Die Sprengung der Leipziger Universitätskirche

Die Sprengung der Leipziger Universitätskirche 1968Am 30. Mai 1968 wurde die Leipziger Universitätskirche St. Pauli gesprengt (Foto) – aus Hass der SED gegen Christentum und bürgerliche Kultur. 1240 geweiht, war diese gotische Kirche, die in der Reformation der Universität geschenkt worden war und die den 2. Weltkrieg unversehrt überstanden hatte, das älteste erhaltene Gebäude der Leipziger Universität.

(Von Dr. Dietrich Koch)

Der Zorn der Leipziger blieb damals ohnmächtig. Am 27. Mai gehörte ich zu den Ersten, die vor der zur Sprengung vorbereiteten Kirche festgenommen wurden. Ich hatte mich drastisch gegen die Sprengung von Kirche und Augusteum ausgesprochen und sagte, dass nun die Stadtväter abreißen, was die Bomber übrig gelassen haben. 19 Stunden lang wurde ich verhört, aber man konnte mir nichts nachweisen. Von der Akademie der Wissenschaften, wo ich als Physiker arbeitete, wurde ich dennoch in einem von politischer Hysterie geprägten Disziplinarverfahren durch mündliches Disziplinarurteil fristlos entlassen. Ich hätte, hieß es, aus politischer Gegnerschaft zur DDR und im Auftrag von Hintermännern staatsfeindliche Provokationen verübt. Fast zwei Jahre lang war ich arbeitslos. Arbeitslosengeld gab es nicht.

Aber es gab noch ein Nachspiel. Am 20. Juni 1968 entrollte sich in der Leipziger Kongresshalle vor dem Publikum des III. Internationalen Bachwettbewerbs automatisch ein ca. 1,5 m x 2,5 m großes gelbes Protestplakat mit einer Umrisszeichnung der Kirche. Hinter die Jahreszahl 1968 war ein Totenkreuz gemalt. Außerdem stand auf dem Plakat „Wir fordern Wiederaufbau“. Die fünf für diese Protestaktion verantwortlichen jungen Physiker kamen aus einem philosophisch-literarisch-wissenschaftlichen Vortragskreis. Mein Bruder Eckhard und ich hatten die automatische Auslösung mit einem Wecker gebaut. Zwei der Beteiligten gingen kurz darauf in den Westen. Die Stasi suchte lange in theologischen und kunsthistorischen Kreisen nach den Tätern. Nach fast zwei Jahren konnte sie mich verhaften. Ich war durch den westdeutschen Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi Bernard Langfermann, den IM „Boris Buch“, bei der Stasi denunziert worden. Sein Verrat führte zur Verhaftung eines halben Dutzends weiterer Leipziger Freunde. Ziel der Stasi war es, mit psychologisch ausgefeilten Vernehmungsmethoden all deren Wissen aus ihnen herauszuholen. Dieses Gegeneinander-Ausspielen gehört zu meinen schmerzlichsten Erinnerungen. Bis heute wirkt diese Zersetzung unter den früheren Freunden nach. Zwei der Verhafteten allerdings weigerten sich standhaft, mich zu belasten. Ein anderer gab preis, was ich ihm – aus heutiger Sicht unvorsichtiger Weise – anvertraut hatte: Dass ich die Weckerauslösemechanik gebaut hatte. Ein weiterer beschuldigte mich, die Kirche auf das Plakat gemalt zu haben. Ein Dritter ließ sich in der Haft als IM „Thomas“ anwerben (mit der Aufgabe, im Westen Carl Friedrich von Weizsäcker zu bespitzeln) und nahm für den Verrat, auch den meiner Mitwirkung an der Plakataktion, Geld. Da das Wissen meiner Freunde aber nur ungenügend war, brauchte die Stasi noch etwas, nämlich mein Geständnis.

Seit den Stalinschen Prozessen Mitte der dreißiger Jahre galt es im Umgang mit Feinden als oberstes Ziel eines Tschekisten, wie es der sowjetische Generalstaatsanwalt Wyschinski formuliert hatte, Beschuldigte zu Geständnissen zu bringen. In einem 23-monatigen Ermittlungsverfahren versuchte die Stasi mit ungeheurem Aufwand, aber vergeblich, mich kooperativ zu machen und zu Selbst- und Fremdbezichtigungen zu bringen.

Als ich nach einem halben Jahr Verhören noch immer nicht gestanden hatte, formulierte die Stasi eine „Konzeption zum taktischen Vorgehen“ gegen mich, in der es auf S. 1 heißt:

»Trotz intensiver Vernehmung ist es nicht gelungen, den Beschuldigten Koch zu einem Geständnis über seine und die Straftaten anderer Personen zu bringen. Er hat sich eine Konzeption erarbeitet, wonach er nur bereit ist, etwas auszusagen, wenn ihm konkrete Beweise vorgelegt werden, ansonsten will er keine Aussagen machen, um sich und andere nicht zu belasten. (…) Während den Vernehmungen hält er sich konsequent an sein Konzept.«

Die Methoden der Stasi waren vielfältig: Neben dem Ausspielen von Freunden und dem Wecken von Rachefühlen deshalb zählten Isolation, Deprivation, Täuschungen, Bluffs, Drohungen, Erpressungen, Ultimaten, Ausnutzen persönlicher Schwächen, Verlockungen mit Milde und Zellen-Informanten dazu, und bei mir auch der Einsatz von Psychopharmaka und eines Stasi-Psychiaters. Die ständigen Bemühungen, mich in Unruhe zu halten (wie es in der Konzeption heißt), waren ein systematischer Erschöpfungsfeldzug in Hunderten Stunden Verhören – ganztägig, oft auch nachts. Dadurch und mit vielfachen Beschuldigungen – dutzendfache staatsfeindliche Hetze, Verbindungsaufnahme, Gruppenbildung, Fluchtvorbereitung und staatsfeindlicher Menschenhandel – erzeugte die Stasi bei mir eine extreme Dauerbelastung. Die Konzeption gegen mich formulierte auf zehn Seiten über 50 einzelne Punkte, um von mir ein Geständnis zu bekommen.

Den Gang der Verhöre habe ich in einem dreibändigen Werk beschrieben: Dietrich Koch: Das Verhör. Zerstörung und Widerstand. Dresden 2000, 2. Aufl. 2001. Der 3. Bd. enthält 200 S. Dokumente (www.verhoer.de). Später folgte eine kürzere Darstellung: Dietrich Koch: Nicht geständig. Der Plakatprotest im Stasi-Verhör. Dresden 2006.

Meinem Vernehmer sagte ich: „Wir – meine Familie – gehören seit Jahrhunderten zur Herrnhuter Brüdergemeine. In dieser hat es noch nie einen Verräter gegeben. Ich werde nicht der erste sein.“ Dabei blieb ich. Insbesondere verriet ich die beiden anderen in der DDR gebliebenen Mitwirkenden an der Plakataktion nicht. Schließlich gab es die Stasi mit mir auf. In einer Aktennotiz zu einer Gegenüberstellung vom 15.11.1971 hielt die Stasi fest, dass

»es Koch teilweise gelang, *May zu verwirren und diesen von bereits gemachten Aussagen abzubringen. KOCHs Verhalten zeigt klar, dass es ihm nicht um Klärung von Widersprüchen sondern im Gegenteil um die Verwirrung des Sachverhaltes geht. Es wurde deshalb davon abgesehen, die für den heutigen Tag geplante Gegenüberstellung zwischen *Jütte, Franz und Koch, Dietrich durchzuführen, weil aufgrund jüngster Erfahrungen mit Koch das Ziel einer solchen Maßnahme nicht erreicht werden kann.«

Wenige Tage später wurde ich ins Psychiatrische Haftkrankenhaus Waldheim gebracht. Die Stasi hatte es mit mir aufgegeben. Das Ergebnis der Begutachtung durch drei Psychiater, Oberstleutnant Dr. Ochernal, Frau Oberleutnant Dr. Piechocki und Leutnant Dr. Petermann, erfuhr ich nicht.

Der zweitägige Prozess war als eine einzige Überwältigung inszeniert. Meinen Anwalt sah ich das erste Mal in der Hauptverhandlung. Er und ich hatten weder Einblick in die Ermittlungsakten, die Anklageschrift noch in das psychiatrische Gutachten bekommen. Normalerweise lief in der DDR das „Urteil-nach-Antrag“-Verfahren ab: Der Staatsanwalt stellte einen Antrag nach Vorgabe durch das MfS. Dem entsprach das Gericht. Voraussetzung dafür war der geständige Angeklagte. Aber ich war nicht geständig. Der Staatsanwalt bot acht Zeugen gegen mich auf. Ich versuchte, mich aktiv und sachlich zu verteidigen. Im Urteil steht:

»Der Angeklagte ist in den wesentlichsten Punkten des ihm zur Last gelegten strafbaren Verhaltens nicht geständig.« (Urteil, S. 7)

Meine 30 Fotos von Sprengungsvorbereitungen und Volkspolizisten seien staatsfeindliche Hetze, da sie zur Verunglimpfung staatlicher Maßnahmen gedient hätten.

Eines der 30 Fotos: Vorbereitungen zur Sprengung Mai 1968.

Der Plakatprotest in der Kongresshalle war ein besonders wichtiger Punkt. Mehrere Zeugen beschuldigten mich, ich sei bei der Unikirchen-Sache beteiligt gewesen. Ich bestritt und blieb dabei, ich hätte nur einen Wecker so verändert, dass er nicht mehr klingelt und sagte: „Ich habe die Sprengung der Universitätskirche bedauert. Die Plakataktion habe ich als ein Gedenken an sie als ein kunsthistorisch wertvolles Baudenkmal aufgefasst. Das ist keine staatsfeindliche Hetze, sondern höchstens eine Ordnungswidrigkeit.“ Da lachte der Staatsanwalt hämisch.

Auch sonst bestritt ich in allen Anklagepunkten – vielfache staatsfeindliche Hetze, staatsfeindliche Gruppenbildung, staatsfeindlicher Menschenhandel, staatsfeindliche Verbindungsaufnahme und Fluchtvorbereitung – jede Schuld und beantragte Freispruch. Ich wurde – außer anderen Anklagepunkten – wegen meiner Beteiligung am Plakatprotest verurteilt und bin damit der einzige deshalb Verurteilte. Ich wurde zu zweieinhalb Jahren verurteilt, und die Stasi rächte sich für meinen Widerstand:

»Um dem Wiederholen derartigen Verhaltens vorzubeugen und damit die Gesellschaft vor staatsfeindlichen Angriffen zu schützen (…) ist des weiteren nach Verbüßung der Freiheitsstrafe (…) die Einweisung des Angeklagten in eine psychiatrische Einrichtung gem. § 16 Abs. 3 StGB erforderlich.« (Urteil, S. 12)

Da DDR-Gerichte solche Zwangseinweisungen nicht überprüften, bedeutete dies praktisch lebenslänglich. Ich kam wieder nach Waldheim ins Haftkrankenhaus für Psychiatrie. Dort musste ich ohne medizinische Berechtigung sehr hohe Dosen von Psychopharmaka (3x: 4-8 Propaphenin + 4-8 Prothazin) einnehmen. Durch die Bemühungen Carl Friedrich von Weizsäckers wurde ich nach insgesamt zweieinhalb Jahren Haft von der Bundesrepublik freigekauft. Ich studierte noch Philosophie, promovierte bei C. F. von Weizsäcker („Die Quantentheorie als allgemeine Theorie objektivierender Erfahrung“) und wurde im Fach Philosophie wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Essen. Mit Psychiatrie hatte ich nie mehr etwas zu tun.

Nach 1989 wurde mir der Antrag des Leipziger Stasi-Majors Etzold für meine Psychiatrisierung bekannt. Danach hätte ich mich als »sehr uneinsichtig« und in einem Umfang wie kein anderer Beschuldigter als widerspenstig erwiesen. Ich weiss nicht, ob die Stasi wirklich meinte, wer so widerständig sei, müsse krank sein, oder ob sie einfach Rache wollte.

1992 wurde das Urteil gegen mich durch Rehabilitierungsbeschluss vollständig – einschließlich der psychiatrischen Teile – aufgehoben. Die sächsische Psychiatriemissbrauchskommission stellte aufgrund eines Gutachtens von Prof. Dr. Klaus Foerster, Universität Tübingen, „Psychiatriemissbrauch“ fest und urteilte:

»Das medizinische Gutachten ist aus heutiger Sicht nicht vertretbar. Die Beurteilung durch Dr. Petermann war im Ergebnis methodisch ungenügend, inhaltlich falsch.«

Dr. Ochernal hat in 20 Jahren im HKH Waldheim und später in Hohenschönhausen mindestens 800-1000 psychiatrische Gutachten im Auftrag der Stasi verfasst. Wieviele davon zur gerichtlichen Einweisung nach § 16 Abs. 3 StGB/DDR führten, ist mir nicht bekannt. Unbekannt ist auch, was aus den Verurteilten wurde. M. W. bin ich der Einzige davon, der nach 1989 von einem westlichen Psychiater erneut untersucht und für gesund befunden wurde.

Der Plakatprotest wurde in Leipzig zur ideellen Gründungsurkunde zweier Vereine zum Wiederaufbau der Paulinerkirche. 2004 erhielt der Entwurf des Architekten Erick van Egeraat für den Nachfolgerbau der Universitätskirche den ersten Preis. Der neoexpressionistische Bau erinnert im Inneren mit dem Kreuzrippengewölbe und sechs Säulenpaaren stark an die gesprengte Kirche. Allerdings wurde er inzwischen durch die Leipziger Universitätsleitung um sechs Säulen beschnitten, die nun wie Stalaktiten von der Decke herabhängend fünf Meter über dem Boden enden. Sehr seltsam! Die Fassade entspricht nach Größe und Form der gesprengten, ist aber nahezu nackt. Als Vorsitzender von Pro Universitätskirche e. V. setze ich mich u. a. dafür ein, als Leipziger Denkmal für Freiheit und Einheit vor diesem Nachfolgerbau deren gesprengte Roßbachfassade (von Arwed Roßbach) wiederzuerrichten (Dietrich Koch, Eckhard Koch: Kulturkampf in Leipzig. Denkschrift zur Wiederaufbaudebatte Universitätskirche St. Pauli. Leipzig 2006). Weiteren Streit gibt es um den Namen des Neubaus – Paulinum oder Universitätskirche St. Pauli -, die Nutzung (als Kirche oder nur als Andachtsraum mit säkularer Aula) und eine teilweise bewegliche Glaswand, die Altarraum von Schiff trennen soll.

Collage van Egeraat 2004 mit Roßbachscher Fassade 1968.

Außerdem arbeite ich im Vorstand der Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie (GEP) mit, die sich vor allem für Opfer politischen Psychiatriemissbrauchs einsetzt und setze mich mehrfach für Stasi-Opfer der DDR ein, u. a. in der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG).