Erinnerungen an Sebnitz

BILD-Berichterstattung zum Fall SebnitzIm Licht der aktuellen Vorab-Verdächtigungen bei der Passauer Posse wird Sebnitz wieder zum Thema. Dieser Beitrag soll daran erinnern, was damals passiert ist.

Sebnitz ist eine entzückende Kleinstadt in Sachsen mit romantischer Lage zwischen der Sächsischen Schweiz und dem Lausitzer Bergland. In dieses Idyll zieht die Apothekerin Renate Kantelberg-Abdulla, aus dem Irak kommend, mit ihrem Ehemann Saad und den beiden Kindern Diana und Joseph.

Doch das Städtchen mit seinen damals knapp 10.000 Einwohnern ist zu klein für eine weitere, eine dritte Apotheke. Frau Kantelberg-Abdulla interveniert bei den Ärzten, diese sollten ihre Patienten mit den Rezepten nur zu ihr schicken. Die Ärzte lehnen das ab und arbeiten lieber mit den beiden alteingesessenen Apothekern zusammen. Frau Kantelberg-Abdulla, die auch ständig von „Rezeptfälschungen“ schwadroniert, kommt ihnen suspekt vor. Die ist wütend, fühlt sich ungerecht behandelt. Weil sie mit einem Araber verheiratet ist. Sie denkt: Alle sind gegen uns. Doch fortziehen und ihre Apotheke aufgeben, kommt für sie nicht in Frage.

Etwa ein Jahr nach ihrem Zuzug, am 13. Juni 1997, gehen die beiden Kinder in das Freibad „Dr. Petzold“. Die damals 12-jährige Diana soll auf ihren kleinen Bruder (6) aufpassen. Sie tut es nicht. Während sie ihre Runden dreht, ertrinkt der an einem Herzfehler leidende Joseph im Nichtschwimmerbecken.

Es vergehen weitere drei Jahre und einige Monate, bis die Mutter mit einer abenteuerlichen Räuberpistole an die Öffentlichkeit tritt. Ihr Sohn sei nicht ertrunken, sondern von einer Bande Skinheads ermordet worden.

Sie bietet ihre Story dem „Spiegel“ an. Nachdem dieser die „Geschichte“ geprüft und wegen Unglaubwürdigkeit abgelehnt hat, verkauft Renate Kantelberg-Abdulla sie an die „Bild“, die den „Mord“ an dem kleinen Jungen im November 2000 in großer Aufmachung bringt:

Neonazis ertränken Kind

Kleiner Joseph – Gegen 50 Neonazis hatte er keine Chance. Es passierte am helllichten Tag in einem belebten Freibad. 50 Neonazis überfielen den kleinen Joseph (6). Schlugen ihn, folterten ihn mit einem Elektroschocker, dann warfen sie ihn ins Schwimmbecken, ertränkten ihn. Fast 300 Besucher waren an jenem Tag im „Spaßbad“ im sächsischen Sebnitz. Viele hörten seine Hilferufe, keiner half. […] Etwa 50 Mann, in Springerstiefeln, mit Tätowierungen. Johlend zerrten sie ihn zum Schwimmbecken, johlend ertränkten sie das Kind.

Und wie ein Mann übernimmt unbesehen die gesamte bundesdeutsche Presse den Fall. Neonazis, Osten, Mord an einem Ausländerkind ?- das muss einfach stimmen. Die Politik schaltet sich ein, Frau Kantelberg-Abdulla bekommt eine Audienz beim damaligen Bundeskanzler.

Niemand zieht die phantastische Geschichte in Zweifel. Niemand stört sich daran, dass die offenbar seelisch kranke Frau noch weitere Ammenmärchen produziert, von Autounfällen phantasiert, die in Wahrheit getarnte Morde seien. Typische Anzeichen einer paranoiden Störung.

Im Gegenteil, immer mehr „Details“ werden enthüllt. Ein zwölfjähriger Zeuge berichtet:

Mehrere Jugendliche zerrten Joseph mit Gewalt von seinem Liegeplatz an der Hecke zum Imbiss des Freibades. Dort wartete die restliche Gruppe an der Theke. Joseph weinte und versuchte, sich loszureißen. ‚Du Ausländerschwein‘, wurde der Sechsjährige angeschrieen. Dann hielt ihn einer fest, sein Mund wurde aufgerissen und ein Mädchen goss ihm eine Flüssigkeit in den Mund. Joseph versuchte zu entfliehen. Er hielt sich krampfhaft an Wasserhähnen fest, die aus dem flachen Wasser ragten. Er war wackelig auf den Beinen. Er heulte wieder. Dann gingen alle Jugendlichen vom Imbiss wieder zu ihm und lösten ihm einzeln mit Gewalt die Finger von der Stange. Sie trugen ihn in ein Handtuch gewickelt zum tiefen Teil des Beckens. Dort schrie eine junge Frau: ‚Na, macht’s endlich, schmeißt ihn schon rein. Scheiß Ausländer.‘ Die Jugendlichen taten dies. Zwei sprangen hinterher und hopsten auf seinem Rücken herum. Ungefähr zehn Minuten.

Die Justiz wird aktiv, ermittelt. Doch nach einigen Wochen, in denen die Medien unausgesetzt über diesen unerhörten Fall mordender Neonazis berichten, stellt sich heraus: Nichts davon stimmte. Die Geschichte der Mutter war erfunden. Der kleine Junge hatte einen Herzanfall erlitten und war eines natürlichen Todes gestorben.

Alle Zeugen, die zunächst von einem Gewaltverbrechen sprachen, zogen ihre Aussagen zurück. Sie berichteten, sie seien von Josephs Eltern – durch Bestechung oder Drohungen – zu den Aussagen gedrängt worden. Ein Teil musste zugeben, sich an dem fraglichen Tag gar nicht im Dr.-Petzold-Bad aufgehalten zu haben. Insgesamt waren mehr als 250 Zeugen vernommen worden. Zwanzig Kamerateams hatten in Sebnitz gefilmt, Dutzende von Reportern waren angereist, auch aus den USA. Drei junge Leute (zwei Männer und eine Frau), die man als Verdächtige in Untersuchungshaft genommen hatte, wurden freigelassen. Im Februar 2001 rügt der Presserat „Bild“, die „Berliner Morgenpost“ und die „taz“ wegen unzulässigen Tatsachenbehauptungen.

Nach der Aufklärung des Falles brechen die Umsätze der Kantelberg-Abdulla-Apotheke um 90 Prozent ein. Die Familie verlässt die Stadt. Eine Strafverfolgung bleibt ihr erspart, weil die Staatsanwaltschaft der Meinung ist, sie sei durch den Tod des sechsjährigen Sohnes genug bestraft.

Was bleibt? Eine seelisch kranke, verwirrte Frau, die den Verlust ihres Kindes nicht verkraftet, sich zum eigenen Trost eine Lügengeschichte zurechtzimmert und durch Einflussnahme auf Zeugen kriminell wird.

Und eine Presse, die unbesehen die idiotischsten Storys bringt, nur weil sie ins politische Rahmengerüst passen und die Auflage hochtreiben. „50 Mann mit Springerstiefeln werfen an einem Sommertag in einem öffentlichen, gut besuchten Freibad ein Kind ins Wasser und trampeln auf seinem Rücken herum bis es tot ist.“

Wie verwahrlost muss eine Medienlandschaft sein, die solchen Schmutz reproduziert?

(Gastbeitrag von Yaab)