Der neue Götze Nachhaltigkeit (Teil 1)

In den letzten Jahren hat sich der Begriff „Nachhaltigkeit“ wie ein Virus verbreitet und wird von immer mehr Menschen gedankenlos verwendet. Sie benutzen „nachhaltig“ in Zusammenhängen, über die man vor wenigen Jahren noch den Kopf geschüttelt hätte.

(Warum die Nachhaltigkeits-Ideologie unsere Freiheit gefährdet und ein Totalitarismus neuer Art ist – Ein Essay von Wolfgang Halder)

So freut sich ein Veranstalter über den „nachhaltigen Erfolg“ seiner Vortragsreihe und meint damit nichts weiter, als dass auch beim fünften Vortrag noch viele Zuhörer gekommen sind. In einer Musikkritik wird einem Pianisten attestiert, er setze „nicht auf Glanz, sondern auf musikalische Nachhaltigkeit“, die Supermarkt-Kette Edeka wirbt mit dem Spruch „Wir setzen auf nachhaltige Fischerei“, Hotels hoffen auf Kundschaft, indem sie in ihren Prospekten hervorheben, das „Gütesiegel für nachhaltige Hotels“ erhalten zu haben.

Wolfram Weimer, seit Juni Chefredakteur des Magazins „Focus“, begründete die Neuausrichtung des Blattes mit der Behauptung „das Zeitalter der Nachhaltigkeit braucht einen nachhaltigen Journalismus“. Die Krone für die unsinnigste Verwendung des Prädikats „nachhaltig“ gebührt dem Buch ‚Feindbild Muslim‘, in dem es zur Ermordung des holländischen Politikers Pim Fortuyn heißt, dieser sei „nachhaltig erschossen“ worden.

Wer auf der Höhe der Zeit sein will und jedermann bedeuten möchte, dass er ein guter Mensch ist, der sich um das Weltganze sorgt, der liest eine der zahlreichen neuen Nachhaltigkeits-Zeitschriften, „konsumiert nachhaltig“, orientiert sich dabei am „nachhaltigen Warenkorb“, widmet sich „nachhaltigen Projekten“, die der Schaffung einer „nachhaltigen Wirtschaft“ dienen und zu einer „nachhaltigen Verbesserung“ des Lebens aller Menschen auf diesem Planeten führen sollen.

Die inflationäre und meist völlig unsinnige Verwendung eines Begriffs ist ein Zeichen dafür, wie groß der soziale Druck ist und dass jedermann glaubt, allem und jedem das Etikett „nachhaltig“ ankleben zu müssen, um sozial akzeptiert zu werden. „Nachhaltigkeit“ ist ein Wieselwort geworden, eine Begriffshülle, die so leer ist wie die von Wieseln ausgesaugten Vogeleier. Und gerade ihre diffuse Bedeutung macht die Nachhaltigkeit zu einer wirksamen, überall verwendbaren Waffe im politisch-gesellschaftlichen Kampf um die Deutungshoheit unserer Gegenwart. Im März 2010 rechtfertigte Finanzminister Schäuble die größte Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Höhe von 80,2 Milliarden Euro unter Berufung auf Nachhaltigkeit, denn mit den Rekordschulden leiste „Deutschland europäisch und international einen Beitrag zum nachhaltigen Wachstum und zur nachhaltigen Stabilität“. Man sieht hieran deutlich, dass Nachhaltigkeit ein Passepartout-Argument ist, mit dem jedem Unsinn Schein-Plausibilität verliehen werden soll.

Eine zweite Realität, die sich im Bewusstsein der an sie Glaubenden vor die erste Realität schiebt und handlungsleitend wird, ist gemäß der Definition des Politologen Eric Voegelin Ideologie: „Wenn es genug Leute gibt, die eine Narretei glauben, dann wird die Narretei zur sozial dominanten Realität und derjenige, der sie kritisiert, rückt in die Position des Narren, der bestraft werden muss.“ Nachhaltigkeit ist solch eine Narretei.

Deutet man heutzutage in einem Gespräch an, dass man vor der Idee der Nachhaltigkeit nicht anbetend auf dem Bauch liegt, sie anzweifelt, ja womöglich ablehnt, erntet man im besten Fall Verwunderung; im ungünstigsten Fall wird man als leibhaftige Erscheinung des moralisch Bösen geächtet. Denn Nachhaltigkeit gilt als a priori gut, ist das Gute schlechthin und die Lösung für die vermeintlich größten Probleme unserer Zeit. Zweifel, gar Kritik sind verdächtig und deuten auf Geistesverwirrung oder einen Charakterfehler des Kritikers. Wer Zweifel an der Idee der Nachhaltigkeit äußert, wird ebenso als Vertreter einer „Mindermeinung“ belächelt wie derjenige, der zu wenig Kapitalismus und zu viel Regulierung und Staatseingriffe als Ursache der sogenannten Finanz- und Wirtschaftskrise sieht statt eines entfesselten Turbo-neo-laissez-faire-Liberalismus.

Ich gestatte mir hier, an der Nachhaltigkeits-Ideologie zu zweifeln, und zu fragen, was es für unsere Weltwahrnehmung und unser Handeln bedeutet, dass das einst eng begrenzte Mittel Nachhaltigkeit zum allumfassenden Zweck pervertiert wurde, denn auch in dieser Sache gilt das lateinische Sprichwort: ubi dubium, ibi libertas – wo Zweifel ist, da ist Freiheit.

Begriffsgeschichte

Welchen Gebrauchs- und Bedeutungswandel der Begriff der Nachhaltigkeit durchlaufen hat, wird deutlich, wenn man Nachhaltigkeitsdefinitionen von vor dreißig und vierzig Jahren betrachtet. Franz Dornseiffs „Deutscher Wortschatz nach Sachgruppen“ führt 1970 „nachhaltig“ nur zweimal in der Kategorie „Wollen und Handeln“ auf: unter „beharrlich“ und unter „Energie“. Bei „beharrlich“ steht „nachhaltig“ in folgender Adjektivgruppe: beharrlich – beständig – bestimmt – blindgläubig – fest – gerade – hundertprozentig – konsequent – nachhaltig – standhaft – ständig – stetig – stur – systematisch – unabänderlich – unbeugsam – unerschütterlich – zäh – zielstrebig – zweckbewußt. Die bedeutungsähnlichen Adjektive in der Kategorie „Energie“, denen „nachhaltig“ zugeordnet ist, lauten: betriebsam – durchgreifend – einsatzbereit – energisch – forsch – geschäftig – kräftig – lebendig – lebhaft – männlich – nachdrücklich – nachhaltig – preußisch – schneidig – stark – streng – tätig. „Nachhaltig“ ist in beiden Fällen ein harmloses Adjektiv ohne jede politisch-ideologische und welterlösende Komponente wie heutzutage.

Der Große Brockhaus definiert noch 1979 „Nachhaltigkeit“ rein auf die Forstwirtschaft bezogen als „Prinzip der Bewirtschaftung von Wäldern zur Sicherung von Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß forstlicher Nutzungen und Waldfunktionen sowie der sie bedingenden Produktionsfaktoren“. Das ist auch schon der ganze Eintrag – nur knappe vier Zeilen. Die benachbarten Begriffe „Nachhilfeunterricht“ und „Nachnahme“ – beide nicht von weltbewegender Bedeutung – bringen es immerhin auf sechs und zwölf Zeilen.

Bei Wikipedia ist heute die frühere auf die Forstwirtschaft bezogene Definition der neuen, erweiterten untergeordnet, die dem Schlußbericht „Globalisierung der Weltwirtschaft – Herausforderungen und Antworten“ der Bundestags-Enquête-Kommission von 2002 entnommen ist: „Das Konzept der Nachhaltigkeit beschreibt die Nutzung eines regenerierbaren Systems in einer Weise, daß dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche Weise nachwachsen kann“.

Den ersten Schritt zur Ausdehnung der Nachhaltigkeits-Bedeutung vom Wald auf die ganze Welt nahm 1972 die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ vor, die einen Zustand des „globalen Gleichgewichts“ als wünschenswert darstellt. Dieses weltweite Gleichgewicht wird charakterisiert als „nachhaltig und ohne plötzliche und unkontrollierbare Zusammenbrüche“ („sustainable without sudden and uncontrollable collaps“).

1987 prägte die von der UNO eingesetzte „Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“ den Begriff „nachhaltige Entwicklung“, der bis heute bestimmend ist: „Entwicklung zukunftsfähig zu machen, heißt, dass die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können“. Und das – wohlgemerkt – auf die ganze Welt bezogen, also für alle jetzt lebenden Menschen sowie für alle, die in Zukunft jemals leben werden.

In Deutschland gibt es seit 2001 den von der Regierung berufenen „Rat für Nachhaltige Entwicklung“, der laut Selbstbeschreibung bei der „Umsetzung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie“ helfen soll und sein Ziel in ebenso größenwahnsinniger Weise definiert wie die UNO: „Zukunftsfähiges Wirtschaften bedeutet, kommenden Generationen ein intaktes ökonomisches, ökologisches und soziales Umfeld zu hinterlassen“.

Planung, Kontrolle, Steuerung

Der im Namen der neuen, aufgeblähten Bedeutung von Nachhaltigkeit erhobene Anspruch könnte größer nicht sein – und muss einen deshalb besonders hellhörig machen. Es geht um nichts weniger als ein weltweites Planungs-, Kontroll- und Steuerungssystem, das den doppelten Anspruch hat, gleichzeitig die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation wie die aller zukünftigen Generationen zu befriedigen.

Damit erweist sich die Nachhaltigkeits-Forderung als extreme Form dessen, was der Ökonom und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek die „Anmaßung von Wissen“ genannt hat. Die unkritische Übertragung von Methoden der Naturwissenschaften auf die Sozialwissenschaften (z.B.: wichtig ist nur, was messbar ist), führt zu einer „szientistischen Geisteshaltung“ (scientistic attitude), die die wissenschaftliche Form imitiert, aber substantiell unwissenschaftlich ist, da sie den komplexen Phänomenen, mit denen es die Sozialwissenschaften zu tun haben, nicht gerecht wird. Die fatale Folge dieses „scientistic error“ ist die Annahme, die komplexen und spontanen Phänomene könnten nicht nur erfasst, sondern vom Menschen auch vorhergesagt und gesteuert werden. Doch da kein Mensch und auch keine Institution – seien es Regierungen, Kommissionen oder Behörden – alle Faktoren kennen können, die zur Bedürfnisbefriedigung gegenwärtiger und zukünftiger Generationen nötig sind, schlägt der durchaus achtbare Wunsch, der hinter dem Nachhaltigkeits-Gedanken steht, in sein Gegenteil um. Die Verfechter der Nachhaltigkeit werden zu „Zerstörern unserer Zivilisation“, denn sie begehen den Fehler, den Hayek am Ende seiner Nobelpreisrede von 1974 so prägnant formuliert hat: „Das verhängnisvolle Streben der Menschen, die Gesellschaft zu kontrollieren, macht sie nicht nur zu Tyrannen über ihre Mitmenschen, es könnte gut sein, dass es sie zum Zerstörer einer Zivilisation macht, die kein Verstand bewußt gestaltet hat, sondern die aus den freien Leistungen Millionen Einzelner erwachsen ist“. Wo die Wissenschaft sich Wissen anmaßt, das sie nicht haben kann, wird sie zur „evangelical science“, zur missionierenden Wissenschaft – und damit zerstört sie sich selbst.

Die Diagnose, dass die abendländische Zivilisation – hervorgegangen aus Wissenschaft in Kombination mit politischer, kultureller und wirtschaftlicher Freiheit – in Gefahr ist, sich selbst zu zerstören, da die Menschen die Grundlagen ihrer Freiheit und ihres Wohlstand nicht verstehen, hat schon 1930 der spanische Philosoph José Ortega y Gasset in „Der Aufstand der Massen“ gestellt. „Das Leben wird immer angenehmer, aber immer verwickelter“ – mit diesem einfachen und erschütternden Satz bringt er das, was er die „Tragik unserer Zivilisation“ nennt, auf den Punkt.

Die Prinzipien, die unserer Zivilisation zugrunde liegen, sind so fruchtbar, dass ihre Erträge in Ursache, Gehalt und Umfang das Fassungsvermögen des normalen Menschen übersteigen und er sie für etwas selbstverständlich Existierendes hält. Doch das ist ein verhängnisvoller Irrtum, denn, so Ortega y Gasset, „die Zivilisation ist nicht da, erhält sich nicht selbst. Sie ist künstlich. Wenn Sie sich die Vorteile der Zivilisation zunutze machen, sich aber nicht damit abgeben wollen, die Zivilisation zu erhalten, haben Sie sich gründlich geirrt. Im Handumdrehen werden Sie ohne Zivilisation dastehen. (…) Der Massenmensch glaubt, dass die Zivilisation, in der er zur Welt kam und die er benutzt, ursprünglich und selbstverständlich ist wie die Natur, und wird ipso facto zum Primitiven. (…) Die fundamentalen Werte der Kultur sind ihm gleichgültig. (…) Der Mensch kann mit dem Fortschritt der eigenen Zivilisation nicht Schritt halten. Es ist haarsträubend, wenn man die verhältnismäßig Gebildetsten über die einfachsten Tagesfragen sprechen hört. Sie wirken wie grobe Bauern, die mit steifen, dicken Fingern eine Nähnadel vom Tisch zu klauben suchen. Politische und soziale Fragen etwa werden mit dem schwerfälligen Begriffsapparat behandelt, mit dem man vor zweihundert Jahren zweihundertmal weniger zugespitzten Situationen gegenübertrat.“ Wer die meisten Analysen und Kommentare zur sogenannten Finanzkrise, die eine Krise des Interventionismus ist, im Ohr hat, weiß, wie sehr diese Bestandsaufnahme auch auf unsere Zeit zutrifft.

Die Folge: Man sucht einfache Lösungen. Und so, wie das Kindergartenkind zur Tante läuft, wenn es nicht mehr weiter weiß, so wird nach dem Staat gerufen, nach Regulierung, Vorschriften, Kontrolle, weil das Sicherheit vortäuscht, wo keine Sicherheit zu haben ist. Wie zu Zeiten Ortega y Gassets, als verschiedene Spielarten des Sozialismus (Bolschewismus, Faschismus, New Deal) als Lösungen gewählt wurden, wird auch jetzt wieder ein Sozialismus angestrebt: Diesmal trägt er den Namen „Nachhaltigkeit“. War der alte Sozialismus vom Ingenieurs-Denken geprägt, das sich Ordnung nur als geplante Organisation vorstellen kann, ist die treibende Kraft des Nachhaltigkeits-Sozialismus das Controller-Denken des modernen Managements. Und dessen Mantra lautet: Planung, Kontrolle, Steuerung. Diesen Kategorien müssen Welt und Wirklichkeit sich fügen. Was nicht in dieser Raster paßt – z.B. die spontane, durch niemand geplante und gesteuerte Ordnung des Marktes -, ist nicht von Bedeutung. Wichtig sind dagegen Planungs- und Kontrollinstanzen, die prüfen, ob die Kriterien der Nachhaltigkeit erfüllt sind. Und da der Nachhaltigkeitsanspruch total ist, müssen auch die Kontrollen total werden. Der gute Zweck heiligt die Überwachung aller menschlichen Regungen und Handlungen – es geht ja ums Ganze.

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