Kölner Stadtarchiv eingestürzt

koeln030309Das vierstöckige Gebäude des Kölner Stadtarchivs ist heute mittag aus noch ungeklärter Ursache eingestürzt. Unter den Trümmern vermutet man zur Stunde neun Personen, die vermisst werden. Das Archiv enthielt wertvolle Dokumente von 1.000 Jahren europäischer und regionaler Geschichte und Nachlässe berühmter Schriftsteller und Komponisten.

Die Ursache der Katastrophe ist noch ungeklärt, es spricht allerdings bislang nichts für einen Terroranschlag. Sehr wahrscheinlich ist ein Zusammenhang mit dem Großbauprojekt einer neuen U-Bahnlinie, die von der Altstadt nach Süden führen soll, und in unmittelbarer Nähe gebaut wird. Der Tunnelschacht wird dabei von riesigen Bohrmaschinen unterirdisch voran getrieben –  einzige Alternative zu einem durch bebautes Gebiet fast unmöglichen offenen Bau.

Dabei kommt es allerdings zu heftigen Erschütterungen und Verwerfungen, die Gebäude in Baustellennähe gefährden können. Immer wieder klagen seit Jahren betroffene Anwohner über beängstigende Vibrationen ihrer Häuser. Dass dies durchaus ernst zu nehmen ist, zeigte sich bereits kurz nach Baubeginn, als im Jahre 2004 der Kirchturm der in der Nähe des jetzigen Unglücksortes gelegenen Kirche Johann Baptist durch die Bauarbeiten in bedrohliche Schieflage geriet und umzustürzen drohte. Der Turm wurde damals mit einem aufwendigen Verfahren wieder aufgerichtet.

Nach Medienberichten erhebt inzwischen ein Mitarbeiter des Stadtarchivs schwere Vorwürfe gegen die Stadt Köln. Demnach haben sich schon seit längerer Zeit Zeichen für eine bedrohliche Veränderung der Baustabilität gezeigt. Auf entsprechende Meldungen habe die Stadt Köln aber nicht reagiert. Verbunden mit Destabilisierungen des Baugrunds durch die Tunnelarbeiten oder das Versagen einer Baugrubensicherung könnte es so zur Katastrophe gekommen sein. Einige Quellen sprechen von einem Wassereinbruch in den Tunnelbau.

Es wird aber auch nach der politischen Verantwortung für das Unglück zu fragen sein. Wenn der berüchtigte Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma sich mit Steuermilliarden ein Denkmal mit einem solchen Prestigeobjekt setzen will, kann man sich vorstellen, dass kritische Stimmen – auch  mit technischen Argumenten – unerwünscht sind. In einer Stadt, wo bis in die höchsten politischen Ämter immer wieder Fälle von Korruption und Amtsmissbrauch, getürkte Beraterverträge und gefälschte akademische Titel zum politischen Alltag gehören, kann man sich leicht vorstellen, wie viele zwielichtige Gestalten bei einem derartigen Investitionsvolumen angelockt werden. Da mag mancher Auftrag nicht nach streng fachlichen Kriterien vergeben werden und mancher Gutachter ein Risiko schön rechnen, um weiter am großen Kuchen zu partizipieren. Ob eine solche lückenlose Aufklärung des riskanten Bauprojektes im Köln des Vorwahlkampfes möglich ist, bleibt dahin gestellt.

(Foto: http://twitter.com/SamZidat)

Update: Auch Konrad Adenauer, Enkel des früheren Kanzlers und prominenter Kritiker der Korruption in der Kölner CDU, hat inzwischen zu dem Vorfall gegenüber WELT-online Stellung genommen:

Er sagte: „Das Schlimmste ist natürlich, dass man nicht weiß, wie viele Tote es zu beklagen gibt“. Für Adenauer wirft der Einsturz des Archivgebäudes „ein sehr schlechtes Licht“ auf die Stadt: „Viele Menschen werden mal wieder sagen: Typisch für Köln“. Spätestens nachdem an der nahe gelegenen Kirche Sankt Johann Baptist vor drei Jahren schwere Schäden aufgetreten waren, hätte man aber gewarnt sein müssen: „Angesichts der ungeheuren Schätze, die im Kölner Stadtarchiv lagerten, hätte man genau prüfen müssen, ob das Gebäude hält“, so Adenauer.