für den Focus wie für PI. Aber wenn der Focus über die Subduktionszone an der amerikanischen Westküste berichtet, wird es schnell politisch.

Dass Kalifornien ein Erdbeben gefährdetes Gebiet ist, ist nicht gerade neu. Über einer der aktivsten Subduktionszonen der Erde, wo sich zwei Kontinentalplatten mit unaufhaltsamer Urgewalt gegeneinander verschieben, kommt es regelmäßig zu Entladungen der dabei aufgestauten Spannungen durch teilweise heftige Erdbeben. Mit einiger Regelmäßigkeit entstehen dabei etwa alle 140 Jahre teilweise katastrophale Beben. Zuletzt 1868 mit vielen Toten und großen Gebäudeschäden. Jetzt, 140 Jahre später, gibt es guten Grund anzunehmen, dass es irgendwann wieder wackelt.

Dass Menschen unter solchen Bedingungen leben können, ohne durch tägliche Lichterketten und ökologische Opfergaben Mutter Natur zum Innehalten zu bewegen, ist Focus-Journalisten und vielen ihrer Leser ein Rätsel. Der Focus berichtet kopfschüttelnd:

Doch von Panik und Vorbereitungswut der Bewohner fehlt jede Spur: „Immer, wenn sich die Erde ein wenig bewegt, denken die Leute hier über Erdbeben nach“, hat Schwartz beobachtet, „aber zehn Tage später haben sie es schon wieder vergessen.“ Nach den Ergebnissen einer Umfrage im Jahr 2006 machen sich nur neun Prozent der Kalifornier „häufig Gedanken“ über Erdbeben. Lediglich vier Prozent der Befragten rechneten damit, bei einem schweren Beben zu sterben.

Tausende von Toten

Das besorgniserregende Ergebnis der aktuellen Untersuchung soll die Kalifornier nun daran erinnern, dass sie auf wackeligem Boden leben und auf ein katastrophales Erdbeben vorbereitet sein müssen.

Wow! Tausende Tote in Kalifornien! Das klingt gut. Da kommt Hoffnung auf, bei manchem Focusleser mit eher magischem Naturverständnis. Werden die Amis endlich bestraft, weil sie trotz regelmäßiger Ermahnung Panik und Vorbereitungswut verweigern? Doppelt gesichert mit Gürtel und Hosenträger rückt da mancher Linksspießer den TÜV-geprüften Bürostuhl an die Tastatur. Leser „Rumpel“ weiß genau warum es demnächst rumpeln wird:

Das erinnert an die Klimadiskussion. Solange niemand fühlbar selbst betroffen ist, passiert nicht viel und die Wissenschaftler werden von vielen selbsternannten Superfachleuten sogar noch als Scharlatane bezeichnet.

„Parlan“ parliert:

Das Verdrängungsprinzip wird nicht nur bei den Kaliforniern da drüben erfolgreich praktiziert, sondern auch bei uns Allen. Stichworte gefällig? steigender Ressourcenverbrauch bei schwindenem Bestand (Erdöl, Erz, etc.), Atommüll“end“lagerung, Abhängigkeit von Elektrizität, in künstlicher Stabilität gehaltenes Finanz- und Weltwirtschaftssystem, Überbevölkerung, Artensterben, weltweite Krisen- und Kriegsherde, Gentechnik-/Nanoexperimente in Echt- und Produktivumgebung, steigender Meerespegel, usw., usf. (das aktuelle Reizwort mit Kli und andel habe ich bewusst weggelassen, weil da gerade jeder extrem allergisch und negierend drauf reagiert) Wir Menschen sind Meister des Wegguckens und sind ganz überrascht, wenn es dann mal knallt.

„Wibi“ hofft schon auf den Untergang der USA:

Die Kalifornier haben bis jetzt alles in den Wind geschossen, was mit dem Großen Beben zu tun hatte. Sie werden auch weiterhin darauf warten und erst wenn es wirklich rumpelt, werden sie in Panik ausbrechen. Dabei könnte ein Großes Beben das Aus für die zehntgrößte Wirtschaftsmacht der Welt bedeuten.

„Dietli“ findet, dass die Amis einfach mehr Disziplin brauchen:

Am besten geht das in sehr disziplinierten Gesellschaften. Da werden von oben Maßnahmen befohlen und (fast) alle halten sich dran. Z.B. die Japaner. Die haben dauernd Erdbeben. Wichtige Gebäude sind da speziell gesichert es gibt entsprechende Bauvorschriften. Dagegen kommt in USA immer ein Held, der alles in letzter Sekunde richtet. Dann reitet er mit dem Sternenbanner in den Abendhimmel.

Ein schönes Bild, auch wenn es sachlich nicht ganz zutrifft. Wenig bekannt ist deutschen Bildungsbürgern, dass es tatsächlich auch in den USA so etwas wie Bauvorschriften gibt, bei denen ebenso wie im deutschen Baurecht die Ingenieure die lokalen Erdbebengefährdungen in ihren Berechnungen berücksichtigen. Immerhin ein Focusleser weiß, worüber er schreibt, womit man sich in Deutschland allerdings nicht unbedingt beliebt macht. „Bluesky“ mit eher amerikanischen Optimismus:

Seit so vielen Jahren und Generationen wartet man auf das ganz große Erdbeben in Kalifornien – zwischen Los Angeles und San Francisco. Vor fast 30 jahren hieß es, so erinnere ich mich, daß bereits die Energie von 12m Erdverschiebung als Spannung aufgebaut wurde. Es sei fast 100 Prozent sicher, daß ein ganz großes Erdbeben die 12 m Verschiebung auf einmal schafft. Und heute: sagt man dasselbe. Millionen Menschen sind dort seitdem eines natürlichen Todes gestorben, alle anderen erleben fast jeden Tag schönes Wetter und wundern sich, waurm Menschen im 100% Hurricane-Gebiet Florida wohnen. Andererseits ist Kalifornien heute sehr vorbereitet. Häuser sind sicher, Arbeitsplätze gesichert und selbst PCs und Schränke werden an die Wand angekettet. Hochhäuser stehen auf Gummipfosten etc.

Und bei der typisch amerikanischen Wohnweise in individuellen Einfamilienhäusern in Leichtbauweise (Foto oben: Das älteste Haus von L.A., Baujahr 1818 hat auch schon die Beben von 1868 und 1906 überstanden) dürfte man im Falle eines katastrophalen Bebens allemal mehr Überlebenschancen haben, als in jeder deutschen Mietskaserne.

Vielleicht wird ja auch Obama doch noch Präsident. Dann gäbe es sowieso keinen Grund mehr für ein Gottesgericht für die sündhafte Inanspruchnahme von Freiheit ohne Panik und Vorbereitungswut. Zumindest aber könnten Amerikaner im Falle des Falles dann mit fast soviel Mitgefühl deutscher Besserwisser rechnen, wie ehrbare Iraner und Türken.