Ein Vormittag in einer Arztpraxis im Ruhrgebiet

Ein Vormittag in einer Arztpraxis im RuhrgebietSchon seit zwei Wochen plagt mich nun heftiger Husten. In dieser Zeit habe ich rund 25 € ausgegeben für Hustensäfte, -bonbons und -tees. Als ich letzte Nacht um 4 Uhr mit einem Hustenanfall aufgewacht bin und erstmal zwei Stunden nicht mehr einschlafen konnte, war mir klar: Junge, du gehst heute etwas später zur Arbeit und gehst erstmal zum Arzt. Selber bekomme ich es diesmal wohl leider nicht weg.

(Von Manuel E.)

Da ich vor kurzem in eine neue Stadt gezogen bin, ging ich heute morgen in den Gelben Seiten erstmal auf die Suche nach einem neuen Hausarzt. Ich wählte einfach den, der meinem Wohnort am nächsten ist. Ich rief also direkt um 8 Uhr dort an und erkundigte mich, ob man dort auch ohne Termin kommen könne!?

Was ich bisher nur von deutschen Ämtern kannte, geht auch in dieser Arztpraxis. Man kommt einfach vorbei, zieht eine Nummer und wartet darauf bis seine Nummer aufgerufen wird. Auch mal was anderes, aber gut … wenigstens gerecht! Die nette Dame am Telefon teilte mir noch mit, dass von 8-9 Uhr die Blutabnahmen stattfinden und ab 9 Uhr die normale Sprechstunde los geht.

Um 8:45 Uhr war ich dann da, zog eine Nummer und begab mich ins Wartezimmer, wo schon zwei Patienten (mit Nummer) saßen. Gut, bin ich halt als Dritter dran. Geht ja schnell. Irgendwann muss ich ja auch nochmal arbeiten heute. Innerhalb der nächsten 20 Minuten füllte sich das Wartezimmer in Rekordgeschwindigkeit. Sämtliche Plätze waren besetzt und es befanden sich an die 20 Leute in dem kleinen Raum.

Etwa an sechster oder siebter Stelle kam dann eine etwas ältere Frau von ca. 50 Jahren. Mantel bis auf den Boden. Kopftuch. Ich dachte mir als erstes: “Die arme Frau lebt scheinbar noch nicht lange in Deutschland … denn sonst müsste sie doch nicht ihre ca. 25-jährige Tochter als Dolmetscherin mitbringen“. Dass ihre Tochter – bis auf einen leichten Ghetto-Slang – perfektes Deutsch sprach, verwunderte mich dann doch. Na ja, egal! Ich konnte die Sprache nicht erkennen. Aufgrund jahrelanger Erfahrungen vor allem im öffentlichen Nahverkehr, wage ich zu behaupten, dass sie kein Türkisch und auch kein Arabisch gesprochen haben. Mir war diese Sprache unbekannt.

Warum ich jetzt extra auf die Sprache eingehe? Nun, es war so heute morgen: Die beiden kommen rein und wünschen niemandem einen guten Morgen. Die Mutter setzt sich auf die linke Seite, während die Tochter direkt zur Sprechstundenhilfe geht und darum bittet, ihre Mutter bevorzugt dran zu nehmen. Die Tochter kommt also wieder hinein und setzt sich nicht etwa neben ihre Mutter, sondern gegenüber. Warum auch nicht!? So kann man schließlich richtig schön quer durch den Raum rufen um sich zu unterhalten. Soll ja schließlich auch jeder mitbekommen.

Ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen und blätterte durch diverse Zeitschriften. In den darauf folgenden 15 Minuten machte sich die Tochter noch drei (!) Mal auf zur Sprechstundenhilfe, um nachzufragen, wann ihre Mutter denn endlich dran kommen würde. Die nette Dame am “Empfang“ erklärte ihr also ruhig, dass sie dran kommen, wenn ihre Nummer gezogen wird. Leider konnte ich – aufgrund der Entfernung – nie die genauen Dialoge hören, aber ich hörte die Tochter noch murmeln, dass sie das gleich mal dem Arzt erzählen wird.

In den nächsten 20 Minuten kamen weitere fünf bis sechs Leute hinzu. Das Schema war immer das selbe: Der “Neue“ kommt herein und sagt freundlich “Guten morgen“ und das gesamte Wartezimmer antwortet – ebenfalls freundlich – “Guten Morgen“. OK, nicht das gesamte Wartezimmer. Zwei Leute haben niemandem einen Guten Morgen gewünscht. Und zwar KEINMAL!!!

Nach halbstündiger Verspätung kam dann wohl auch mal der Arzt zur Arbeit und nahm die Frau dran, die die erste Nummer gezogen hat, so wie es auch vorgesehen ist. Direkt nachdem diese Dame aufgerufen wurde, wurde empört, in mir fremder Sprache, diskutiert. Natürlich weiß ich nicht was da besprochen wurde, aber ich glaube die Empörung – ja sogar einen gewissen Glauben an Ungerechtigkeit – konnte man an der lauten und hektischen Diskutiererei erkennen.

Scheinbar hatte ich recht, denn die Tochter sprang direkt wieder auf und begab sich zum x-ten Mal zur Sprechstundenhilfe. Worüber da gesprochen wurde? Keine Ahnung! Aber ich vermute es ging wieder darum, dass ihre Mutter nicht sofort – und zwar als Erste – dran gekommen ist. Im anschließenden Dialog zwischen Mutter und Tochter hörte ich nur das Wort “Number“. Innerlich war ich zufrieden, denn ich wusste, dass die nette Sprechstundenhilfe standhaft geblieben ist und der Tochter abermals klar gemacht hat, dass sie gefälligst zu warten hat, bis ihre Nummer aufgerufen wird. So wie ALLE anderen im Wartezimmer auch. Warum sollten in dem Fall auch andere Regeln gelten!?

Zehn Minuten später ging die Tür auf und mein Gedanke war sofort: “Super, jetzt kommt die Nummer zwei und danach bin ich endlich dran“. Statt “Nummer zwei bitte“ hörte ich aber die Sprechstundenhilfe rufen: “Frau XYZ“ bitte. Ungläubig sah ich wie sich die besagten beiden Damen erhoben und schnurstracks ins Behandlungszimmer verschwanden. Kopfschüttelndes Staunen im Wartezimmer. Worte wie “typisch“ waren zu hören. Oder Sätze wie “War ja klar“, “So kann man es auch machen“ oder “Scheinbar gilt das Nummernsystem nicht für alle Menschen“.

Zehn weitere Minuten später war ich endlich an der Reihe und sprach die Sprechstundenhilfe unter vier Augen mal darauf an, warum das Nummernsystem hier nicht für jeden gilt. Die Reaktion war: “Warum? Weil Frau XYZ als Zweite dran gekommen ist? … Ja, das war, weil sie noch zur Blutabnahme musste.“ Und dann noch eine bezeichnende Aussage hinterher “Und außerdem hat die sich schon fünf mal beschwert“, begleitet von einem Augenrollen.

Mehr sagte ich nicht dazu, aber Fakt ist für mich, dass das mit der Blutabnahme glatt gelogen war, denn mittlerweile war es 10 Uhr und die Blutabnahmen finden dort ja, wie zuvor gesagt, zwischen 8 und 9 Uhr statt. Bei meinem alten Hausarzt war es auch so und wenn man erst um halb 10 vor Ort war, gab es halt keine Blutabnahme mehr. Fertig. Zudem gab es heute eine Menge Leute, die sich gar nicht ins Wartezimmer gesetzt haben, sondern direkt durch gegangen sind, um sich anzapfen zu lassen. Warum soll das also bei besagter Mama und Tochter nicht funktioniert haben? Ich denke der Satz “Und außerdem hat die sich schon fünf mal beschwert“ war eher der ausschlaggebende Punkt!

Für die meisten scheint das nur eine Kleinigkeit zu sein, aber man selbst denkt in dem Moment anders. Man sitzt dort auf absolut heißen Kohlen, weil man noch zur Arbeit muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Diese beiden sahen nicht gerade danach aus, als wenn sie noch groß arbeiten gehen müssten. Trotzdem … einmal ein bisschen jammern und schon genießen sie die Vorzugsbehandlung, die sie momentan in so vielen Bereichen in Deutschland und Europa erhalten. Und der arme Steuermichel (ich) kann zusehen, dass er heute Abend statt um 20 Uhr erst um 22 Uhr zuhause ist, damit er wenigstens ein bisschen Geld erwirtschaftet, das dann wohin geht? Wahrscheinlich auch in die Tasche dieser beiden Damen von heute morgen.

Aber gut, ist ja nicht schlimm. Ich hab ja nur den halben Arbeitstag verplempert, dafür zehn Euro Eintritt und hinterher 41 (!) Euro für Medikamente gezahlt, trotz Krankenversicherung, und ich durfte wieder mal erfahren, wer hierzulande die Herrenrasse ist.