Eine schrecklich nette Familie

dennis-familieWir wissen nicht, wovon Dennis´Mutter lebt, auch wenn wir eine gewisse Vermutung haben. Jedenfalls möchte sie nicht, dass „der Bulle frei rumläuft und Steuergelder kostet“. Der Bulle, das ist der Polizeibeamte, der ihren Sprößling, einen gesuchten Verbrecher erschossen hat, als dieser sich der Verhaftung entziehen wollte und dabei einen Kollegen mit seinem geklauten Jaguar zu überfahren versucht hatte. Jetzt fordert die Mama auf einer Demo „harte Strafe“. Für den Polizeibeamten, versteht sich. Dass der Filius Verbrecher war, ist voll normal. Schließlich befinden wir uns in Berlin-Neukölln in Deutschland 2009.

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Die Märkische Allgemeine berichtet:

Mitten in der transparentbewehrten ersten Linie des Trauerzugs, der sich langsam durch Berlin-Neukölln dem Polizeipräsidium entgegenschiebt, überschlägt sich, verstärkt durch das Megaphon, die helle Stimme eines Kindes. „Was wolln wir?“, kiekst sie. „Gerechtigkeit.“ Wieder die Frage – und dann aus 200 Kehlen: „Gerechtigkeit.“ Viermal, fünfmal. Dann, das Kind wird abgelöst, die zweite Frage: „Gehört der Bulle frei?“ Es wechselt der Refrain des Chores: „Nein!“

„Nein“ skandieren auch die vier jungen Männer und Frauen, die ein drei Quadratmeter großes Leinentuch vor sich hertragen. „Wir fordern!!! Schütze in U-Haft“ steht in großen Lettern darauf. Alle in dem Trauerzug denken wohl so. Niemand hier versteht, dass der Berliner Polizist, der den 26-jährigen Dennis J. am Silvesterabend in Schönfließ (Oberhavel) erschoss, trotz Haftbefehls nicht in Untersuchungshaft sitzt. „Es kann nicht sein, dass der Bulle frei rumläuft“, sagt Frau J., die Mutter, „dass er Polizeischutz hat und Steuergelder kostet.“ Vor 90 Minuten, am offenen Grab, musste sie die Großmutter ihres erschossenen Sohnes stützen, die plötzlich einen Schock erlitt und am ganzen Körper zitterte.

Der Trauerzug ist eine Welt für sich. Hinter der Front weicht der Panzer der Parolen in Geschichten auf. „Dennis war warmherzig, er hat jedem Freund Geld gegeben. Er hat sie zum teuersten Essen eingeladen. So war er.“ Über Tote redet man nicht schlecht, hier fällt es offenkundig jedem leicht, nur Gutes zu erzählen. Woher Dennis das Geld hatte, um großzügig zu sein? Hier ist man in Neukölln, heißt es. Hier macht fast jeder kleine Geschäfte. Fragen?

In der Schule – „wenn er gerade mal da war“ – war er gut, sagt ein Freund. Gut in Sport, auch in Deutsch und Mathe. Dennis war noch jung, als er sich für Autos, Motoren und Roller begeisterte. Wenn man so will, gibt es eine Linie von dieser Leidenschaft zu seinem Tod am Silvesterabend. Den silberfarbenen Jaguar V 8, in dem er starb, hatte er erst zwei Wochen vorher gestohlen. Wie die Nummernschilder. Dennis konnte nicht riskieren, erkannt zu werden. Die Berliner Polizei fahndete mit Haftbefehlen nach ihm. Ihm drohten 13 Monate Gefängnis. Nicht wegen schwerer Straftaten, eher kleiner Sachen: hier mal ein Diebstahl, da mal ein Hausfriedensbruch. Und immer wieder Fahren ohne Führerschein.

Denn den hatte Dennis nie machen dürfen – wegen der vielen Verkehrsdelikte. Er war 14 oder 15 Jahre alt, als er die ersten Motorroller frisierte. „Die waren teils erworben, teils oh là là. Die brachte er von 25 auf 50 km/h. Damit ist er aufgefallen“, sagt ein Freund. „Er war handwerklich sehr begabt. Er war ein richtiger Tüftler.“ Das erkannte man auch im Jugendgefängnis, in dem Dennis von 2003 bis 2004 knapp ein Jahr saß. „Auch in der JVA hat er in der Rollerwerkstatt gearbeitet. Irgendwann eine eigene Werkstatt haben, das war sein Traum.“ Warum Reinhard R. Dennis J. erschoss, ist noch immer ein Rätsel. Um es zu lösen, will die Staatsanwaltschaft Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) R.s zwei Kollegen als Zeugen nun härter vernehmen. Bisher haben die Beiden, die die Tat miterlebten, den Kollegen geschützt.

Berlin Online ergänzt:

Die Gründe für den Polizei-Einsatz gegen Dennis werden nur eimal, ganz kurz erwähnt. „Ja, Dennis war ein Kleinkrimineller“, sagt Osman K., der Schwager von Dennis’ Schwester in seiner Rede vor dem Polizeipräsidium. Das er 158 Straftaten, darunter Diebstahl, Raub, Körperverletzung und Flucht vor Festnahme auf dem Kerbholz hatte, bleibt gestern unerwähnt.