Der erste Held der Bundeswehr

Der erste Held der Bundeswehr: Hauptfeldwebel Daniel SeibertIgnoriert von der deutschen Presse hat zum ersten Mal in der Geschichte unserer Armee ein Soldat nach einem Kriegseinsatz das Ehrenkreuz für Tapferkeit erhalten. Dabei wäre, was Hauptfeldwebel Daniel Seibert zu berichten hat, durchaus auch lehrreich für deutsche Politiker, die noch spitzfindig diskutieren, ob das, wohin sie die Soldaten schicken, wohl Krieg genannt werden darf.

Wenigstens das Internetportal der Bundeswehr berichtet über den ersten Helden und veröffentlicht ein Interview mit Seibert:

Herr Seibert, wie oft haben Sie die Ereignisse des 4. Juni 2009 schon schildern müssen?

Zu oft.

Warum zu oft? Verbinden Sie schlechte Erinnerungen damit?

Nein, schlechte Erinnerungen sind damit nicht verbunden. Aber der Zeitpunkt ist gekommen, an dem ich mich auf neue Aufgaben konzentrieren muss. Die Ereignisse von Kunduz sind Vergangenheit, damit will ich mich nicht mehr dauernd beschäftigen müssen. Mein Wert als Soldat und militärischer Führer hängt nicht davon ab, was ich damals im Gefecht geleistet habe.

Aber Sie sind aufgrund dieser Ereignisse als erster Bundeswehr-Soldat nach einer Kampfsituation mit dem Ehrenkreuz für Tapferkeit ausgezeichnet worden. Ist das nicht eine Ehre?

Das ist es, aber ich bin nur stellvertretend für die Soldaten meiner Einheit geehrt worden. Ohne die Männer hätte ich an diesem Tag gar nichts reißen können. Das war keine Einzelleistung, sondern das Ergebnis hervorragender Teamarbeit.

Was ging besagtem Gefecht am 4. Juni 2009 voraus?

Acht Kilometer von uns entfernt war ein Aufklärungstrupp mit drei Spähpanzern Fennek und neun Soldaten in einen Hinterhalt der Taliban geraten. Zunächst hatte sich ein Selbstmordattentäter vor einem Panzer in die Luft gesprengt, dann eröffneten die Angreifer aus vorbereiteten Stellungen heraus mit Panzerfäusten und Kleinwaffen das Feuer. Der Angriff war detailliert geplant worden.

Sie wurden umgehend um Unterstützung gebeten?

Unser Zug war dem Geschehen am nächsten, allerdings hatten wir den Auftrag, einen IED-Sweep durchzuführen.

Was ist ein IED-Sweep?

Darunter ist das Absuchen einer Straße nach Sprengfallen zu verstehen, die anschließend von den Kampfmittelbeseitigern geräumt werden. Unser Auftrag lautete, den Feuerwerkern Schutz zu geben. Wir waren schließlich in feindlichem Gebiet, da ist jederzeit mit Sprengfallen und Angriffen rechnen.

Ihr Befehl lautete also, dem Spähtrupp zu Hilfe zu eilen?

Wir waren von Anfang an über die Geschehnisse informiert, da wir am Funkverkehr beteiligt waren. Als ich davon hörte, dass die Aufklärer im Feuerkampf stehen, gab es für mich keinen Zweifel, dass wir ihnen zu Hilfe kommen müssen. Der Kommandeur der Quick Reaction Force gab dann auch sofort den Befehl dazu. Unser Auftrag lautete, mit dem Führer vor Ort Kontakt aufzunehmen und gemeinsam die feindlichen Stellungen aufzuklären. Denn das war die ursprüngliche Aufgabe der Aufklärer: die Stellungen der Taliban zu identifizieren. Aber dazu ist es dann nicht gekommen.

Ihnen war klar, dass Sie in ein Gefecht ziehen?

Absolut.

Und Sie wussten, dass dort Kameraden von einem übermächtigen Feind angegriffen werden?


Dass der Feind übermächtig sein würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das wurde uns dann aber sehr schnell klar.

Was dachten Sie in dem Moment so kurz vor dem Gefecht?

Dass wir alles dransetzen werden, unsere Kameraden da rauszuhauen.

Da macht man sich keine Gedanken über Tod und Verwundung?

Nein, in einem solchen Moment nicht. Denn das würde Angst produzieren. Und Angst lähmt.

Womit war Ihr Zug ausgerüs­tet?

Mit vier Dingos und drei Transportpanzern Fuchs, alle mit einem lafettierten Maschinengewehr MG-3 ausgestattet.

Wie lange brauchte Ihr Zug bis zum Ort des Geschehens?

Circa sieben Minuten.

Was geschah dann?

Ich fuhr mit einem Dingo an der Spitze des Zuges. Das Gefecht fand nahe der Ortschaft Basoz statt, aus der uns die Aufklärer entgegenkamen. Der Spähtruppführer stieg aus dem Fennek aus. Noch heute sehe ich ihn vor mir: Helm auf dem Kopf, Gewehr und Handgranate in der Hand, und er schreit: „Die sind überall!“

Ihr Auftrag war es, dem Feind nachzusetzen?

Wir sollten gemeinsam in das Dorf vorrücken, um die Taliban aus ihren Stellungen zu treiben. Aber auch der Feind hatte einen Plan. Er wollte den Spähtrupp vermutlich aufreiben und vernichten. Und dieses Vorhaben begann er eher als wir unseres umzusetzen. Beide Straßen, die aus Basoz führten, waren abgeriegelt. Uns kam jedoch zugute, dass die Taliban von ihren Stellungen entlang der Straße aus nicht mehr als die drei Fennek sehen konnten. Sie hatten angenommen, ein Fahrzeug sei liegen geblieben und der Trupp sei jetzt ein leichtes Ziel. Unsere Fahrzeuge standen hinter einer Biegung, sie konnten uns nicht sehen.

Der Spähtruppführer schrie, sie seien überall …

… Und gleich darauf schlugen die ersten zwei Panzerfaustgeschosse in einer Hauswand ein. Beiderseits der Straße waren Wohnhäuser, umgeben von den landestypischen Mauern, parallel zur Straße verliefen tiefe Gräben. Zivilis­ten waren zu dieser Zeit nicht anwesend, dafür aber jede Menge Angreifer. Der Rest unseres Zugs schloss gerade auf, da wurden die hinteren Fahrzeuge auch schon massiv von der Seite beschossen. Die Taliban griffen geradezu fanatisch an, stiegen aus ihren Stellungen und liefen feuernd auf uns zu. Wir erwiderten das Feuer und vernichteten bereits in dieser frühen Phase des Kampfes Teile des Feindes.

Hatten Sie Ihre Männer aus den Dingos aussteigen lassen?

Ja, nur die Maschinengewehrschützen waren auf den Fahrzeugen geblieben. Wir hatten keine andere Wahl, denn wir steckten fest. Wir kamen mit unseren Fahrzeugen weder vor noch zurück, da blieb uns nur, eine Rundumsicherung mit abgesessener Truppe vorzunehmen. Aber dafür sind wir trainiert worden.

Die Taliban stürmten auf Sie zu?

Circa zehn Kämpfer liefen aus 50 Meter Entfernung direkt auf uns zu: einige auf der Straße, einige links und rechts davon in den Gräben, ausgerüs­tet mit Panzerfäusten und AK-47.

Ihre MG-Schützen haben den Angriff gestoppt?

Sie haben die Angreifer erschossen.

Was haben Sie in den Momenten des Kampfes gemacht?

Ich habe mich darauf konzentriert, meine Männer zu führen. Ich habe ihnen Befehle gegeben.

Wie kann man bei Gefechtslärm Befehle geben?

Man schreit die Männer an, brüllt ihnen zu, was sie tun sollen. Zum Teil bin ich von hinten an sie herangetreten und habe ihnen das Ziel direkt zugewiesen.

Haben Sie selbst geschossen?

Es kam zu einer Duellsituation. Nachdem wir den ersten Angriff abgewehrt hatten, barg der Feind seine Gefallenen und Verletzten. Dann wollte er unsere linke Flanke angreifen. Ich positionierte gerade die schweren Waffen um, als ich aus dem Augenwinkel vier Kämpfer wahrnahm, die 25 Meter von uns entfernt einen Stellungswechsel vornahmen.

Einer von ihnen blieb stehen und richtete einen Feuerstoß auf mich und den Spähtruppführer, mit dem ich gerade das Vorgehen besprach. Dem Kameraden wurde der Trageriemen von der Waffe und ein Stück der Schuhsohle weggeschossen, mir flogen die Geschosse um die Ohren. Aber sie haben mich verfehlt. Mein Gegenfeuer hat dann dafür gesorgt, dass der Mann auf niemanden mehr eine Waffe richten wird.

Sie haben ihn im direkten Duell ausgeschaltet?

Ich habe ihn erschossen. Er oder ich, darum ging es in diesem Fall.

Sie hatten enormes Glück, dass er so schlecht geschossen hat.

Er hat einen Feuerstoß abgegeben und schlecht gezielt. Hätte er Einzelfeuer gewählt, weiß ich nicht, ob ich den Tapferkeitsorden noch hätte entgegennehmen können.

Wie beurteilen Sie die Fähigkeiten des Feindes?

Das war ein sauber geführter infanteristischer Angriff. Die wussten genau, was sie machen, die waren gut ausgebildet.

Es war nicht das erste Gefecht, das Sie in jener Zeit in Kunduz geführt haben.

Wir lagen mehrfach unter Feuer, aber das Gefecht am 4. Juni hatte schon eine besondere Qualität. Wir mussten zu Fuß den Nahbereich des Feuers durchstoßen, um den Feind zu stellen. Dabei halfen die MG, die uns De­ckungsfeuer geben konnten. Aber die eigentliche Arbeit macht der Infanterist, abgesessen und ungeschützt. Das war natürlich hohes Risiko. Aber anders kann man gegen diesen Feind nicht vorgehen.

Sie haben den Feind aufgerieben?

Die Anzahl der Ausfälle des Feindes unterliegt der Geheimhaltung. Er hatte eine Menge Tote zu beklagen, das kann ich sagen.

Was machen die Taliban mit ihren Toten?

Sie nehmen jeden und alles mit. Einen Tag später findet man am Kampfschauplatz kein einziges Zeichen mehr von dem Gefecht. Da liegt keine Patronenhülse mehr, Einschusslöcher in Mauern werden zugeschmiert, ein Acker, dessen Getreide gebrannt hat, wird umgepflügt, Bäume mit Einsplitterungen werden abgesägt.

Warum tun sie das?

Vermutlich, um über ihre Ausfälle hinwegzutäuschen, um zu verschleiern, dass sie ihr Ziel nicht erreicht haben. Sie wollten unseren Spähtrupp vernichten. Das ist ihnen nicht gelungen.

Wie fällt Ihr Fazit des Gefechts aus?

Es hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, dass eine Gruppe funktioniert. Ich kannte meine Soldaten fast vier Jahre, ich habe sie für jede einzelne Position ausgesucht und ausgebildet. Da ist ein Team zusammengewachsen, nur so konnten wir den Kampf bestehen. Natürlich war uns das Glück hold, wir hatten jede Menge Einschüsse in den Fahrzeugen, Panzerfausttreffer inklusive. Aber wir hatten keinen einzigen Verletzten.

Während Ihres Einsatzes hatte die Truppe in Kunduz vier Gefallene zu beklagen. Inwiefern haben diese Ereignisse Ihre Arbeit beeinflusst?

Als militärischer Führer darf man sich nicht anmerken lassen, dass einem so etwas genauso nahegeht wie den normalen Soldaten. Man muss einen klaren Kopf behalten, denn in jeder Sekunde können existenzielle Entscheidungen gefragt sein. Die Männer bauen auf ihren Vorgesetzten.

Wie wichtig ist für Sie die Anerkennung, die Sie nun durch die Verleihung des Tapferkeitsordens erfahren haben?
Das ist zwar schön, aber ich lege darauf keinen gesteigerten Wert. Viel wichtiger wäre mir eine größere Anerkennung unserer Arbeit in der Bevölkerung. Wir Soldaten haben ein Recht darauf, dass die Menschen in unserem Land achten und respektieren, was wir in Afghanistan tun. Wir halten unseren Kopf hin für dieses Land, und dafür wollen wir nicht auch noch missfällig angeschaut oder angepöbelt werden. Ich glaube, da spreche ich im Namen aller Soldaten, die mit mir in Kunduz waren.

Die verdiente Anerkennung von der eigenen Bevölkerung zu erhalten, dürfte schwieriger werden, als ein Gefecht in Afghanistan siegreich zu beenden. Denn zuhause sind es Heerscharen von Lehrern und Journalisten, die mit linkem Hass gegen unsere Soldaten hetzen. Und für feige Politiker ist es heute attraktiver, sich statt mit ausgezeichneten Bundeswehrsoldaten, mit einem Gewohnheitsverbrecher wie Bushido abbilden zu lassen.