Pfarrer „versteht“ Attentat auf jüdische Schüler

Martin OstDer evangelische Ruhestandspfarrer Dieter Helbig aus dem bayrischen Zirndorf hat in einem zweiseitigen Artikel in der Juli-Ausgabe des „Korrespondentenblatts“, dem offiziellen Organ des bayerischen Pfarrervereins, Verständnis für die Ermordung von acht Studenten einer jüdischen Religionsschule in Jerusalem gezeigt. Die Genehmigung dafür erteilte der Schriftleiter des Blattes, Dekan Martin Ost (Foto).

Die Nürnberger Nachrichten berichten:

Die stark antiisraelische Veröffentlichung eines evangelischen Ruhestandspfarrers aus Zirndorf belastet das Verhältnis zwischen Christen und Juden in Bayern schwer. Der Theologe bringt unter anderem Verständnis für ein Attentat auf, bei dem ein arabischer Terrorist acht Talmudschüler ermordete.

Der zweiseitige Artikel des Autors Dieter Helbig erschien im Korrespondenzblatt, das offizielle Organ des bayerischen Pfarrervereins. Dort sind beinahe alle der fast 1700 aktiven Theologen der Landeskirche und auch viele Ruheständler Mitglied.

Helbig geht mit der Politik des Staates Israel seit seiner Gründung hart ins Gericht. Besonders seit dem Sechstagekrieg von 1967 aber hätten religiöse Fanatiker unter den Juden «jede Regierung« vor ihren Wagen gespannt. Bis heute werde ein «Landraub-Programm« fortgeführt. Die Palästinenser würden «seit langem gedemütigt, beraubt, misshandelt und getötet«. Wenn diese sich, so schreibt Helbig weiter, so wehren, wie in jener Talmudschule mit acht toten Jugendlichen geschehen, «kann ich das verstehen. Wer sind da die eigentlichen Täter, wer die Opfer?«

Auf Nachfrage der NN blieb Helbig gestern bei seiner Haltung. Er missbillige zwar jede Art von Terror, auch den staatlich sanktionierten der israelischen Besatzungsmacht, «dem aufmerksamen Leser meines Artikels müsste aber klar sein, warum ich die Attentäter in der Toraschule verstehen kann«.

Arno Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Nürnberg, hat einen Brief an die Verantwortlichen des Pfarrervereins geschrieben, in dem er «Empörung und Unverständnis« über Helbigs Ansichten zum Ausdruck bringt. Dessen Darstellung der Geschichte Palästinas setze sich aus «Halbwahrheiten, Verleumdungen, falschen Aussagen und Diskriminierungen zusammen, die ungeheuerlich sind«. Aus Helbigs Einschätzung der terroristischen Tat zieht Hamburger den Schluss, dass der Theologe einen Mord an Schülern befürwortet. «Damit setzt Herr Pfarrer Helbig seinem Schandartikel die Krone auf.«

Die Ungeheuerlichkeit dieses Beitrags sieht Arno Hamburger darin, dass ihn das offizielle Organ bayerischer Pfarrerinnen und Pfarrer auch noch abdruckt. «Sie haben den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Christen und Juden, dem Verständnis zwischen der Bundesrepublik und Israel einen Bärendienst erwiesen«, heißt es in Hamburgers Schreiben, das auch die beiden Nürnberger Regionalbischöfe und Landesbischof Johannes Friedrich bekommen haben.

Der verantwortliche Schriftleiter – so heißt diese Funktion offiziell – des theologischen Korrespondenzblattes ist der Markt Einersheimer Dekan Martin Ost. In einem Brief an Hamburger rechtfertigt er die Veröffentlichung mit den Worten: «Weder die Meinung des Vereins noch die der Redaktion entscheidet über eine Veröffentlichung.« In der nächsten Nummer des Blattes, die im Oktober herauskommt, würden Antworten auf Helbigs Text erscheinen, darunter auch Hamburgers Brief.

Auf Anfrage sprach Ost dann gegenüber den NN von einer «presserechtlichen Verantwortung« seines Blattes. Es gebe immer wieder Leute, die «extrem ausrasten«, meinte er in Bezug auf Helbigs jüngsten Beitrag. Künftig werde man «strengere Maßstäbe« als bisher an Veröffentlichungen anlegen.

Auch Landesbischof Johannes Friedrich hat reagiert. Er wolle sich nicht in die Arbeit des Korrespondenzblattes der Pfarrerschaft einschalten. Die Äußerungen Helbigs über die Morde in der Talmudschule seien aber «in keiner Weise hinnehmbar«. Sie klingen so, als wolle man solche Verbrechen rechtfertigen.

Trotz der Berichterstattung der Nürnberger Nachrichten kann das antisemitische Pamphlet nach wie vor auf der Homepage des Pfarrvereins Bayern heruntergeladen werden – so als wäre nichts gewesen…

» martin.ost@t-online.de