Hat der Bankrun begonnen?

Es ist die eine Sache, wie die Politik uns die wirtschaftliche Situation schönredet – die andere ist, wie dramatisch die Lage unserer ach so stabilen Währung von handelnden Menschen eingeschätzt wird. Ein Freund erzählte mir, wie groß mittlerweile die Schlangen bei Edelmetallhändlern sind. Er kaufe, so berichtete er mir, regelmäßig Gold und – nachdem dessen Preis so stark gestiegen ist – Silber. Allerdings könne seit ein paar Tagen nicht mehr zu seinem Händler gehen, ohne ausgedehnte Wartezeiten in Kauf zu nehmen.

(Von Nockerl)

Neugierig geworden suchte ich mir im Internet einen großen Edelmetallhändler in der Nähe, hob ein wenig Bargeld ab und fuhr zu einer Filiale von „pro aurum“. Das Bargeld deshalb, da mir mein Freund sagte, dass ich nachvollziehbaren Zahlungsverkehr mit meinem Edelmetallhändler vermeiden sollte. Dies, um es für niemanden und auch den Staat nicht nachvollziehbar zu machen, dass ich Edelmetall besitze. Angesichts dieses doch recht nach Verschwörungstheorie riechenden Hinweises und der sehr ruhigen Situation vor dem Gebäude hatte ich noch den Eindruck, einer etwas übertriebenen Geschichte aufgesessen zu sein. Erst als ich das Gebäude betrat, sah ich die Schlange(n). Am Empfang wurde mir sehr nett erklärt, dass ich leider eine Wartenummer benötige und es bestimmt eine halbe Stunde dauern kann, bis ich an der Reihe (Kauf) und eine ganze Stunde bis ich ganz durch sei (Zahlung und Ausgabe). Der Tonfall sagte mir, dass dies nicht der Normalität entspricht.

Die Wartezeit vertrieb ich mir bei einer Tasse Kaffee und Plauderei mit anderen Kunden, die vom sehr noblen Anzugträger über die Familie mit Kleinkind bis zum Handwerker im Arbeitsanzug reichten. Grundtenor ihrer Aussagen war, dass alle eine Finanzkrise erwarteten, die zu einer völligen Entwertung des Euro führen würde/könnte. Für manche war dies eine Gewissheit, für andere eine Möglichkeit. Griechenland sei erst der Anfang. Schon unsere eigenen (deutschen Staats-)Schulden könnten wir nicht zurückzahlen und erst recht nicht die ganz (Süd-)Europas. Eine Kundin berichtet, sie sei letzte Woche erst hier gewesen, da seien neben ihr nur noch vier weitere Kunden anwesend gewesen. Sie kenne das so nicht. Sie habe aufgrund der Griechenlandkrise eine größere Betriebsamkeit erwartet, dieses Ausmaß überrasche sie aber. Während wir warteten, fragte eine der Kundenberaterinnen ihren Kollegen, ob es nun – nachdem die Wartenummer 100 durch sei – es wieder mit 01 oder mit 101 weiter gehe. Dies und dass es kein Aufrufsystem gab, sondern die Kundenberater die Wartenummer der aufgerufenen Kunden auf einen Stapel legten, an dem man ablesen konnte, welche Nummer schon „durch war“, zeigten mir die Ausnahmesituation auf.

Die Mitarbeiter, mit denen ich sprechen konnte, bestätigten mir den Ansturm. Es sei noch nie so zugegangen. Sie arbeiteten derzeit teilweise bis 23 Uhr. Schon wenn Sie morgens die Filiale öffneten, stünden draußen Schlangen auf der Straße. Der Ansturm halte den ganzen Tag über an. So kaufte auch ich für meinen (wie ich mittlerweile bedauerte) kleinen Bargeldbetrag Edelmetall und begab mich danach in die Schlange für die Kasse bzw. Ausgabe. Nach ca. eineinhalb Stunden Warten und Plaudern hielt ich ein paar Silbermünzen in der Hand und fuhr nach Hause. So also fühlt sich ein noch(!) recht zivilisierter Bankrun an.