Türkei: Orientierungslos zwischen den Welten

Die heutige Türkei ist ein zwischen Extremen zerrissenes Land. Sie ist ein Land des Orients mit orientalischen Vorstellungen von Stolz, Ehre, Schande und Respekt, dennoch will sie zum Westen, zu Europa gehören. Die Türkei ist in vielen Dingen antiwestlich und unterdrückt die Christen als Staatsfeinde. Dennoch will sie sich gleichzeitig auch als Teil des verhassten, christlich geprägten Westens sein.

Die Türkei ist archaisch-patriarchal und gleichzeitig ein moderner Staat. Sie will in die Zukunft blicken, ohne die Vergangenheit jemals aufgearbeitet zu haben. Sie will zu den anderen gehören, obwohl sie gleichzeitig mit diesen anderen nichts zu tun haben will. Necla Kelek schreibt in einem Artikel für die NZZ über die Zerrissenheit eines tef verunsicherten Volkes.

In den türkischen Geschichtsbüchern wird das Osmanische Reich verklärt und so getan, als hätte es vor der türkischen Nation nichts anderes gegeben. Dabei hat die Türkei eine westlich-europäische, eine griechisch-römische, sogar eine christliche Geschichte. Die turkmenischen Stämme sind eine Volksgruppe, die alle anderen im Land vertrieben oder vernichtet hat: Armenier, Griechen, Kurden, Tscherkessen, Aleviten, Aramäer, Christen wie auch Schiiten. Die Türken haben aus einem einstigen Vielvölkerstaat einen nationalistischen Ein-Volk Staat gemacht und wollen diese Existenz nicht mehr preisgeben. Mit diesem Selbstverständnis gehen die Türken auch auf andere Länder zu, in deren Gebiete sie auswandern. Immer stärker spielt dabei der Islam eine entscheidende Rolle, immer wichtiger wird das „Wir“-Gefühl – wir Muslime, wir Türken – gegen die anderen, die Deutschen, die Christen. Wer als Türke etwas am Türkentum kritisiert und dieses Wir ankratzt, gilt als Landesverräter.

Der moderne türkische Staat, die türkische Demokratie, war von Anfang an keine Bürger-, sondern eine Militärdemokratie. Atatürk war Soldat und dachte in militärischen Kategorien. In ähnlichen Kategorien denkt auch Erdogan und versucht einerseits sich mit dem Militär zu arrangieren, andererseits dessen Macht zu begrenzen. Dabei setzt die AKP wie im Orient allgemein üblich bei der Besetzung von politischen Ämtern auf Vetternwirtschaft, wobei die richtige, national-konservativ islamische, religiöse Enstellung entscheidend ist. Kelek spricht dabei von „religiösem Nepotismus“.

Die Nähe zu Europa sucht die Türkei vor allem aus wirtschaftlichen Grunden: Die Handelsbeziehungen mit Europa würden die Türkei ökonomisch vielleicht retten, obwohl die AKP-Wähler die USA und Europa ablehnen. Doch die USA brauchen die Türkei mit ihrem starken Militär als stabilisierende Kraft im Nahen Osten, sowie die Türkei aus finanziellen und wirtschaftlichen Gründen wiederum dringend Europa braucht.

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