Europas Götterdämmerung?

Pascal Bruckner - Der Schuldkomplex„Visa, Visa!“, schallte es Jaques Chirac entgegen, als er 2004 Algerien besuchte. Spielt Frankreichs Fußball-Nationalteam, schwingen Einwanderer algerische Fahnen und verhöhnen die Marseillaise. Erobern Islamisten das „mürbe Europa“? Pascal Bruckner, französischer Schriftsteller, bejaht diese Frage und spricht von einem „kolonialen Akt“, den Westeuropa gelassen ertrage oder sogar forciere. Scharfsinnig analysiert Bruckner französische Zustände, aber seine Thesen betreffen auch Deutschland.

Der Stärke moslemischer Völker setze Europa nichts entgegen. Hinter trügerischer „Toleranz“ verborgen, missachten Islamisten demokratische Grundrechte. Franzosen, die sie unterstützen, quäle ein pathologischer „Selbsthass“, der ehemaligem Sendungsbewusstsein folgte. Europa wüte gegen das eigene Fleisch; es zelebriert seinen Untergang wie eine heilsgeschichtliche Notwendigkeit.

Fast die gesamte europäische Vergangenheit trage nun Hitlers Stempel. Der Kolonialismus bereitete das „Dritte Reich“ vor, glauben viele, und die abendländische Wissenschaft münde in Abgründe. Alles Elend der „Dritten Welt“, auch den 11. September, verschuldete ebenso der Westen.

Daher wird die Akzeptanz der Einwanderung zur pseudoreligiösen „Bußpflicht“ stilisiert. Selbst wenn „die Zuwanderung nicht erwünscht ist, muss man sie eben als Verfügung der Vorsehung erdulden“.

Konstant bohrt das schlechte Gewissen. Wer Europa verflucht, bekenne sich zu einem bloßen „Mitläufertum“. Keineswegs leugnet Bruckner „schlimmste Gräuel“ der abendländischen Kultur, doch sie gebar auch „erhabenste Leistungen“. Daher sei hyperkritischer „Selbstkannibalismus“ zu tadeln.

Dieser Amoklauf, erkennt Bruckner, entspringt sehr europäischen Quellen. Ein ursprünglich nach außen gerichteter Messianismus verheert die eigene Seele, deren Tod die Welt befreie.

Aber „narzisstische Selbstgeißelung“ mache blind für die Verbrechen anderer. Dass beispielsweise auch Araber und Schwarzafrikaner Menschen versklavten, interessiere niemanden.

Frankreich, ehemals „Lehrmeister der Welt“, degeneriert zu einem „großartigen Museum“ plus angeschlossenem „Touristikpark“. Ohne Selbstvertrauen gelinge nichts Großes. Statt Niederlagen als Bedingung des Wandels hinzunehmen, ersticken sie jegliche Dynamik.

Dennoch verzweifelt Bruckner nicht. „Wo aber Gefahr ist“, schreibt Hölderlin, „da wächst das Rettende auch“. Die Rivalität asiatischer Länder mobilisiere neue Kräfte. Der Autor fordert, enger mit den USA zu kooperieren. Ist so die Götterdämmerung abzuwenden?

Pascal BrucknerPascal Bruckner (Foto l.), Der Schuldkomplex. Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für Europa, Pantheon Verlag, München 2008, 255 Seiten, 12,95 Euro.

(Gastbeitrag von RH)