Plädoyer gegen die Genitalbeschneidung

Sami Aldeeb, ein in der Schweiz lebender Jurist mit christlich-palästinensischem Hintergrund, hat eine Fülle detaillierter Studien veröffentlicht, von denen seine Neubearbeitung des Korans nur das jüngste Glied einer Kette von Denkanstößen bildet, die es verdienen, stärker diskutiert zu werden. 1994, also in einer Zeit, als der Multikulturalismus noch unangefochten den Zeitgeist bestimmte, verfasste er eine kleine Schrift, in der er ein Verbot der Beschneidung für beide Geschlechter fordert (1). Damit bleib er nicht der einzige.

(Gastbeitrag von Kim)

Die prinzipiellen Gründe, die für die Bekämpfung der Genitalbeschneidung sprechen, werden von der Menschenrechtsaktivistin Nahid F. Toubia in einem Sammelband aufgeführt, der die historischen, medizinischen und ethischen Aspekte dieses Themenkomplexes aufarbeitet. Das gesunde Gewebe menschlicher Genitalien solle den gleichen Schutz genießen, wie die anderen Teile des Körpers. Sowohl der Glaube an die Notwendigkeit evolutionärer Prozesse als auch die Ehrfurcht vor der göttlichen Schöpfung erforderten Respekt vor den bekannten und unbekannten Funktionen des kindlichen Körpers.

Die Begründung für medizinische Eingriffe sollte sich ohne Ausnahme auf die Diagnose von Verletzungen, akuten Erkrankungen oder Missbildungen stützen, nicht dagegen auf die Prophylaxe eines befürchteten sexuellen Missverhaltens.

Die bloße Reduzierung der Gefahr klinischer Komplikationen sei keine akzeptable Handlungsstrategie: sie beseitige nicht die grundsätzliche Verletzung des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit, sondern unterstützte und fördere diese Praxis.

Schließlich sei es notwendig, statt von einer „Beschneidung“ korrekt als einer „Verstümmelung“ zu reden, denn der Tatbestand falle unter die medizinische Definition einer „Entstellung oder Verletzung durch die Entfernung oder Zerstörung eines sichtbaren oder wichtigen Körperteils“ (2).

Wie auch der vermeintlich „überflüssige“ Wurmfortsatz des Blinddarmes erfüllt die Vorhaut tatsächlich wichtige Funktionen. Neben dem Schutz des Gliedes ist dies vor allem die bei der Fortpflanzung unabdingbare Steigerung der sexuellen Erregung (3). Die These, dass das feuchte Milieu der Vorhaut die Übertragung von AIDS fördere, ist nicht belegbar; im Gegenteil enthält dieses Gewebe auf die Immunabwehr spezialisierte Zellen (4). Dies, und der erhöhte Verzicht auf Kondome, erhöhen einigen Studien zufolge die Gefahren einer Infektion mit AIDS (5). Selbst bei der selten unternommenen Lokalamnäsie bei Neugeborenen löst der Eingriff einen physiologischen Schock aus (6).

Während die Beschneidung von Jungen sich ganz überwiegend auf die Vorhaut beschränkt, sind bei der Beschneidung von Mädchen oft mehrere Partien ihrer Geschlechtsorgane betroffen. Die Klitoris besteht aus erektilem Gewebe und weist Ansätze von Eichel und Vorhaut auf. Die Labia minora erstrecken sich von der Klitoris hin zum Orificium vaginae und gehen auf der einen Seite in die Labia majora, auf der anderen Seite in die Wand der Vagina über. Während man sich in Unterägypten auf die Beschneidung der Klitoris beschränkt, kommt es in Oberägypten und vor allem im Sudan zur Entfernung auch der Labia majora. Hier praktiziert man auch die Infibulation, Defibulation und Reinfibulation der Vulva. Die körperlichen und psychologischen Folgeschäden sind etwa: Schock, Infektionen, chronische Blutungen, Geschwülste, Sexualstörungen, Schwangerschaftskomplikationen (7).

Einige Thesen zur Beschneidung erklären diese, wenig plausibel, mit der Notwendigkeit, in einer von Dürre und Raubtieren bzw. Sklavenjägern geprägten Umwelt Geburtenkontrolle zu betreiben und die Körpergerüche zu maskieren, um sich vor Entdeckung zu schützen (8). Indem die altägyptische Mythologie vielen ihrer Götter männliche und weibliche Attribute zuweist, bringt sie die Vorstellung zum Ausdruck, dass der Mensch Aspekte beider Geschlechter in sich vereinige (9). Anders als die Götter müssen die Menschen ihre latente Bisexualität ablegen. Die Beschneidung lässt sich somit als ein Ritus deuten, durch den der Mensch seine volle Geschlechtlichkeit erhält: eine über die Natur hinausgehende Ausdifferenzierung der Geschlechtsorgane, wie sie beim Fötus ab der achten Woche nach der Empfängnis einsetzt.

Die Beschneidung von Jungen und Mädchen bei den alten Ägyptern war nicht universal. Geschlecht, Alter der Kinder und sozialer Status variierten. Heute erstreckt sie sich in unterschiedlichem Maße über die Länder der Sahel-Zone. Ausläufer reichen nach Indonesien, Malaysia und in den Jemen.

Bei den Juden war die Beschneidung zunächst symbolisch oder beschränkte sich auf jenen Teil der Vorhaut, der über die Eichel hinausragt. Im zweiten nachchristlichen Jahrhundert trat neben diesen milah genannten Brauch die periah, das Entfernen der ganzen die Eichel umgebenden Haut. Damit war es unmöglich gemacht, nach außen als „Unbeschnittener“ aufzutreten. Muslimische Rechtsgelehrte schwankten später zwischen diesen Graden der Beschneidung. Sehr selten, aber belegt ist das Entfernen der gesamten das Glied bedeckenden Haut, mitunter bis zum Bauchnabel, in einigen Dörfern des Yemen (10).

In Genesis 17,4-14 gebietet Gott Abraham, als Zeichen des Bundes alle Jungen seines Geschlechtes, die in seinem Haus geboren würden, am achten Tage nach der Geburt an der Vorhaut zu beschneiden, auch alle von einem Fremden gekauften Sklaven: Der im Haus geborene und der gekaufte Sklave sollten beschnitten werden; ein Mann aber, der nicht beschnitten sei, solle aus dem
Volke „herausgeschnitten“ werden.

Die Praxis fand als Metapher auch Eingang in den Sprachgebrauch. „Beschneidet euch im Herrn und entfernt die Vorhaut eurer Herzen, oh ihr Judäer und ihr Bewohner Jerusalems.“ (11) Die Herrschaft Antiochus‘ IV. (215-164 v. Chr.) führte in Judäa zu einer fortschreitenden Hellenisierung, die auch durch den Makkabäeraufstand nicht zum Erliegen kam. Nach griechischem Vorbild errichtete man in Jerusalem Arenen und erging sich in sportlichen Wettkämpfen, die meist nackt ausgeübt wurden. Der Pondus judaecus, ein an der restlichen Vorhaut befestigtes Metallgewicht, sollte die Folgen der Beschneidung rückgängig, und den Anschluss an das griechische Körperideal komplett machen (12).

Unter den ersten Christen geriet die Beschneidung in die Diskussion, als es zu klären galt, ob der neue Glaube auch die Gesetze des alten zu erfüllen habe. Könne, wer nicht das Gesetz Mose‘ einhalte, überhaupt errettet werden? Während die Pharisäer vor dem Ältestenrat in Jerusalem diese Ansicht vertraten, berichteten Paulus und Barnabas von Bestätigung durch Gott, die sie bei ihrer Missionsarbeit bereits erfahren hätten. Petrus schließlich warf seine Autorität in die Waagschale, um eine Aussetzung des Streites zu bewirken: Man solle nicht Jungen mit Fragen belasten, welche die Alten nicht zu tragen vermocht hätten und damit am Ende Gott auf die Probe stellen (13).

Dennoch sah sich Paulus gezwungen, einen Gefolgsmann namens Timotäos zu beschneiden, da er als Sohn einer gläubigen Jüdin, aber eines griechischen Vaters unter den Juden bekannt war, die bekehrt werden sollten (14).Er deutete aber die körperliche Beschneidung in eine geistige um. Der Messias habe den sündigen Leib der Menschheit insgesamt beschnitten (15). Weder Beschneidung noch Vorhaut habe in Jesu Christi irgendeinen Nutzen, sondern der in tätiger Menschenliebe geübte Glaube (16).

„Wird jemand ein Beschnittener genannt, so soll man die Beschneidung nicht rückgängig machen. Wird jemand ein Unbeschnittener genannt, so soll man ihn nicht beschneiden. Beidem kommt keine Bedeutung zu, sondern der Einhaltung der Verkündigungen Gottes.“ (17)

Das Hocharabische kennt für die männliche und weibliche Beschneidung den Terminus khafdh , die weibliche wird von den ägyptischen Dorfbewohnern als shuusha bezeichnet, was bedeutet, das der„Hahnenkamm“ gestutzt wird (18).

Die theologische Rechtfertigung für die Beibehaltung des vorislamischen Brauches beruht auf einer sehr schmalen Basis. Angeführt wird hier die Überlieferung durch eine Umm Attiya, derzufolge der Prophet einer Beschneiderin, die er traf, gesagt haben solle,

„sie möge nicht allzuviel wegschneiden, dies sei besser für das Mädchen.“

Juristen leiteten daraus den Schluss ab, Muhammad habe die Praxis also generell gut geheißen, denn sonst hätte er sie bei dieser Gelegenheit auch verbieten können. Wie die Muslime halten auch die christlichen Kopten an diesem Brauch fest. Als die römische Kirche im Achtzehnten Jahrhundert begann, die Kopten zum Katholizismus zu bekehren, sah sie sich gezwungen, ihn weiterhin zu dulden, um ihre Missionsarbeit nicht zu gefährden. Angeblich waren nämlich die koptischen Männer aus Widerwillen nicht in der Lage, mit einer Unbeschnittenen die Ehe zu vollziehen.

Tatsächlich wird die Beschneidung in Ägypten heute überwiegend ästhetisch gegründet: die Organe der Frau seien in ihrem natürlichen Zustande hässlich, übelriechend und ekelhaft (19). Bereits der im sechsten Jahrhundert lebende Aetius von Amida, ein Arzt am Hofe von Byzanz, erwähnt einen weiteren wichtigen Grund: Die ständige Reizung der Klitoris verführe die Ägypterinnen zur Unzucht, daher entferne man diese im heiratsfähigen Alter (20). Auch die heutigen Befürworter sehen offenbar für Frauen nur zwei Alternativen: Eine nicht beschnittene Frau lande über kurz oder lang in der Prostitution. Umgekehrt hat die verminderte weibliche Erregbarkeit zur Folge, dass die Männer Haschisch als Aphrodisiakum einsetzen, um durch einen verlängerten Coitus ihre Frau befriedigen zu können (21).

Erst im neunzehnten Jahrhundert kam es in den Vereinigten Staaten zu einem Wiederaufleben dieser Praxis. In dem Bestreben, die Vorschriften der Bibel mit dem Glauben an Rationalität und Fortschritt in Einklang zu bringen, wollte man in der Beschneidung ein frühes Gebot der Hygiene sehen, eine Auffassung, die sich bis heute in weiten Kreisen gehalten hat (22).


1 http://www.sami-aldeeb.com/files/fetch.php?id=143
2 Denniston, George C., Frederick Mansfield Hodges, Marilyn Fayre Milos: Male and Female Circumcision. Medical, Legal, and Ethical Considerations in Pediatric Practice. New York 1999. S. VI.
3 Scott, Steve: the Anatomy and Physiology of the Human Prepuce. In : Male and Female Circumcision, S. 9-18.
4 Williams, George: The Significance and function of Preputial Langerhans Cells. In : Male and Female Circumcision, S. 31-36.
5 Van Howe, Robert S.: Neonatal Circumcision and HIV Infection. In : Male and Female Circumcision, S. 99-129.
6 Van Howe, Robert S. Anaesthesia for Circumcision. A Review of the Literature. In : Male and Female Circumcision, S. 67-97.
7 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Beschneidung von Frauen und Mädchen. Bonn 1996. S. 9-13.
8 Peller, Anette: Chiffrierte Körper – Disziplinierte Körper. Female Genital Cutting. Rituelle Verwendung als Statussymbol. Berlin 2002. S. 202-208.
9 Meinardus, Otto F.A.: Mythological, historical and sociological aspects of the practice of female circumcision among the Egyptians. In: Acta Ethnographica. Bd. XVI/3-4. Budapest 1967. S. 387-397.
10 Aldeeb, Sami Abu-Salieh: Muslim’s Genitalia in the Hands of the Clergy. Religious Arguments about Male and Female Circumcision. In : Male and Female Circumcision, S. 131-171.
11 Jeremia 4,4.
12 Schultheiss, Dirk: The History of Foreskin Restoration. In : Male and Female Circumcision, S. 285-294.
13 Apostelgeschichte 15,11.
14 Apostelgeschichte 16,4.
15 Kolosser 2,11.
16 Galater 5,6.
17 1. Korinther 7,18.
18 Editors, Encyclopaedia of Islam, Vol. III, KHAFD, S. 913-914.
19 Meinardus, Otto a.a.O. S. 394.
20 Meinardus, Otto a.a.O. S. 390.
21 Meinardus, Otto a.a.O. S. 395.
22 Bigelow, Jim D.: Evangelical Christianity in America and its Relationship to Infant Male Circumcision. In : Male and Female Circumcision, S. 173-177.