Über das Warschauer Ghetto und seinen berühmten Aufstand ist viel geschrieben worden. Von deutscher Seite gibt es nur einen einzigen Bericht eines Soldaten, der die Geschehnisse im Ghetto mit Abscheu verfolgte und teilweise mit Fotos dokumentierte: Joe J. Heydecker konnte über 100 Fotos über den Krieg retten, die er 1941 im Ghetto unter Lebensgefahr aufnahm. (Foto links: Der Verfasser (x) am 1. März 1941 mit seinen Kameraden im Warschauer Ghetto, rechts Krause; eingeblendet Köhler, der dieses Bild aufnahm; Erläuterung siehe hier).

Israel-Network stellt seine Berichte vor, wie Sie dort ausführlich nachlesen können. Daraus hier nur ein paar Zeilen Heydeckers über sein Leben:

[…] Anfang 1941 als Fotolaborant versetzt zur Propaganda-Kompanie 689 (Feldpostnummer 21022) nach Warschau.

Das war mein Wiedersehen mit dieser Stadt.

Hier möchte ich zwei Kameraden erwähnen, Köhler und Krause, beide ebenfalls Fotolaboranten bei der Kompanie 689. Wir durften uns gegenseitig als zuverlässige Freunde betrachten, und mit ihrer Hilfe und Mitwisserschaft wurden meine Kleinbildfilme, die Negative der in diesem Buch gezeigten Bilder, heimlich in der Kompanie-Dunkelkammer entwickelt, versteckt gehalten und später fortgeschafft. Danach erübrigt es sich, etwas über die politische Gesinnung unserer kleinen Gruppe zu sagen. Meine damalige Frau, Marianne Heydecker (gest. 1968), die dienstverpflichtet worden war und sich freiwillig nach Warschau gemeldet hatte, um in meiner Nähe zu sein, brachte die Negativstreifen unter Lebensgefahr – Hausdurchsuchungen durch die Gestapo aus mehreren, hier nicht weiter erwähnenswerten Gründen – über das Kriegsende hinweg.

Im September oder Oktober 1941 wurde ich aus Russland, wo sich die Kompanie etwa in der Gegend von Roslawl befand, nach Potsdam zurückversetzt. Schreibstubendasein bei der Ersatzabteilung bis 11. August 1944, dann Versetzung zu einer Volksgrenadierdivision, Panzerjägerabteilung 337 (Feldpostnummer 25361), nach Piaseczno an der Weichsel, unweit von Warschau. Seit 5. Januar 1945 im Lazarett Beelitz bei Berlin, bei Annäherung der Sowjetarmee am 22. April entlassen, nach Westen gewandert und am 1. Mai 1945 in Vellahn an der Elbe, in einer Kanalröhre verborgen, von den Amerikanern »überrollt«. Zu meiner Frau nach Bad Liebenstein in Thüringen durchgeschlagen: sie hatte noch immer die Negative in ihrem Besitz.

Wir zeigten sie eines Tages Captain Kilbourn von der amerikanischen Militärregierung Bad Liebensteins. Er erkannte, dass sie sichergestellt werden müssten und gab uns einen Ausnahme-Passierschein zum Verlassen Thüringens in Richtung Bayern, wenige Tage vor der Veränderung der Demarkationslinie zugunsten der Russen. So kamen die Filme nach München. Auch der damalige amerikanische Intendant von Radio Munich, Field Horine, sah die Negative und forderte mich auf, im Rundfunk über das Warschauer Getto zu sprechen.

Ich sprach am 4. November 1945. Meines Wissens war das der erste Augenzeugenbericht eines Deutschen. Wenige Tage später wurde ich von Horine als Rundfunkberichterstatter nach Nürnberg geschickt. Dort begann am 20. November der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, dem ich bis zu seinem Ende beiwohnte (Siehe mein Buch „Der Nürnberger Prozess“. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1958).

Es folgten Jahre journalistischer und schriftstellerischer Tätigkeit. Ende 1960 nahm ich mit meiner Familie Wohnsitz in Brasilien. Hier befinden sich heute auch die Negative. Von den meisten wurden nach Jahren erstmals Vergrößerungen hergestellt, eine Arbeit, die meine Frau, Charlotte Heydecker, in ihrem Laboratorium in Säo Paulo besorgte. Sie war 1941, als ich die Aufnahmen machte, noch ein kleines Kind. Jetzt sah sie, allein in ihrer Dunkelkammer, die verstummte Vergangenheit aus der Entwicklungsschale wieder in die Gegenwart treten. Wir haben eine damals neunjährige Tochter: meine Frau sah zum erstenmal die armen, kleinen, gequälten Kinder aus den Straßen des Warschauer Gettos, die wir alle auf dem Gewissen haben, und sie gestand mir – ich darf es ohne Scham niederschreiben –, dass sie bei dieser Arbeit weinen musste.

Weshalb vierzig Jahre vergangen sind, ehe ich die Bilder veröffentlichte, kann ich kaum erklären. Es fehlte mir einfach die Kraft, den Text dazu zu schreiben, so oft ich auch damit begann. Sie fehlt mir noch immer. Aber ich schreibe nun, was mir noch in der Erinnerung brennt, mit allen Schwächen, weil die Zeit nicht unerschöpflich ist.

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19 KOMMENTARE

  1. Europa muss sich wappnen gegen den neuen Faschismus im grünen Gewand oder die Geschichte wird sich wiederholen.

  2. Geschichte wird sich wiederholen, aber in anderem Gewand. Weil die Motive geblieben sind.

    Die Menschen werden aber jetzt weniger physisch, dafür umso mehr psychisch gequält. Ob das menschlicher ist, bezweifle ich.

  3. ich muss meinen vorschreibern zustimmen, wir steuern wieder in eine diesmal ( links ,grüne ) diktatur die den menschen bis ins kleinste vorschreibt was sie zu tun und zu lassen haben ( rauchverbot, klima usw. )

    UND KEINER HEBT SEIN ARSCH AUS DEM SESSEL !

    In 30 zig Jahren fragen uns unsere Kindeskinder warum HABT IHR NIX DAGEGEN GETAN.

    Und wir werden genau so mit der Schulter zucken wie unsere Großeltern und Eltern, auf die Frage warum sie nix gegen Adolf unternommen haben.
    Geschichte wiederholt sich immer aufs neue .

  4. Vielleicht stimmt es doch, dass die Geschichte nur eine Sache lehrt, dass die Geschichte nichts lehrt.

  5. „sichergestellt werden müssten und gab uns einen Ausnahme-Passierschein zum Verlassen Thüringens in Richtung Bayern, wenige Tage vor der Veränderung der Demarkationslinie zugunsten der Russen.“

    Welch sicher hoechst willkommener Nebeneffekt!

  6. „Sowas kommt von sowas her.“ (W.Kempowski)

    Sozialismus – unabhängig von der Vorsilbe – ist eine menschenverachtende Ideologie, die ein Kollektiv (Klasse, Rasse, Masse) über das Individuum stellt.

    Wer den Sozialismus in allen seinen Formen bekämpft, kämpft für das Glück, das Leben und die Freiheit des Individuums !

  7. @#1
    ja die geschichte wird sich wiederholen, allerdings werden diesmal die deutschen selber im ghetto sitzen, bzw. sie sitzen ja schon dort.

  8. Stellt sich die Frage:

    Wohin auswandern? Das läuft inzwischen ja wie bei Hase und Igel..

  9. @ #7 monsignore (23. Apr 2008 14:44)

    „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“

    Die Geschichte wird sich wiederholen – bloss steht nocht nicht fest, wer wen unterdrücken wird, wer über wen erhoben wird.

    Es ist nicht das Problem, wer wen unterdrückt, sondern DASS einer einen anderen ünterdrückt.
    Die Hoffnung, die viele Menschen hegen, dass der Grund einer Unterdrückung sich mit den eigenen Vorstellungen deckt, ist trügerisch.

    Um dies mit einem Bild zu illustrieren: Wenn der Staat allen vorschreibt, wie wir uns ernähren müssen, werden wir dann alle zu Vegetariern? Ändert sich dies, wenn es gilt dann doch die heimische Tierzuchtindustrie zu retten? Wird uns der Staat zum Fleischessen zwingen?
    Darf der Staat überhaupt diese Möglichkeiten haben? Wo ist die Grenze der Bevormundung? Ist die Grenze logisch vorgegeben oder willkürlich?

  10. Rechtstaat und Demokratie sind bloss leere Phrasen geworden, die Bundesrepublik Deutschland hat sich zu einer Diktatur gewandelt, wogegen Nordkorea nur „ein Furz im Wald“ ist.

    Menschenrechte werden mit Füssen getreten, polizeiliche Willkür ist an der Tagesordnung, Dissidenten (wie in eurem Fall) werden gnadenlos vom Staat verfolgt, medizinische und humanitäre Einrichtungen gibt es nicht, die Kassen der Politiker (oder sollte ich sagen, die der Genossen?) füllen sich, während das Volk am verhungern ist usw…

    Ihr tut mir ja so leid, das ihr im versklavten, totalitären Deutschland lebt.

    Ihr armen, armen Dissidenten.

  11. Sich zu erinnern an diese Schreckenszeit ist und bleibt wichtig. Allerdings ist fraglich ob man daraus gelernt hat.

    Statt für die Freiheit und Menschenwürde einzutreten, wird über deren Verletzung geschwiegen, Verständnis geäußert oder sehr
    selektiv berichtet und zwar weit über den not-
    wendigen internationalen politischen Pragma-
    tismus hinaus.

    In den Schulen lehrte man uns, gegen was wir einzutreten hätten, aber nicht wofür es sich
    einzutreten lohnt.

    Hochkonjunktur für falsche Propheten.

    Ich verbeuge mich vor dem Mut Heydeckers und seiner Frau.

  12. Als Enkel eines polnisch-juedischen Großvaters,der seinen Leidweg u.a.im KZ Auschwitz hatte,finde ich es bemerkenswert und achtungsvoll,diesen Artikel zu lesen.
    Ich möchte diesem Helden meine Hand geben,danken für seine gefährliche Arbeit und mir wünschen,dass es mehrere dieser Menschen gab/gibt.
    Diese menschenverachtete Brut damals kann und soll man nicht beschönigen, da es keinen Grund geben kann sie zu glorifizieren.
    Jeder Mensch,der anderes behauptet,ist für mich indiskutabel!
    So weiss ich bisher,dass es genügend Menschen gibt,die so ein System nie wieder ermöglichen werden und es genügend Widerstand dagegen geben wird.
    Denn ohne dieses Wissen,würde ich mehr in Israel statt in Deutschland leben!

  13. Hammerhart. Habe vor kurzem noch den Film „Der Pianist“ im TV gesehen. Mensch, geht das in die Knochen! Wenn man dabei nur bedenkt, dass es heute noch genau solche Hitlers wie Achmaaptschi, Hamas, Assad, Nasrallah etc. gibt, die das gleiche nochmals an den Juden wiederholen würden. Mensch, sowas anzuschauen macht manchmal apathisch.

  14. Holocaust-Leugnung ist immernoch einriesiges Problem in Deutschland. Hoffentlich sind wir das faschistische geschichtsrevisionistische Pack bald los.

  15. ein/das Fotobuch von Heydecker über das Warschauer Ghetto hatte ich noch 1988 oder -89 gesehen und gelesen. Da erfror mir das Blut in den Adern. Einerseits ob der unbeschreiblichen Qualen, die die Menschen dort erleben mussten. Andererseits aufgrund der beispiellosen Zivilcourage des damaligen Wehrmacht-Soldaten. Er hätte seinen selbst gestellten Auftrag mit seinem Leben bezahlen können.

    @ #13 1u57u5:

    Schauen Sie sich den Film „The Greyzone“, auf Deutsch „Die Grauzone“, an. Dieser (kanadische) Film fängt genau dort an, wo die meisten Holocaust-Filme dezent aufhören: hinter dem Tor von Auschwitz, bis in die Gaskammern hinein. Hervorragend recherchiert, grandios gedreht, und Harvey Keitel unvergleichlich in der Rolle des Ober-SS-Manns. Ein Film, der die Frage Täter-Opfer einmal wieder neu stellt.

  16. Danke für diesen guten Bericht!

    Mein goßvater hat 2 Tage lang vor dem Ghetto demonstriert bevor die Gestapo ihn einkassierte – zum Glück (und dank guter Beziehungen und eines guten namens it ihm nichts viel passiertes). Die Nazis waren die Schande Deutschland – sie und die Kommunisten haben Deutschland an den Rand der Vernichtung gebracht und es von seiner alten Größe in den braunen Dreck gezogen. Deutschlands Größe bestand aus der hohen Gesinnung, dem Fleiss und dem Willen seiner Bewohner, auch seiner jüdischen Bürger, und all dies haben diese Unterschichten-Fanatiker auf ihre Primitive Stufe herabgedrückt. Die Taten, wie die der Deutschen am Warschauer Ghetto, in den Kzs oder in vielen besetzten gebieten, haben allem, was deutsche Größe ausmachte, Größe, die sich über die Werke eines Goethe, Schiller, Heine, Mendelsohn, Brams, Kants und unzählige andere speiste, Hohn gesprochen.

  17. Das Interessante ist, dass sich der neue islamistische Faschismus weit weniger verhüllt darstellt als der damalige nationalsozialistische.

    Der Koran ist eine gnadenlose Selbst-Offenbarung.

    Nur unter dem Deckmäntelchen der „Religion“ kann man noch tricksen und täuschen.

    Sure 4, Vers 85: “Kämpfe daher für die Religion Allahs und verpflichte nur dich zu Schwierigem –nur für dich trägst du Verantwortung; doch ermuntere auch die Gläubigen zum Kampf, vielleicht will Allah den Mut der Ungläubigen niederhalten; denn Allah ist allen an Kriegsmacht und Gewalt, zu strafen, überlegen.“

    Der nächste Holocaust wird schlimmer als all das, was wir bisher hatten..

  18. @ #16 Zagreus (24. Apr 2008 00:18)

    Die Nazis waren die Schande Deutschland – sie und die Kommunisten haben Deutschland an den Rand der Vernichtung gebracht und es von seiner alten Größe in den braunen Dreck gezogen.

    Ich habe schon vor mehr als 10 Jahren gesagt, dass jeder, der für Deutschland ist, gegen Nazis sein muss. Die Nazis haben unserem Land nur geschadet und uns eine extreme Schuld aufgeladen.

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