Besuch in Berlins Parallelgesellschaft

Berlin NeuköllnDie Thesen Thilo Sarrazins haben auch das Interesse der Neuen Zürcher Zeitung geweckt. Statt jedoch sofort das Buch zu verurteilen, fragt sie nach, wie es denn aussieht mit den Verhältnissen in Berlin und schickt ihre Leser auf eine innere Reise in die Neuköllner Parallelgesellschaft. Sie will nachsehen, ob man hier tatsächlich erleben kann, wie Deutschland sich abschafft.

Die NZZ berichtet:

Der Norden Neuköllns wirkt auf den ersten Blick nicht bedrohlicher als die Zürcher Langstraße. An der Flughafenstraße, wo Özlem in einem Hinterhof ihren Nachhilfeunterricht besucht, reiht sich ein Kebab- und Köfta-Shop an den andern. Es wimmelt von Café-Häusern mit Spielautomaten und Wettbüros für Pferderennen, vor denen dunkelhaarige Männer mit schwarzen Lederjacken angespannt auf ihre Wettzettel starren. Wenn das Hartz-IV-Geld ausbezahlt wird, herrscht hier Hochbetrieb. Ein islamisches Bestattungsinstitut steht neben Friseuren für Herren und Kinder sowie zahlreichen Brockenstuben, die in muffigen Räumen hinter dreckigen Schaufenstern Trödel verkaufen. Der Verputz an den Häusern ist schwarz von den Abgasen, der Gehsteig holprig. „Halt ’s Maul, Sarrazin!“ steht auf einem Plakat.

Nachts wird die Flughafenstraße zum Rotlichtmilieu. Türkische und arabische Männer bestellen in den Wasserpfeifen-Klubs, sogenannten Shisha-Bars, Prostituierte, zumeist bulgarische Roma-Frauen. Nicht nur die Dichte der Bordelle ist im Norden Neuköllns am grössten, auch jene von Moscheen. 21 stehen hier.

Jugendbanden gibt es derzeit nur wenige, niemand weiß so recht, weshalb. Gewalt hingegen schon, Schlägereien, Pöbeleien, Respektlosigkeit. „Eh, ich stech dich ab, ja!“, kommt den Jugendlichen rasch über die Lippen, erzählen Anwohner. Von den 200 registrierten Mehrfachtätern mit Delikten wie Raub oder Körperverletzung in Neukölln sind 90 Prozent Migranten, fast die Hälfte davon arabischstämmig.

305.000 Einwohner leben in Neukölln. Fast die Hälfte hat einen Migrationshintergrund, bei den unter 18-Jährigen liegt der Anteil gar bei 80 Prozent. Dies spiegelt sich auch in den Schulen wider, vor allem im Norden Neuköllns sind zahlreiche Klassen vollständig mit Migrantenkindern besetzt. Diese Zahlen korrelieren mit überdurchschnittlich vielen Schulabbrechern, hoher Arbeitslosigkeit und sozialer Abhängigkeit. 60 Prozent des Haushaltes steckt der Bezirk Neukölln in Sozialleistungen, Hartz-IV- und Kindergeld. Für Investitionen bleibt noch 1 Prozent.

Es ist keineswegs Thilo Sarrazin, der die Probleme Neuköllns als Erster öffentlich benannte. Seit langem beklagt der Bürgermeister des Bezirks, Heinz Buschkowsky, die Lage und Entwicklung seines Viertels. Multikulti sei gescheitert, sagte er schon vor Jahren. Doch bisher hat keiner so richtig hingehört, hingeschaut, schon gar nicht Buschkowskys Kollegen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Schon die leiseste Kritik an Migranten verstieß gegen die „political correctness“ oder rief bei Links den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit hervor. Seit Sarrazins Buch trauen sich nun viele zu sagen, dass Deutschland ein Integrationsproblem habe, auch wenn sie nicht einverstanden sind mit Sarrazins Pauschalisierungen und Aussagen über Eugenik.

In Neukölln wächst eine neue verlorene Generation heran. …

„Die sagen uns: Deutschland ist schön, nur die Deutschen stören“, sagt Bürgermeister Buschkowsky. Wie groß der vom Rest der Gesellschaft getrennte Teil Neuköllns ist, kann nur geschätzt werden. … Sie leben nach ihren eigenen Gesetzen, ihren eigenen Methoden, ihren eigenen Riten. Nie würden sie ihren Kindern erlauben, Deutsche zu heiraten. Das Klima ist so gewalttätig, dass sich Polizei und Jugendamt oft scheuen, das deutsche Recht durchzusetzen.

Es steht so nirgendwo explizit im Text, aber im Grunde betrachtet die NZZ die Verhältnisse in Berlin, analysiert sie und gibt Sarrazin Recht, obwohl man natürlich nicht soweit gehen würde zu sagen, die Ghettoisierung habe damit zu tun, dass die Leute, die Probleme machen, Muslime sind.

(Spürnase: Jorge Miguel)