Die Heilige Inquisition hatte recht

Die Artikel-Überschrift ist … Was sagten Sie gerade? Neuzeitliche Ketzerei? Dann wählen Sie schleunigst die Karl-Heinz-Deschner-Notruf-Nummer! Denn es kommt noch dicker: Die Heilige Inquisition war jung und fortschrittlich, war frauenfreundlich, war effizient, hatte recht, war heilig. Der all dies in einem Buch behauptet, heißt Hans Conrad Zander und war Mönch im Dominikanerorden (das ist der Gründerorden der Inquisition).

(Rezension von Israel_Hands)

Außerdem war er Stern-Reporter und ›Fernsehmann‹ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Zanders Buch erschien bereits 2007 und heißt „Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition“. Dieses Buch (das seit seinem Erscheinen bereits in vereinzelten PI-Leserkommentaren Erwähnung fand) ist kapitelartig in fünf ›Reden des Großinquisitors‹ unterteilt, die jeweils eine der oben aufgelisteten Thesen verteidigen. »Hätte es den Großinquisitor nicht gegeben«, so der Klappentext, »es gäbe die ganze Christenheit nicht mehr. Er allein hat verhindert, dass Rom, und damit ganz Europa, von den Muslimen erobert wurde. Ohne ihn würden Frauen wie Alice Schwarzer und Margot Käßmann heute mit Kopftuch oder gar in der Burka herumlaufen.« Der Klappentext bezieht sich auf Michele Ghislieri (1504-1572), seit 1566 Papst Pius V., heilig gesprochen 1712, den Begründer der ›Heiligen Liga‹, die unser Abendland vor den osmanischen Halbmond-Horden rettete. Ob der reale Großinquisitor Michele Ghislieri zugleich der Großinquisitor ist, in dessen Gewand der Autor die fünf fiktiven Verteidigungsreden des Buches hält, erschließt sich leider nicht. Dagegen spricht jedenfalls, dass dieser Redner Ghislieri stets in der dritten Person erwähnt.

Vom Klappentext abgesehen, ist der Schutzumschlag des Buches eine Mogel-Verpackung. Warum um Himmels willen ziert ihn der Verlag mit diesem Pappnasen-Prälaten? Geschah es im Glauben, man müsse, wie vorzeiten bei Hofe, die Narrenkappe aufsetzen, um ungestraft Gehör für mutige Wahrheiten zu finden? Jedenfalls bestätigt sich hier wortwörtlich die Regel: ›Don’t judge a book by it’s cover.‹ So ein Cartoon lässt seichte Religionssatire erwarten. Doch weit gefehlt! Zwar schreibt Zander überaus gelöst und amüsant, voller Humor und (Selbst-)Ironie, aber mit seinem Anliegen – der Rehabilitierung der Inquisition – ist es ihm bei aller Gutgelauntheit absolut ernst.

Dass jeder, der auch nur eine einzige der Thesen von Zanders Buch vertritt, damit schmerzhaft gegen den Strich der Massenmeinung bürstet und wider den ›Mainstream‹ der herrschenden ›Political Correctness‹ streitet, ist klar. Zanders Waffen: Fakten, Fakten, Fakten. Die vorurteilsvolle Inquisitionsfeindlichkeit und irrationale Katholophobie, die Zander auf frühe Feindpropaganda der Protestanten und Angelsachsen zurückführt, bekämpft er überzeugend mit Geschichtswissen.

Fünfmal kämpft er, und fünfmal siegt er. Zanders »1. Rede des Grossinquisitors: Die Heilige Inquisition war jung und fortschrittlich«, fasst die Rezensentin des ›Deutschlandradios‹ wie folgt sehr knapp, aber akkurat zusammen:

Zander lenkt den Blick weg von den Daumenschrauben und betrachtet ganz nüchtern, warum die Inquisition eingerichtet wurde und was das besondere der Verfahren war. Blick zurück ins 13. Jahrhundert, in dem es turbulent in Europa zuging. Vor allem in Südfrankreich hatte die Bewegung der Katharer riesigen Erfolg. Sie predigten radikale Umkehr und verdammten die katholische Kirche. Das Volk war entweder begeistert – oder lynchte die Unruhestifter. Beides war nicht im Sinne der Kirche. Mit den herkömmlichen Gerichtsverfahren bekam sie das Problem aber nicht in den Griff. Denn die waren reines Kräftemessen. Bei Freispruch traf die vorgesehene Strafe den unterlegenen Kläger. Bei Ketzerei, auf die der Tod stand, wollte deshalb klugerweise niemand eine Anklage riskieren. Papst Innozenz III. fand eine Lösung: Er etablierte das Inquisitionsverfahren. ›Inquisitio‹ heißt Nachforschung. Das heißt: ein Inquisitionsverfahren klärt nicht, wer der Stärkere ist, sondern was wirklich vorgefallen ist. Der Beginn des modernen Rechtsstaates im Jahr 1231 (…).

Den Höhepunkt des Buches bildet jedoch die 5. und letzte Rede des Großinquisitors: »Die Inquisition war heilig®.« Diese Rede ist Michele Ghislieri selbst gewidmet. Zander verfolgt die Karriere Ghislieris vom Bauernsohn und Schafhirten zum mächtigsten Großinquisitor der Geschichtsschreibung und schließlich zum Pontifex Maximus, Papst Pius V. Nach seiner Heiligsprechung wird er als Sankt Pius V. zum Schutzheiligen der Heiligen Inquisition. Michele Ghislieri ist gewissermaßen der Großinquisitor schlechthin, die förmliche Inkarnation der Inquisition. Als Großinquisitor wie auch als Papst zählt er zu den Strengsten seines Amtes. Hart, aber gerecht. In Zanders Worten: »streng, grausam sogar, doch echt und ehrlich«. Zander verschweigt dabei nicht die Judenfeindschaft Pius V. Nach ihrer Vertreibung aus Spanien hatten die iberischen Juden unter Papst Alexander VI. im Kirchenstaat Asyl gefunden. Unter Pius V. flohen die Juden aus Rom – nach Kleinasien, zum Sultan!

Nur sechs Jahre vor seinem Tod zum Papst gewählt, setzte Pius V. im Alleingang ein veritables Inferno an unbequemen, aber überfälligen Reformen durch, für deren Verwirklichung sonst vielköpfige Gremien Jahrzehnte benötigt hätten. Dann, der Papst ist 66 Jahre alt und bereits todkrank, sieht er sich seiner größten Herausforderung gegenüber. 1570 sind die Türken mit einer Galeerenflotte auf Zypern gelandet und liegen mit 50.000 Mann vor Nikosia. Pius V. erkennt die Gefahr. Halb Europa ist den Türken bereits in die Hände gefallen. Bald werden sie nach Rom greifen!

Längst existiert kein christliches Land mehr, das allein dem Sultan noch gewachsen ist. Nur eine Allianz sämtlicher Christenländer scheint fähig, der osmanischen Eroberung Einhalt zu gebieten. Pius V. beschließt, diese Allianz zu schmieden. Zunächst wendet er sich an die Deutschen. Aber Deutschland zahlt den Türken ein jährliches »Ehrengeschenk« in Höhe von 30.000 Dukaten; anders ausgedrückt: Tribut, Schutzgeld. Aus Deutschland ein klares Nein!

Danach Frankreich, »das Land der Kreuzritter«. Aber Frankreich steht im Bund mit den Türken, deren Flotte den französischen Marinehafen Toulon nutzt: Non! Nichts zu machen!

Dann Portugal – Não! Vielleicht später irgendwann …

Russland. Unter Iwan dem Schrecklichen – Njet.

Aus Abessinien – gar keine Antwort.

Bleiben für die christliche antitürkische Liga noch drei Staaten: der Kirchenstaat selbst, Venedig und Spanien. Zäh und endlos ziehen sich die Verhandlungen hin. Längst ist Nikosia gefallen und inzwischen auch Famagusta:

Als die Lage aussichtslos geworden war, hatten die Türken den christlichen Verteidigern für die Übergabe die ehrenhaftesten Bedingungen gewährt. Dann massakrierten sie alle, 20.000 insgesamt. Dem heldenhaften christlichen Kommandanten, Marcantonio Bragadin, schnitten sie Nase und Ohren ab. Bei lebendigem Leib zogen sie ihm die Haut ab. Dann vierteilten sie ihn, stopften seinen Leib zur Strohpuppe aus und führten sie mit Gejohle auf dem Rücken einer Kuh durch die Straßen Famagustas. Damit aller christlichen Welt klar würde, was dem blüht, der es wagt, sich zu wehren gegen die Übermacht der Muslime.

Da – endlich! – macht es ›Klick‹. In Messina vereinigen sich die drei christlichen Flotten und segeln zum Golf von Patras, wo sie nahe der Festung Lepanto auf die wartende Türkenflotte treffen. Formiert zu einem gigantischen Halbmond liegt sie da, unter günstigem Ostwind, der die Segel der 270 schwerbewaffneten Galeeren (gerudert von versklavten Christen) und unzähligen kleineren Kriegsschiffe bläht wie Heldenbrüste. Dem gegenüber in Kreuzformation die deutlich kleinere Christenflotte mit ungünstigem Gegenwind, der den Gebrauch der Segel unmöglich macht.

Halbmond gegen Kreuz. »Allahu akbar!« gegen den Christenschlachtruf »Viva Maria!«. Sieggewohnte Übermacht gegen die Verzweiflung der letzten Chance. Und das ›Wunder von Lepanto‹ geschieht, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz: Das Kreuz siegt! Rom und die Christenheit sind gerettet!

Vorerst jedenfalls.

Nur wenige Monate später stirbt Michele Ghislieri, Großinquisitor, Papst, Heiliger und Retter Europas …

Nicht unerwähnt bleiben soll das zentrale Manko des spannenden Buches: Es fehlt eine Liste mit Quellenbelegen bzw. ein Verzeichnis der benutzten Literatur. Gerade angesichts der Fülle des eingeflossenen historischen Faktenwissens wären Quellenangeben und eine Bibliographie nicht nur wünschenswert, sie erscheinen geradezu unerlässlich. Dass Zanders Werk dennoch fundiert ist, konzediert sogar ›Spiegel Online‹:

»[Zander] kennt seine Quellen […] Er übertreibt ungeniert, formuliert drastisch, aber er schwindelt nicht.«

Hans Conrad Zander beschließt sein Buch mit einer unterschwelligen Mahnung für die Gegenwart:

Eine einzige Spielwiese der Sympathie ist unsere Kirche heutzutage. Eine Spielwiese sanfter Selbstverwirklichung und noch sanfterer Nächstenliebe. Voll ökumenischer Liebe sind wir zu den Protestanten. Voll der einfühlsamen Bereitschaft zum Interfaith-Dialog mit Juden und Muslimen, den Dalai Lama nicht zu vergessen. Sympathischer als wir kann man gar nicht sein. Auf unserer katholischen Spielwiese lächeln wir nach hinten, vorne, links und rechts. Und keiner von uns denkt daran, dass wir auf dieser schönsten aller Spielwiesen nur deshalb so sanft lächeln dürfen, weil einer war, der höchst unsanft dafür gesorgt hat, dass es diese Spielwiese noch gibt. (…)

Wie sympathisch ist uns doch Hans Küng, wenn er vor der Uno in New York vom »Weltethos der Religionen« predigt. Und keiner denkt daran, wie Hans Küng in New York herumlaufen würde, hätte Pius V. nicht in Lepanto gesiegt. Vermutlich würde Küng, als wär’s eine dänische Karikatur, im Turban herumlaufen, in den Turban eingewickelt eine tickende Bombe. (…)

»Gott ist die Liebe«, verkündet, in seiner ersten Enzyklika, Benedikt XVI., unser Lieber Vater in Rom. Doch warum darf er das so liebevoll verkünden? Weil ein ganz anders gearteter Papst mit letzter Kraft dafür gesorgt hat, dass in Rom der Stuhl Petri noch steht. In Lepanto hat Sankt Pius V. dafür gesorgt. Mit militärischer Gewalt.

Wir alle sind sympathischer als der Großinquisitor Michele Ghislieri. Unser Gott ist ja die Liebe. Das ist Gott wirklich. Doch ist er das nicht allein. Gott ist noch manches andere. (…) Im heiligen Großinquisitor Michele Ghislieri ist uns der Gott der Schlachten erschienen. Ein ganz unsympathischer Gott ist das, der »Herr der Heere«. Und doch ist er dreimal heilig:

»Sanctus, Sanctus, Sanctus Dominus, Deus Sabaoth!«

Hinweise:

Ein Auszug aus Zanders Buch, die »4. Rede des Großinquisitors: Die Heilige Inquisition hatte recht«, wurde von ›Welt Online‹ unter dem Titel »Warum die Inquisition im Fall Galilei Recht hatte« gekürzt im Internet veröffentlicht.

• Hans Conrad Zander: Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition, Gütersloher Verlagshaus 2007, 192 S., ISBN 978-3-579-06952-4, 14,95 Euro.