Wie sie uns belügen

Das „Migazin“ ist eine durchaus gewöhnungsbedürftige Netzseite. Sie gibt vor, für alle Migranten zu sprechen – und konzentriert sich doch ganz eindeutig auf türkische Interessen. Hier finden wir in Reinkultur, was uns daran so abstößt: diese ganz typische Mischung aus Selbstmitleid, Opferrolle und Weinerlichkeit einerseits, aggressiven Tönen und exzessiven Forderungskatalogen andererseits.

Dennoch ist das „Migazin“ unverzichtbar, um nicht zu sagen wertvoll. Warum? Es ist die einzige Netzseite, die ich kenne, die in Kurzform auf den Inhalt türkischsprachiger Zeitungen eingeht und diese manchmal kommentiert. Da werden einem schon mal die Augen geöffnet. Darüber, wie sie uns belügen. Ich meine jetzt nicht die Zeitungen – die sind nämlich in gewisser Weise konsequent ehrlich. Ich meine die deutschen Politiker, die ein doppeltes Spiel spielen. Im Vertrauen darauf, dass kein normaler Deutscher Türkisch spricht, verkaufen sie sich den deutschen Wählern als Türkenkritiker, während sie in den türkischen Medien einen auf Freund der Türken machen. In der Sprache des „Migazin“ (Rechtschreibung und Stil im Original) liest es sich etwas verklausulierter so:

Die Grabenkämpfe, die man täglich in der Süddeutschen, Frankfurter Rundschau, FAZ oder im Tagesspiegel ließt, spielt sich nicht minderwertig auch in der Hürriyet, Sabah, Milliyet, Zaman und Türkiye ab – mit anderen Kernthemen und fernab von den Stammwählern. Die möchte man mit pro-türkischen oder pro-muslimischen Themen nicht irritieren.

Gemeinsamkeiten der CDU mit Türken oder die Öffnung der C-Partei für Muslime auf der einen, das tägliche Integrations-ABC der SPD auf der anderen Seite, sollen möglichst die mitbekommen, die sich davon geschmeichelt fühlen. Der einheimische Wähler könnte Bauchschmerzen bekommen, wenn Politiker aller Couleur in Moscheen, beim Fastenbrechen oder mit Dönermesser in der Hand am Dönerstand abgelichtet werden. Journalisten türkischer Medien werden zu solchen Anlässen gerne eingeladen, die der Deutschen lieber nicht.
Mit der strikten Trennung von Themen und Präsenz in deutschen und türkischen Medien gelingt das bisweilen sehr gut. Die Tatsache, dass Türken eher türkische Medien konsumieren, wird vorzüglich als Werkzeug eingesetzt, wenn es darum geht, die richtige Zielgruppe anzusprechen. Eine pro-türkische Schlagzeile in türkischen Tageszeitungen oder ein Auftritt in einem der türkischen Sender wird eben nur in der sog. Parallelgesellschaft wahrgenommen. In den einheimischen Medien hingegen zeigt man sich besorgt, wenn Studien belegen, dass Türken türkische Medien konsumieren.

Das ist also die eine Gruppe, die uns belügt: ethnisch-deutsche Politiker, die in deutschen Medien ganz kritisch gegenüber der Türkei sind, aber in türkischen Blättern einvernehmlich mit den Türken kuscheln. Das „Migazin“ erwähnt aber noch eine andere Gruppe. Es sind jene „türkischstämmigen“ Mandatsträger und Funktionäre von Verbänden, die ebenfalls in deutschen Medien einen auf türkeikritisch machen, in türkischen Zeitungen aber plötzlich zu vaterlandstreuen Türken mutieren. Beim „Migazin“ klingt das so:

Die Superlativen dieser Karikatur unserer eigenen Paranoia stammen aber von einigen deutsch-türkischen Verbandsvertretern und türkischstämmigen Abgeordneten in deutschen Parlamenten: Man ist beeilt, in den deutschen Medien die Paranoia begründeten Kommentare und Analysen zu bestätigen, um dann in den türkischsprachigen Medien festzustellen, dass die Forderung Erdogans keine so schlechte Idee ist und doch die Integration der in Deutschland lebenden Türken fördern könnte.

Wir Islamkritiker benötigen dringend Leute, die uns über die Inhalte türkischer und arabischer Medien ungeschönt und ungefiltert Auskunft geben. Es ist eine Tatsache, dass es kaum Deutsche gibt, die diese Sprachen sprechen und verstehen – und wenn es sie gibt, sind sie oft so in die entsprechenden Kulturen vernarrt, dass sie nie Negatives über sie verlauten lassen. Aber nur so ist es möglich, jene Politiker zu entlarven, die – ich verwende hier ein Zitat aus den Karl-May-Filmen, das ich sehr liebe – „mit gespaltener Zunge sprechen“.