Davutoglu: “Europa muss multikultureller werden”

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte ja bereits angekündigt, dass sich die Deutschen auf Veränderungen durch moslemische Einwanderer einzustellen haben. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu (Foto mit Westerwelle) nutzt natürlich die Steilvorlage, um den westeuropäischen Ländern in bekannter Manier aufzuzeigen, was diese zu tun haben.

Ahmet Davutoglu im Interview mit Die Presse.com:

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu warnt Österreich, den EU-Beitrittsprozess zu blockieren. Die islamophoben Thesen Thilo Sarrazins geißelt er als eine neue Form des Rassismus.

Im zehnten Stock des Turkish Center in New York, genau gegenüber dem Hauptquartier der UNO, herrscht auch um acht Uhr abends reges Treiben. Der Chef ist noch da. Ahmet Davutoglu, der 51-jährige Außenminister der Türkei, ist berüchtigt für sein Arbeitspensum. Auch am Rande der UN-Generalversammlung jagt ein Termin den anderen. Doch auch späte Gäste empfängt er mit ausgesuchter Höflichkeit und dem wachen Blick eines Mannes, der die Diskussion liebt.

Der „Kissinger vom Bosporus“ ist ein begehrter Gesprächspartner. In wenigen Jahren nur hat Davutoglu, Professor für Politologie, die Außenpolitik seines Landes völlig neu ausgerichtet. Selbstbewusster denn je tritt die Türkei als Regionalmacht auf und orientiert sich nicht nur nach Europa, sondern gibt auch im einstigen Machtbereich des Osmanischen Reichs zusehends den Takt vor.

„Die Presse“: Ihr Vizepremier Ali Babacan sagte hier in New York, dass die Türkei in der EU kein Mitglied zweiter Klasse sein werde. Muss Europa fürchten, dass die Türkei die EU dominieren würde?

Ahmet Davutoglu: Die Werte der EU sehen vor, dass alle Europäer und alle europäischen Staaten gleich sind. In der EU sollte es nicht Länder erster und zweiter Klasse geben.

Aber die Stimmen eines Landes hängen von dessen Größe ab.

Davutoglu: Was immer in der EU gilt, sollte auch für die Türkei gelten.

Das heißt also, dass die Türkei ein Big Player in der EU wäre.

Davutoglu: Wenn das die Regel ist, warum sollte man davor Angst haben?

Dieser Gedanke bereitet vielen in der EU offenbar Unbehagen.

Davutoglu: Dann verstehen sie die Logik Europas nicht. Europa muss die Vision haben, multikultureller und demografisch dynamischer zu werden. Sonst verliert es an politischem Einfluss. Wenn Europa einförmig und weniger multikulturell wird, kann es sich nicht an die Globalisierung anpassen. Und ohne Türkei wird Europa eine geringere demografische Dynamik haben.

Genau das löst Ängste aus. Ich nehme an, Sie hörten von Thilo Sarrazin, Ex-Vorstand der deutschen Bundesbank. In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ schreibt er, dass ein höherer Anteil der muslimischen Bevölkerung das Bildungsniveau in Deutschland senken werde.

Davutoglu: Das ist Rassismus, das verstößt gegen die europäischen Werte. Warum entstand die Europäische Union? Um Ursachen des Zweiten Weltkrieges zu eliminieren und ein neues Europa zu schaffen, das auf Menschenrechten basiert. Wenn jemand Rasse und Religion mit intellektuellen Fähigkeiten verbindet, dann ist das eine neue Form des Rassismus. Vor dieser Mentalität sollten sich die Europäer fürchten.

Nichtsdestoweniger sind Sarrazins Thesen sehr populär.

Davutoglu: Deswegen hat er noch lange nicht recht. Der Nationalsozialismus war auch beliebt, deshalb verlor Europa.

Das Moslem-Bild der Österreicher und Deutschen ist durch die türkische Minderheit in ihren Ländern geprägt. Und da gibt es offenbar Probleme bei Integration und Bildung.

Davutoglu: Wenn jemand sagt, dass es Probleme bei der Integration gibt, sind wir bereit, darüber zu diskutieren. Aber die Türken sind Teil der europäischen Geschichte, sie gründeten viele Städte, architektonische Monumente im gesamten Osteuropa. Dieselben Türken haben heute die sechstgrößte Wirtschaft Europas und die sechzehntgrößte der Welt geschaffen. Wenn es ihnen an intellektuellen Fähigkeiten mangeln würde, wäre dieser Erfolg nicht möglich.

Türken sind unzweifelhaft Teil der europäischen Geschichte, da muss man Davatoglu uneingeschränkt Recht geben. Und zwar immer dann, wenn es um Invasionen ging. 1571 vor Lepanto lieferten sie den christlichen Alliierten die größte Galeerenschlacht der Geschichte. 1570 brachten sie ihre interkulturelle Kompetenz nach Zypern. Marcantonio Bragadin, der Gouverneur von Famagusta, kapitulierte nach einem Jahr Belagerung, da ihm die Türken freies Geleit für ihn und seine verbliebenen Truppen zusicherten. Das beruhte dann aber wohl auf einem Dialogsirrtum. Denn Bragadin wurde gefangen genommen und gefoltert, dabei Nase und Ohren abgeschnitten. Am Ende zogen die Türken dem Gouverneur dann bei lebendigem Leib die Haut ab und stellten die Hülle aus.

Zwischen 1529 und 1683 versuchten osmanische Exportfachkräfte bekanntlich immer wieder, ihre Herzlichkeit auch nach Wien zu bringen, aber die erwiesen sich als kulturell unsensibel. Sie brachten wohl wenig Verständnis für die ganz besonderen Verhaltensweisen der Osmanen auf, die beispielsweise 1683 das Burgenland und Niederösterreich beglückten:

Am 11. Juli eroberten die Osmanen nach drei Tagen Belagerung Hainburg und brannten es nieder. 90 Prozent der Bevölkerung wurden ermordet oder verschleppt. Nicht viel anders erging es den Orten Baden, Schwechat, Inzersdorf und der Favorita bei Wien. Sie wurden in den folgenden Tagen eingenommen und zerstört. Die Bevölkerung von Perchtoldsdorf wurde ebenso getötet und der Ort niedergebrannt, wie in Mödling, wo die Bewohner, die in die St.Othmarkirche flüchteten, in der Kirche umgebracht wurden.

Als die Wiener sich mit Unterstützung der Polen, der Venezier und der Deutschen als islamresistent erwiesen hatten, besuchte die türkische Touristengruppe 1687 schließlich Belgrad. Der bayerische Kurfürst Max Emanuel war aber noch nicht so weit im interreligiösen Dialog und wies ihnen ein Jahr später den Heimweg. Die Reaktion der Bevölkerung Belgrads ist wie folgt überliefert:

Die Bevölkerung stieg aus den Gebirgen ein und hieß die Deutschen als Befreier von ihrer sklavischen Lage willkommen.

Sowas aber auch. Es musste Jahrhunderte dauern, bis wir die Bereicherung durch die türkische Herzlichkeit und Lebensfreude begriffen haben. Und die Schuld für das schulische Versagen der neuen türkischen Invasionstruppen Einwanderer liegt natürlich laut Ahmet Davutoglu bei der Aufnahmegesellschaft:

Die Türken, die in Deutschland oder Österreich leben, sind offenbar weniger erfolgreich.

Davutoglu:Das ist ein Problem zweier Seiten, nicht nur der Türken. Man versuchte, die türkische Gemeinde an den Rand der Gesellschaft und türkische Kinder in schlechtere Schulen zu drängen. Wir brauchen jetzt eine volle soziale Integration der türkischen Gemeinden in Europa und eine Integration der Türkei in die EU.

Das bedeutet faktisch eine Implementierung des Islam und der türkischen Lebensweise. Die schleichende Invasion wird immer offensichtlicher. Was das schulische Versagen großer Teile des osmanischen hochbegabten Nachwuchses betrifft, beruht das natürlich auf der Diskriminierung durch die rassistische Aufnahmegesellschaft. Schuld haben bekanntlich immer die anderen, nie die islamischen Herrenmenschen. Und so muss man sich auch keine Gedanken über das eigene Fehlverhalten machen. Man muss sich das vor Augen halten – solche Gedanken werden nicht am Stammtisch in Ostanatolien von sich gegeben, sondern hochoffiziell vom türkischen Außenminister. Aber es kommt noch besser:

Kann ein Land wie Österreich, das den türkischen EU-Beitritt bremst, noch immer zu den besten Freunden der Türkei zählen?

Davutoglu: Nein. Wir haben heute exzellente Beziehungen zu Österreich. Aber wenn ein Land unsere EU-Integration verhindern will, wird es sehr schwer, eine gute Freundschaft aufrechtzuerhalten.

Wie das wohl zu verstehen ist. Nehmen wir die Türkei nicht in die EU auf, gibt es Ärger? Da das neue Großosmanische Reich jetzt eine Weltmacht ist, die sich nichts mehr von anderen Ländern vorschreiben lässt und „die Tagesordnung der Welt bestimmt“? Woher wohl dieser neue Größenwahn kommt, den auch Ahmadinedschad bei seiner neuesten Rede vor der Uno eindrucksvoll dokumentierte – vielleicht aus dem heiligen Buch aller Muslime, das er dort hochhielt?

Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah. Und wenn die Leute der Schrift glauben würden, wäre es wahrlich besser für sie. Unter ihnen gibt es Gläubige, aber die meisten von ihnen sind Frevler. (Das zeitlos gültige Wort Allahs, Sure 3, Vers 110)

(Spürnase Bob66)