Killing Fields: Der Völkermord in Kambodscha

Schädel von ermordeten Gefangenen des Sondergefängnisses S 21 bei Phnom PenhVor 30 Jahren beendete die vietnamesische Armee das Terrorregime der Roten Khmer und hinterließ nach einem beispiellosen Terror ein bis heute tief traumatisiertes Land.

(Beitrag von Michael Mannheimer, Publizist)

Seine Warnungen wären noch rechtzeitig gekommen, um dem kambodschanischen Holocaust vorzeitig ein Ende zu bereiten. Doch sie wurden vom Westen überhört oder mit beißender Häme überzogen. Zu unglaublich war doch, was der französische Pater Francois Ponchaud bereits 1975, kurz nach der Machtübernahme der Roten Khmer, aus dem fernen Kambodscha behauptete: von massenweiser Deportation der Bevölkerung auf das Land, Entvölkerung ganzer Städte, täglichen Liquidierungen Unschuldiger, ja von einem Genozid sprach der Kleriker, der den Einmarsch der Roten Khmer nach Phnom Penh als einer der wenigen westlichen Augenzeuge erlebt hatte.

Was der Pater da an unvorstellbaren Gräueln und Staatsterror durch die neue kommunistische Regierung unter Führung Pol Pots berichtete, stellte so ziemlich alles in den Schatten, was man aus den Tagen Hitlers, Stalins oder Maos kannte. Ein neuer Holocaust? Nein, das konnte, das durfte nicht wahr sein, zumal nicht im Namen einer kommunistischen Regierung, deren erklärtes und vordringliches Ziel es doch war, die Menschenrechte zum ersten Mal für alle Menschen in Kambodscha durchzusetzen. So sahen es auch der US-amerikanische Linke Noam Chomsky, der die Berichte in Ponchauds als CIA-Propaganda abtat, und auch der belgische Menschenrechtsexperte Francois Rigaux befand politisch korrekt, dass Pol Pot die Menschenrechte wirksamer schützen würde als die ganze westliche Welt. Also musste das, was Pater Ponchaud erzählte, maßlos übertrieben sein, genährt wohl unter anderen vom Neid der Kirche auf die humanitären Erfolge der kommunistischen Regierung.

Folterung in S 21 Gemälde von Van Nath

Doch Pater Ponchaud hatte nicht übertrieben. Kambodscha sollte während der Herrschaft der Roten Khmer in den Jahren 1975-1979 die grauenvollste Zeit seiner langen und ruhmreichen Geschichte erleben – die Zeit des kambodschanischen Holocausts.

Nach einem jahrzehntelangen erbitterten Guerillakampf gegen die Regierungstruppen Kambodschas drangen die Roten Khmer am 17. April 1975 in die Hauptstadt Phnom Penh ein. Sie trafen auf keinen nennenswerten Widerstand mehr: jedermann war froh, dass der Bürgerkrieg endlich zu Ende war. Jetzt konnte es eigentlich nur noch besser werden, so die Meinung des Großteils der Bevölkerung. Doch die versteinerten Mienen der eindringenden Kindersoldaten der Roten Khmer ließen bei Skeptikern die Ahnung einer kommenden Apokalypse aufkeimen.

Tatsächlich wurde noch am selben Tag des Einmarsches alle drei Millionen Bewohner Phnom Penhs dazu aufgefordert, die Stadt binnen weniger Stunden zu verlassen. Wer diesen Befehl missachtete, wurde auf der Stelle erschossen. Um keine Panik aufkommen zu lassen, behaupteten die Roten Khmers, ein amerikanischer Luftangriff auf Phnom Penh stünde unmittelbar bevor. Nach spätestens drei Tagen könnten alle wieder in ihre Häuser zurückkehren. Daher sollte nur das Notwendigste mitgenommen werden. Innerhalb weniger Stunden nach der Einnahme Phnom Penhs vollzog sich ein gespenstisches Szenario: Ganze Familien, Jung und Alt, Gesunde und Kranke machten sich auf den ungewissen Weg hinaus aus der Stadt. Geschont wurde niemand. Selbst die Kranken und Schwerstkranken aus den Hospitälern mussten sich auf den Weg machen. Wer niemanden fand, der ihn begleitet oder auf seinen Händen aus der Stadt trug, hatte Pech. Er wurde noch auf der Straße von den Roten Khmers erschlagen oder erschossen. Es sollte für die meisten ein Auszug ohne Wiederkehr werden.

Mordszene in  S 21 Gemälde von Van Nath

Alle waren sie Teil eines geheimen, selbst der Mehrheit der Roten Khmer unbekannten Plans: Kambodscha sollte innerhalb kürzester Frist in eine maoistische, bauerngeführte Agrarkooperative umgewandelt werden, in eine klassenlose, „ideale kommunistische Gesellschaft. Das offizielle historische Ziel war ein Land ohne entfremdende Ballungszentren mit gleichmäßig bewohnten Kommunen von jeweils 1000 Menschen… der wahre Grund lag jedoch vermutlich in der Kontrollfunktion der Partei gegenüber der sonst unkontrollierbaren Stadtbevölkerung.

Die neuen Herren begannen mit einer der radikalsten und brutalsten Umstrukturierung einer Gesellschaft, die jemals vollzogen wurde. Die Zeitrechnung wurde umgestellt: als das Jahr Null zählte fortan der Beginn ihrer Herrschaft. Das Geld wurde abgeschafft, die Nationalbank in die Luft gesprengt, Schulen und Krankenhäuser geschlossen, Bücher eingesammelt und verbrannt. Man stellte die Post ein und riegelte das Land hermetisch von der Außenwelt ab. In den folgenden vier Jahren wurden Hunderttausende Kambodschaner zu Tode gefoltert und hingerichtet. Vor allem war es die überwiegende Mehrheit der gebildeten Kambodschaner aus der Mittelklasse, Lehrer, Ärzte, Ingenieure, ehemalige Verwaltungsbeamte, die als Parasiten gebrandmarkt und ermordet wurden. Aber auch alle, die eine Fremdsprache gelernt hatten oder einfach eine Brille trugen (das war ein untrügliches Zeichen, dass der Mensch lesen und schreiben konnte und somit ein „verdorbener Feudalist“ war) wurden systematisch liquidiert.

Folterszene in S 21 Gemälde von Van Nath

Das Blutbad erreichte 1978 seinen Höhepunkt, als zahllose Kambodschaner, bezichtigt als Landesverräter, als amerikanische oder vietnamesische Spione, in wenigen Wochen auf den Killing Fields getötet wurden. Man trieb ganze Schulklassen zusammen, ließ sie mit bloßen Händen ein Loch graben, um sie unmittelbar darauf zu erschlagen oder – im „glücklichsten“ Fall – zu erschießen. Der gleichnamige Film „The Killing Fields“ beruht auf eben diesen historischen Begebenheiten. Von den einstmals sieben Millionen Kambodschanern wurden zwei bis drei Millionen (die genaue Zahl wird man wohl nie erfahren) von ihrer eigenen Regierung ermordet oder aber sie starben an Misshandlungen, Krankheit oder mangelnder Ernährung. Die Essenszuteilung beschränkte sich auf eine Kondensmilchdose Reis pro Tag für sechs Personen – eine absolute und tödliche Hungerration, die von den Roten Khmers so auch beabsichtigt war. Pin Yathay, einer der wenigen Kambodschaner, dem die Flucht nach Thailand gelang, berichtete, dass während einer politischen Versammlung in der ihm zugewiesenen Kooperative ein Offizier der Roten Khmer öffentlich sagte: „Im neuen Kambodscha brauchen wir für die Fortsetzung der Revolution nicht mehr als eine Million Menschen. Die anderen brauchen wir nicht. Es ist uns lieber, wir bringen zehn Freunde um, als dass wir einen Feind am Leben lassen.“

Foto eines in S21 gefangenen KindesMitte 1976 setzte Pol Pot einen Vier-Jahres-Plan in Kraft, der Kambodscha modernisieren, die Klassengesellschaft beenden und direkt zur idealen kommunistischen Gesellschaft führen sollte. Die landwirtschaftliche Produktion Kambodschas sollte sofort verdreifacht werden. Die Erlöse sollten dazu dienen, die Industrialisierung des Landes zu finanzieren. Mit diesem Plan wollte er sich ein bleibendes Denkmal in der Weltgeschichte setzen.

Doch dieser Plan hatte keinerlei Bezug zur Realität Kambodschas. Die Infrastruktur war schwer beschädigt. Dem Land fehlten qualifizierte Arbeitskräfte (Ärzte, Lehrer, Ingenieure waren ja bereits unter den ersten, die auf den Killing Fields ermordet wurden.) Und die zwei bis drei Millionen halbverhungerter kambodschanischer Arbeitskräfte, die auf dem Land sklavische Frondienste zu leisten hatten, konnten diese Wunder nie und nimmer vollbringen, zumal sie jeden modernen Werkzeugs beraubt waren.

Als Pol Pot merkte, dass sein ehrgeiziger Plan nicht erfüllt werden sollte, versuchte er (wie Stalin und Mao unter ähnlichen Umständen davor) die Schuld von sich abzulenken und beschuldigte innere Feinde der Sabotage an der Revolution. Von paranoider Angst getrieben glaubte er sich zunehmend von Feinden umgeben, nannte sie „Ungeziefer“ und drohte ihnen, sie allesamt auszumerzen. Mord, willkürliche Verhaftungen und Folter wurden zum Prinzip seiner Herrschaft. Niemand entkam dem Terror, niemand konnte sich sicher fühlen. Unter den Opfern befanden sich selbst ganze Kader der Roten Khmer und einige seiner engsten Kampfgefährten.

Foto eines jungen Kambodschaners in Tuol SlengAlle, die besonders schwereren Verrats verdächtigt wurden, kamen ins geheime Sicherheitsgefängnis S21, einer ehemaligen High School im Stadtteil Tuol Sleng im Süden Phnom Penhs. Keiner der etwa 15-20.000 Gefangenen, die während der Jahre 1975-79 dorthin gebracht worden waren, sollte S 21 überleben. Denn alleiniger Zweck der Einrichtung war: Erzwingung von Geständnissen und anschließende Liquidierung in Choeung Ek, einem der zahllosen in ganz Kambodscha verstreuten Killing Fields.

Die ehemalige Schule wurde für Verhörzwecke perfekt genutzt: Einige Klassenzimmer fungierten als Folterkammern, andere wiederum waren mit primitivsten Baumaßnahmen zu winzigen Gefängniszellen umfunktioniert worden, in denen die Opfer, angekettet an fingerdicke Eisenstangen, auf nacktem Boden auf ihre täglichen Verhöre und Folterungen warteten. Andere Zimmer fungierten als Massenlager: bis zu Hundert niedrigrangige Gefangene waren wie Vieh Körper an Körper aneinandergekettet.

Die Verhöre und Folterungen hörten nicht auf, bis sie alle zugaben, vietnamesische Agenten oder Spione der CIA oder des KGB zu sein… Namen, von denen die meisten noch nie gehört hatten. Von Verdächtigungen ausgenommen war niemand. Denn wer erst einmal durch die Pforten des S 21 gebracht wurde, musste allein schon deswegen schuldig sein: denn „Angkar“, die allmächtige Parteiorganisation der Roten Khmer, verhaftete nur Schuldige, irrte nie.

Opfer waren: Beamte und Offiziere des alten Regimes, aus dem Ausland zurückkehrende Diplomaten und Studenten, die direkt ins S 21 überführt wurden, die Besatzung einer vor der Küste kreuzenden ausländischen Segelyacht; Intellektuelle und als Abweichler verdächtige Kader der Roten Khmer mitsamt ihren Familien; Männer, Frauen und Kinder aus allen Bevölkerungsschichten des Landes.

Der kambodschanische Maler Van Nath, einer der nur sieben Überlebenden von des Sondergefängnisses S21Leiter des Gefängnisses war ein gewisser Khang Khekleu, genannt Deuch, damals ein Mitdreißiger. Er war wie Pol Pot ehemaliger Lehrer, ausgebildet an der Sorbonne in Paris. Auch die meisten der Verhörspezialisten von S 21 waren ehemalige Lehrer. Denn die Roten Khmer waren bei aller Ablehnung von Intellektualität angewiesen auf Menschen, die die Verhörprotokolle führen konnten.

Deuch führte das S 21 als die wohl perfekteste und akkurateste Mordmaschine der Roten Khmer. Das Gefängnis wurde ähnlich penibel geführt wie Auschwitz von den Nazis: ankommende Häftlinge wurden zu-erst gewogen und fotografiert. Dann mussten sie genaue Angaben für Ihre Personalakte machen. Jede Aussage wurde schriftlich festgehalten, und viele der „Geständnisse“ trugen akkurate Anweisungen von Deuch über das weitere Prozedere der Verhöre oder wiesen auf darin enthaltene Ungereimtheiten hin. Weil die Gefangenen von S 21 meist des Verrats an der Partei beschuldigt wurden, waren ihre Geständnisse von hohem Interesse für Pol Pot, der in den Protokollen und Dokumenten von S 21 als „Brother Number One“ erwähnt wird. Kopien und Zusammenfassungen wichtiger Geständnisse wurden an den Sicherheitsminister Son Sen oder direkt an Pol Pot weitergeleitet.

Sondergefängnis S 21 (Tuol Sleng) in Phnom Penh

Viele Gefangene gaben „verräterische Aktivitäten“ gleich zu, um der Folter zu entgehen. Andere wurden so lange gefoltert, bis sie gebrochen waren oder starben. Einige begingen Selbstmord. (Einer ergriff sich das Gewehr einer Wache und erschoss sich damit. Eine Frau stürzte sich aus dem dritten Stock der ehemaligen High School.)

Das Ausmaß des Leids der Gefangenen ist wohl am besten in den Gemälden des kambodschanischen Malers Van Nath dokumentiert, die heute in dem zu einem Völkermord-Museum umfunktionierten S 21 an den Wänden hängen. Van Nath entkam mit weiteren sechs Gefangenen, die wie er mit dem Malen von Pol Pot Portraits beauftragt waren, am Tag der Befreiung Kambodschas nur durch reinen Zufall lebend dieser Hölle: die vor den Vietnamesen fliehenden Wachsoldaten hatten schlicht und einfach vergessen, ihm und den anderen sechs die Kehle zu durchschneiden, wie sie es noch bei den letzten Gefangenen getan hatten.

Forscher der amerikanischen Yale Universität, die das mörderische Treiben heute untersuchen, waren überrascht über die von den Schlächtern in aller Eile hinterlassene Aktenfülle: 500.000 Seiten mit Verhör- und Folterprotokollen, Geständnisse, Todeslisten, Fotos. Doch sie studierten nicht nur die Aktenberge. Geleitet vom australischen Professor Ben Kiernan haben die Wissenschaftler des „Genozid-Programms“ mit Hilfe von Satellitenaufnahmen bereits über 8.000 Massengräber im Lande lokalisiert, meist in unmittelbarer nähe zu Gefängnissen oder Arbeitslagern.

Killing Field Choeng Ek - An diesem Baum wurden die Kleinkinder zu Hunderten erschlagen

Mittlerweile sind 30 Jahre vergangen, seitdem die Roten Khmer ihre Macht verloren. Doch besiegt waren sie lange nicht. Pol Pot zog sich mit einer bestens gerüsteten und immer noch kampfkräftigen Truppe in die unzugänglichen Urwälder Westkambodschas zurück, und errichtete, an der Grenze zu Thailand, sein neues Domizil. Jederzeit konnte er sich dort vor etwaigen Angriffen kambodschanischer Regierungstruppen nach Thailand zurückziehen. Noch jahrelang führten die Roten Khmer einen erbitterten Guerillakampf gegen Regierung und Bevölkerung und verseuchten das Land mit Millionen Minen, die sie, im Schutze der Dunkelheit, häufig in den Reisfelder der Bauern legten. Man wollte Land und Bevölkerung durch unzählige verstümmelte Opfer demoralisieren und auf den Tag X der Rückeroberung der Macht warten. Noch Jahre nach ihrer Vertreibung legten die schwarzgekleideten Krieger Pol Pots Millionen Antipersonenminen, vor allem in den Reisfeldern, was sich als besonders heimtückisch erwies. Hinter Afghanistan ist Kambodscha das Land mit den meisten Minen weltweit und es hat eine der höchsten Invaliditätsraten der Welt. Der Krieg in Kambodscha hinterließ etwa 40.000 Menschen mit Amputationen, und es kommen täglich neue hinzu. Auf den Straßen der Städte kann man die ganze Bandbreite des Leidens heute noch sehen: von jungen und älteren Menschen mit abgerissenen Händen, Armen oder Beinen bis hin zu Kindern, die sich nur auf den Händen fortbewegen können.

Schädelturm auf dem Killing Field Choeng Ek (ca. 15 km südlich von Phnom Penh)Erst jetzt, 30 Jahre nach dem Ende der kommunistischen Terrorherrschaft, wird dem Schlächter von Tuol Sleng, Khang Khekleu alias Deuch, endlich der Prozess gemacht. Am 17. März 2009 muss er sich vor dem Völkermordtribunal vor den Toren Phnom Penhs seinen Anklägern und Richtern stellen. Pater Ponchaud, der das Land während der Herrschaft der Roten Khmers verlassen hatte, ist inzwischen wieder nach Phnom Penh zurückgekehrt und hat seine ursprüngliche Arbeit, nämlich die Übersetzung der Bibel in Khmer, die Sprache der Kambodschaner, erfolgreich beenden können.

Im Rückblick auf die Ereignisse unter den Roten Khmer erklärte er einem ausländischen Journalisten: „Nach der Veröffentlichung meines Buches hatte ich eine religiöse Krise. Ich glaubte mich von Gott verlassen. Nicht nur wegen der Gräuel, die ich in Kambodscha erlebt hatte, sondern weil man alles anzweifelte, was ich gehört und gesehen hatte. Und dabei habe ich eher unter- als übertrieben.“

Trailer zum Film „Killing Fields“: