Der Professor und der „reformierbare“ Islam

Prof. Dr. Mathias RoheProf. Dr. Mathias Rohe (Foto) ist PI-Lesern kein Unbekannter. Der Jurist und Islamwissenschaftler aus Erlangen bemüht sich seit Jahren, dem Islam auch „moderate“ Aspekte zuzusprechen, die Grundlage für eine gewisse „Demokratie-Kompatibilität“ seien. Hierzu kann der Buchautor offensichtlich auch der Scharia harmlose Seiten abgewinnen. Vergangene Woche hielt er an der Münchner Uni einen Vortrag mit dem Titel: „Islamis- und Pluralismus: Raum und Grenzen der Meinungs- und Religionsfreiheit im islamischen Recht“. Dies klang verheißungsvoll, und so rückte die PI-Gruppe München mit zehn Vertretern in den Hörsaal M 014 der LMU ein.

Veranstaltet wurde diese öffentliche Vorlesung vom „MZIS“, dem Münchner Zentrum für Islamstudien. Eines seiner Ziele ist es laut Flyer, „das gesamte Spektrum der Münchner Islamstudien transparent und einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen“. Wir lauschten also gespannt. Der frühere Richter am Oberlandesgericht Nürnberg scheint nach heftiger Kritik aus der islamkritischen Szene mittlerweile vorsichtiger geworden zu sein, denn er lieferte entgegen unserer schlimmsten Erwartungen eine überraschend realitätsnahe Zustandsbeschreibung der Situation in muslimischen Ländern ab. Rohe verschwieg nicht, dass der Islam ein massives Problem mit Meinungsfreiheit und Toleranz hat.

So habe beispielsweise in der Türkei die alevitische Religionsgemeinschaft große Schwierigkeiten. Erschütternder Höhepunkt sei der Brandanschlag 1993 auf das Hotel in Sivas gewesen, bei dem 35 Aleviten zu Tode kamen. Vor dem Hotel hatte sich eine aufgebrachte Menschenmenge von 20.000 Sunniten befunden. Bis heute werde es abgelehnt, am Ort des Brandanschlages ein Mahnmal zu errichten. Bezeichnend findet es Rohe auch, dass der erste alevitische Religionsunterricht nicht in der Türkei, sondern an einer Berliner Schule stattgefunden habe. Die jetzige türkische Regierung lasse es nicht einmal zu, dass die Aleviten ihren Glauben in offiziellen Gebetshäusern ausüben können. Von der Situation der Christen in der Türkei, die sich nicht viel besser darstellt, erwähnte Rohe nichts.

Der Islamwissenschaftler wies auf die Bahaii im Iran hin, die sich vom Islam losgesagt hätten und seitdem heftig verfolgt würden. Ihr Religionsstifter Baha’u’llah wurde in Teheran 1852 eingekerkert und anschließend vertrieben. Es folgte eine Verbannungs-Odyssee von einem islamischen Land ins nächste, von Bagdad über Istanbul und Alexandria nach Port Said. Schließlich habe er Ruhe in Akkon im heutigen Israel gefunden, wo er zwei Jahrzehnte lebte und die meisten seiner Schriften verfasste, die u.a. von der Einheit der Menschheit und der Aussöhnung der Religionen handeln.

Auch die Ahmadiyya-Gemeinde habe es im Islam schwer gehabt, als sie im späten 19. Jahrhundert in Pakistan entstanden ist. Nach deren Auffassung folge auf Mohammed noch ein weiterer Prophet. Das wird in Pakistan nicht akzeptiert, was die Ahmadiyya dort der Unterdrückung aussetze.

Prof. Dr. Mathias Rohe

Prof. Rohe, der auch schon am Tisch der deutschen Islamkonferenz saß, kam auf einige der aktuellen Hiobsbotschaften aus der Schmiede der Religion des Friedens™ zu sprechen. Er spannte dabei den Bogen vom Mordversuch an Kurt Westergaard über die Ermordung von koptischen Christen in Ägypten, den Brandanschlägen auf Kirchen in Algerien bis zum versuchten Flugzeugattentat von Detroit. Rohe versuchte erst gar nicht, den Zusammenhang zwischen Islam und Terror abzustreiten. Der Professor ist einen Schritt weiter. Er setzt auf angebliche Reformkräfte im Islam. In diesem Zusammenhang brachte er Yusuf Al-Qaradawi ins Spiel, eine der obersten zeitgenössischen Autoritäten im sunnitischen Islam, der in der islamischen Welt als wichtige moralische Instanz gilt.

Sieht man bei diesem „moderaten“ Moslem etwas genauer hin, erkennt man wenig Reformfreudiges: In seinem Buch „Erlaubtes und Verbotenes im Islam“ rechtfertigt er u.a. die körperliche Züchtigung von Ehefrauen bei notorischem Ungehorsam und die Todesstrafe bei „Unzucht“, Homosexualität und „Abfall vom Glauben“. Außerdem rief er im Karikaturenstreit zu einem muslimischen „Tag des Zorns“ und zum Boykott dänischer Importe auf.

Dann beruft sich Rohe noch auf den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Dr. Nadeem Elyas, der gesagt haben soll: „Apostasie sei kein Problem“. Auch hier lohnt sich wieder ein genauer Blick. Elyas hat 1997 eine Hommage an die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel mit dem Titel „Das weiche Wasser wird besiegen den harten Stein“ geschrieben. Diese Schrift hat das niedersächsische Ministeriums für Inneres, Sport und Integration analysiert und festgestellt:

In diesem Werk vertritt Elyas die Auffassung, dass Menschenrechte gottgegeben und somit in Übereinstimmung mit dem Koran stünden. Einige Themen wie die rechtliche Stellung der Frau, werden auffälligerweise nicht angesprochen. Die Religionsfreiheit wird als gegeben dargestellt; nicht jedoch die Tatsache erwähnt, dass ein Muslim bei Todesstrafe von seinem Glauben nicht abfallen darf. Auch ist der Umgang mit Polytheisten, die nach dem islamischen Recht ebenfalls mit dem Tode bedroht sind, nicht thematisiert. Zur Todesstrafe heißt es, es gebe ohnedies kein wirklich islamisches Land; zum anderen würden fast überall auf der Welt Todesurteile vollstreckt.

Diese Taktik kennt man von muslimischen Verbandsvertretern in Deutschland zur Genüge. Man wirft einige nette Begriffe wie „Religionsfreiheit“ in den Raum, versucht damit die Gutmenschen zu beruhigen, verschweigt aber die sich dahinter verbergende knallharte Realität. Trotzdem hofft Mathias Rohe, der dutzende islamischer Länder bereist hat, dass sich im Islam Toleranz und Friedfertigkeit Raum verschaffen. Wie das angesichts der vielfach bluttriefenden Botschaften des Koran und der machtorientierten Anweisungen des Mohammed vor sich gehen soll, bleibt dahingestellt. Rohe hat in Tübingen und Damaskus Islamwissenschaften studiert. Man darf davon ausgehen, dass er den Koran kennt. Seine Vision ist wohl, dass es vielleicht irgendwann muslimische Reformkräfte geben könnte, die es möglicherweise schaffen könnten, dieses Machwerk der Gewalt auf das siebte Jahrhundert einzugrenzen und für die Moderne umzudeuten. Man darf ja noch träumen. Die klare Vorgabe des Islam, dass der Koran das allzeit gültige Wort seines Gottes Allah ist, das nicht verändert werden darf, scheint Rohe zu ignorieren.

Prof. Dr. Mathias Rohe

Professor Rohe wirkt wie auf einer Mission. Man spürt, dass er eine apokalyptische Konfrontation zwischen der islamischen und der nicht-islamischen Welt befürchtet. Dies will er unbedingt verhindern, was ja grundsätzlich eine hehre Absicht ist. Aber für dieses Ziel färbt er eben auch Vieles schön. So sei der Grund für die weitestgehend fehlende Meinungsfreiheit in den für uns so abschreckend wirkenden islamischen Gesellschaften nicht etwa der Islam selbst, sondern hauptsächlich die diktatorischen Regierungssysteme dieser Länder.

An dieser Stelle kommt natürlich eine Zwischenfrage aus unseren Reihen. Könne man diese Zustände nicht klar und deutlich auf den Islam zurückführen, da Mohammed schließlich auch Kritiker töten ließ, keinen Widerspruch gestattete und mit all seinem Verhalten das perfekte und vollkommene Vorbild im Islam ist?

In seiner Antwort versuchte Prof. Rohe Beispiele zu finden, bei denen der Islam scheinbar friedlich und tolerant gewesen sei. Er erwähnte den viel zitierten und natürlich auch heftig umstrittenen „Es gibt keinen Zwang im Glauben“-Vers und beschrieb, dass Andersgläubige im Islam kaum zwangskonvertiert und selten vertrieben wurden, beispielsweise in Al-Andalus.

Hier meldete sich ein weiterer Vertreter von PI München und brachte das Beispiel der osmanischen Knabenlese, was eindeutig Zwangskonvertierung gewesen sei. Außerdem führte er an, dass „Hindukusch“ übersetzt „Tötet die Hindus“ bedeute und auch nicht unbedingt auf Friedfertigkeit hinweise. In beiden Fällen stimmte Rohe zu und lenkte ein, dass es in der Geschichte des Islam genügend Beispiele für Gewalt gebe. Und er führte auch aus, dass die Andersgläubigen in Al-Andalus Unterworfene gewesen seien, die bei weitem nicht die gleichen Rechte wie die Muslime gehabt hätten, immer wieder tief erniedrigt und teilweise auch massakriert worden seien. Nicht unerwähnt ließ Rohe in diesem Zusammenhang auch das gelbe Zeichen und die Dhimmisteuer. Womit die Ungläubigen bekanntlich regelrecht als Melkkühe benutzt wurden, und so hatten die muslimischen Machthaber aus ganz pragmatischen Gründen eher selten Interesse an Zwangskonvertierungen. Denn auf diese Weise ließ es sich schließlich bequem leben.

Prof. Dr. Mathias Rohe

Trotz der bedrückenden Realität versuchte der Professor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht, aktuelle Reformen in manchen islamischen Ländern als wichtige Schritte in Richtung Modernisierung darzustellen. So beschrieb er, wie beispielsweise in dem vielleicht nicht ganz so strengen Jordanien die Todesstrafe für Apostaten stillschweigend abgeschafft worden sei, ohne dass dies dort allerdings an die große Glocke gehängt worden sei. Denn mit den „orthodoxen“ Moslems hätten sich die dortigen Machthaber schließlich dann doch nicht anlegen wollen. Und so seien diese Reformen still und heimlich über die Bühne gegangen, ohne in den offiziellen Gesetzestexten Erwähnung zu finden.

In manchen muslimischen Denkstuben würden regelrechte Spagate vollzogen, um von der strengen Islam-Auslegung wegzukommen. So würde zum Beispiel auch die Aussage Mohammeds „Tötet die Apostaten“ hin und herinterpretiert. So sei man auch schon zu dem Schluß gekommen, dass es sich hier statt Religionsabtrünnigen auch um „Hochverräter“ handeln könnte, die einen bewaffneten Aufstand gegen die Staatsgewalt verübten. Und so wäre man von der Todesstrafe wegen Apostasie weg. Ein atemberaubender Tanz um den Vulkan…

Die Realität der islamischen Gesetzgebung hinsichtlich Toleranz und Menschenrechte ist aber trostlos, das gibt auch Rohe zu. Ein Blick in die Kairoer Erklärung für Menschenrechte reiche aus, wo es beispielsweise in Artikel 22 heißt:

Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung, soweit er damit nicht die Gesetze der Scharia verlässt.

Prof. Dr. Mathias Rohe

Rohe stellte auch in bemerkenswert offener Weise fest, dass sich in vielen Regionen der islamischen Welt seit dem siebten Jahrhundert substanziell kaum etwas verändert habe. Und er warnte eindringlich vor den Saudis, die durch einen „Roll-Back“ mit massiven Geldflüssen versuchten, die traditionell-wahabitische Linie des Islam in der Welt zu verankern.

Der gebürtige Stuttgarter kritisierte gleichzeitig aber auch die sogenannte „islamophobe Propaganda“, die immer wieder behaupte, dass der Islam nicht reformierbar sei. Nun, wie er um die klare Vorgabe herumkommen möchte, dass der Koran wörtlich zu nehmen und unveränderbar ist, behält Rohe für sich. Auch hier scheint mehr der Wunsch Vater des Gedankens zu sein. Der nach eigenen Angaben gläubige Christ sieht sich als Mahner, dass man die Minderheitenrechte der Muslime in europäischen Ländern nicht beschneiden dürfe. In diesem Zusammenhang erwähnt er natürlich das Schweizer Minarettverbot, das er als klaren Verstoß gegen die Menschenrechte sieht. Hier habe „die Demokratie vor dem Rechtsstaat gesiegt“. Die Religionsfreiheit müsse über dem demokratischen Recht eines Volksentscheides stehen. Dass es allerdings auch Grenzen der Religionsfreiheit gibt, vor allem beim Thema Machtanspruch – was schon in der Weimarer Verfassung festgeschrieben wurde und auch Einzug ins Grundgesetz hielt – sprach Rohe nicht an.

Er mahnte dagegen, dass aus europäischen Muslimen keine Dhimmis gemacht werden dürften. Eine Islamkritikerin wollte an dieser Stelle wissen, ob es in Europa denn schon soweit sei, dass Muslime eine Zusatzsteuer zahlen müssten. Rohe will es anders verstanden wissen: „Wehret den Anfängen“. Allerdings schränkt er ein, dass die Vorstellungen einer Minderheit nicht der Mehrheit übergestülpt werden dürften. Seine These: Es müsse in Europa ein Klima geschaffen werden, dass sich hier eine Interpretation des Islam bilden könne, die in Richtung Reformierung gehe.

Prof. Dr. Mathias Rohe

Leider musste Professor Rohe dann eilig zu seinem Zug nach Erlangen, und so konnten wir dieses spannende Thema nicht mehr weiter vertiefen. Fragen hätte es genug gegeben. Zum Beispiel, wozu der Islam wohl ein besonders „Klima“ in Europa brauche, um sich reformieren zu können. Und ob dieses „Klima für Muslime“ eigentlich noch günstiger sein könne, als es im toleranzverliebten Europa momentan ohnehin schon ist. Nun, es dürfte realistisch gesehen vielmehr so sein, dass der Islam dieses wohlwollende „Klima“ auch in Zukunft dazu nutzen wird, sich immer fester in der Gesellschaft zu verankern, immer mehr Forderungen zu stellen, um die Gesellschaft nach und nach schleichend islamisieren zu können. Mit dem Endziel der Machtübernahme. Ganz im Sinne Mohammeds.

Und Menschen wie Professor Dr. Rohe erweisen sich auf diesem Weg als Steigbügelhalter. Ob willig oder unbewusst, hat keinerlei Bedeutung. Wer den Islam verharmlost, handelt verantwortungslos.

» mathias.rohe@jura.uni-erlangen.de

(Text: byzanz / Fotos: RChandler)