Gemüsehändler, nett und türkisch

KulturbereichererIn öffentlichen Diskussionen über den Islam ist oft vom netten türkischen Gemüsehändler um die Ecke die Rede. Er ist das Gegenteil des Terroristen. Er versteht den Koran und kennt dessen Aufruf zu ewigem Frieden. Er ist der Gute. Der Joker im Ärmel des Gutmenschen, um faschistoide Islamophobe zum Schweigen zu bringen.

(Gastbeitrag von Oldboy zur PI-Serie “So erlebe ich die Kulturbereicherer!”)

Der nette türkische Gemüseverkäufer um die Ecke hat viele Berufe. Er kann eine Dönerbude oder einen Handyshop betreiben, sein Geld als Gebrauchtwagenhändler oder Schaffner verdienen. Oder eben Gemüse verkaufen. Wer die Schwelle seines Geschäfts auf der Suche nach Melonenkernen und Halal-Wurst überschreitet, der weiß, dass die ganze Welt ein Stück weit friedlicher wäre, wenn mehr Menschen die Schönheit des Islam erkennen würden. Denn er versteht den Islam so, wie er wirklich ist, als Quelle des Friedens und der Toleranz…

…außer man ist Muslimin und hat einen deutschen Freund. Wie in unserem Fall. Genauer, ich war der Freund und meine Ex-Freundin Muslimin. Sie kam zum Studium nach Deutschland. Ihre Heimat ist die Türkei. Als sie nach Deutschland kam, ahnte sie nicht, wie sich ihre „Landsleute“ in Deutschland aufführen.

Wie in den meisten Städten, so gibt es auch in unserer Stadt viele nette türkische Gemüseverkäufer um die Ecke. Einer hatte seinen Laden bei uns um die Ecke. Er war nett, türkisch, und verkaufte Gemüse. Meine Mitbewohnerinnen waren begeistert von ihm. Die waren deutsch, wählten grün, aßen bio und sahen auch so aus.

Dann kamen neue Mitbewohnerinnen aus der Türkei. Da meine deutschen Mitbewohnerinnen dachten, dass das letzte, was türkische Studentinnen in Deutschland kennenlernen wollen, deutsche Menschen und deutsches Essen seien, machten sie sie auf den netten türkischen Gemüsehändler um die Ecke aufmerksam. Die beiden türkischen Studentinnen gingen zum Einkauf dorthin. Als der nette türkische Gemüsehändler, der offensichtlich wenig Wert auf deutsches Biogemüse legte, die beiden Türkinnen sah, vergaß er seine guten Manieren. Anstatt ihnen Gemüse zu verkaufen, forderte er barsch ihre Handynummern. Als die beiden jungen Frauen ihm diese vorenthielten, fuhr er sie wütend an, sie seien „wie die Deutschen“. Ob man dies als Beschimpfung oder als Kompliment interpretiert, sei dem geneigten Leser selbst überlassen.

Eine der beiden Türkinnen und ich wurden ein Paar. In unserer Stadt besuchten wir alle möglichen und unmöglichen Orte. Nur eine Sorte Ort betraten wir sehr selten – die Geschäfte netter, türkischer Gemüsehändler um die Ecke. Denn jedesmal, wenn wir es taten, war die Stimmung beim Hinausgehen bedrückter als beim Hineingehen.

Um die eine Ecke gab es ein türkisches Restaurant. Es hatte nichts von einer gewöhnlichen Dönerbude, sondern bot ein sauberes, gepflegtes Ambiente und freundliche Bedienung, die beim Belegen des Döners größte Sorgfalt an den Tag legte. Ich hatte mir dort schon oft etwas zu essen geholt, und man empfing mich mit einer Freundlichkeit, die anderen Gästen nicht zuteil wurde. Bis auf jenen Tag, an dem ich mit meiner neuen Freundin hinging. Nachdem den Leuten hinter der Theke klar geworden war, dass es sich um einen Deutschen mit einer Türkin (!) handelt, schlug die freundliche Stimmung um. Die Bedienung, sonst nicht um einen höflichen Gruß verlegen, belegte mit zusammengebissenen Lippen unser Fladenbrot. Es müssen nicht immer Messer gezückt werden, um eine bedrückende Atmosphäre zu schaffen.

Um die andere Ecke befand sich ein größerer Zeitungskiosk, der einen blumigen türkischen Namen trug und neben Zeitungen und Eis auch Gemüse anbot. Ein älteres Ehepaar arbeitete dort schichtweise, und so zuvorkommend die Dame war, so mürrisch behandelte einen der Herr. Als meine Freundin und ich den Kiosk betraten, war es gerade die Schicht des alten Miesepeters. Wie der Dönerverkäufer, so merkte auch der Kioskbesitzer sofort, dass es sich bei meiner Freundin um eine Türkin handelte. Unwirsch sagte er etwas auf Türkisch zu ihr. Als wir den Laden verließen, erfuhr ich, dass er meine Freundin ermahnt hatte, weil sie sich mit einem Deutschen herumtrieb. Ich bedankte mich bei dem alten Herrn für seine fürsorgliche Neugier, indem ich nie wieder bei ihm einkaufte.

Viele kleine Vorkommnisse dieser Art häuften sich. Es wurde deutlich, dass viele (männliche) Türken besorgt sind um die Sittlichkeit ihrer weiblichen Landsleute in Deutschland. Die Frage, ob irgend jemand überhaupt das Recht hat, eine ihm völlig fremde, erwachsene Frau in aller Öffentlichkeit auf ihre vermeintlich mangelnden Moralvorstellungen hinzuweisen, ist absurd. Natürlich hat er es. Und wenn nicht, nimmt er es sich. Gesundes Traditionsbewusstsein nennen das die Grünen. Und die müssen es wissen. Denn die engagieren sich dafür, alle Traditionen abzuschaffen. Alle deutschen, zumindest.

In der Regel wurde meine Freundin angesprochen. Nur einmal wandte sich einer an mich. Ein türkischer Kommilitone, dem ich von meiner Beziehung erzählt hatte. Aufgebracht fuhr er mich an, dass ich als Nichtmuslim nicht mit einer Muslimin zusammensein dürfe. Ich fand das nicht höflich. Er reagierte viel zu unwirsch. Als Rechtgläubiger hätte er mit einem Nichtgläubigen wie mir mehr Geduld aufbringen müssen, hätte mir tolerante Koranstellen vorlesen und mich freundlich, aber bestimmt darauf hinweisen müssen, dass es Allahs Gesetz verbietet, dass sich eine Muslimin mit einem Unreinen einlässt.

Andererseits bringe ich Verständnis für seine Wut auf. Weshalb wissen wir im Westen immer noch so wenig über den Islam? Nach all dem Guten, was uns widerfahren ist! Weshalb gehorchen wir nicht den Gesetzen Allahs? Kein Wunder, dass wir mit unserem unsensiblen Auftreten immer die Muslime provozieren!

Doch nicht nur Fremde zeigten sich am Privatleben meiner Freundin interessiert. Wie es der Zufall wollte, wohnten in einer anderen Stadt in Deutschland gute Bekannte ihrer Familie. Der Familiengründer selbst war vor vielen Jahren aus politischen Motiven aus der Türkei geflohen. Er war linksgerichtet gewesen, entschied sich jedoch beim Putsch des türkischen Militärs im Jahre 1980 dafür, die Planung der kommunistischen Weltrevolution lieber in einem sichereren Land fortzusetzen.

So kam er nach Deutschland, wo er bislang glücklich und erfolgreich lebte. Als er jedoch erfuhr, dass die Tochter seiner Bekannten mit einem – wie bitte? – Deutschen zusammen sei, kam er nicht umhin, sie heftig für ihre Wahl zu kritisieren. Ganz anders hingegen seine Frau, ebenfalls eine Türkin. Sie sagte immer: Stünde sie erneut vor der Wahl, würde sie sich ausschließlich einen deutschen Partner suchen. Die seien gesitteter. Woher sie wohl diese islamophoben Ansichten hat? Hat sie vielleicht auch Erfahrung mit netten, türkischen Gemüsehändlern um die Ecke gesammelt?

Alle auf PI veröffentlichten Gastbeiträge zur laufenden PI-Serie “So erlebe ich die Kulturbereicherer!”, küren wir mit dem neuen Buch von Udo Ulfkotte „Vorsicht Bürgerkrieg“. Wir bitten daher alle, deren Beitrag bei uns erschienen ist, uns ihre Anschrift mitzuteilen, damit wir ihnen ihr Buch zustellen können.

Bisher erschienene Beiträge zur PI-Serie:

» Anekdoten kultureller Bereicherung
» Kulturbereicherung im Kirchenchor
» Politische Korrektheit nimmt Jugend jede Chance
» Der Schein trügt
» Es gibt keinen Grund dafür…
» Behindertes Kind als “Gottes Strafe”
» Der P*ff und der Perser
» “Was!? Hast du ein Problem?”
» Meine Erlebnisse in arabischen Ländern
» “Seien Sie froh, dass nichts passiert ist”
» Umar an der “Tafel”-Theke
» Kulturbereicherung kommt selten allein
» Plötzlich war Aische unterm Tisch verschwunden
» “Gibt es Prüfung nicht auf türkisch?”
» Eine unterschwellige Bedrohung
» Früher war alles einfacher
» “Ey, hast Du Praktikum für uns?”
» Eine wahre Bereicherung
» Als Deutscher in diesem Land nichts zu melden
» Einmal Toleranz und zurück
» Auch im Fußball kulturell bereichert
» Soldaten sind Mörder – oder Schlampen
» Kulturbereicherung von Kleinauf
» Beschimpfungen, Aggressionen und vieles mehr…
» Gefühl, im eigenen Land auf der Flucht zu sein
» Erfahrungen eines Hauptschullehrers
» “Ruhe, ihr deutschen Drecks-Schlampen”
» Kulturbereicherung im Krankenhaus
» Von bereicherten Löwen und grünen Antilopen