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Der neue Götze Nachhaltigkeit (Teil 2)

Man stelle sich vor, vor neuntausend Jahren hätten die damals lebenden Jäger und Sammler sich Gedanken über Nachhaltigkeit gemacht und wären dabei zu demselben Ergebnis gekommen wie die heutige UN-Weltkommission für Umwelt und Entwicklung.

(Warum die Nachhaltigkeits-Ideologie unsere Freiheit gefährdet und ein Totalitarismus neuer Art ist – Ein Essay von Wolfgang Halder)

Nämlich zu der Vorgabe, dass „die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können“. Was wäre die Folge gewesen? – Der Übergang zu Seßhaftigkeit, zu Ackerbau und Viehzucht wäre nie erfolgt. Denn dieser Übergang zur neuen äußerst unsicheren Lebensform garantierte der gegenwärtigen Generation keinesfalls die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, und er war ohne Frage eine Gefährdung der zukünftigen Generationen, da niemand wissen konnte, ob er erfolgreich sein würde. Es war ein zutiefst riskanter Schritt ins Ungewisse. Eine steinzeitliche UN-Kommission hätte die Einführung von Ackerbau und Viehzucht wegen Verstoßes gegen das Nachhaltigkeits-Prinzip abgelehnt – mit der Folge, dass einer der wichtigsten Entwicklungsschritte der Menschheitsgeschichte nicht stattgefunden hätte.

Nachhaltigkeit erweist sich als die politische Religion der Kleinmütigen, die Nachhaltigkeits-Prediger sind Verteidiger einer Schrebergarten-Idylle. Der Zoologe Josef H. Reichholf betont in seiner „Kurzen Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“ den Kontrast zwischen einer freien geistigen Atmosphäre, wie sie zur hohen Zeit des politischen Liberalismus herrschte, und der heutigen Verzagtheit: „Im 19. Jahrhundert herrschten mehr geistige Freiheit und viel größere Beweglichkeit als im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert. Damals suchten wir noch aktiv nach neuen Horizonten. Heute wird fast immer das Neue erst einmal gebremst und bekämpft, weil es am bekannten Zustand etwas ändern könnte. Altes behält man wider besseres Wissen stur bei“. Nichts läuft der Wirklichkeit unserer Welt und dem von den Gesetzen der Evolution bestimmten Leben mehr zuwider als die Idee eines kontrollierbaren globalen Gleichgewichts.

Reichholf führt diese Verzagtheit unserer Zeit darauf zurück, daß sich „die evolutionäre Betrachtung der Natur“ bis heute nicht durchgesetzt habe. Die Essenz der Evolution, daß Leben Veränderung ist und nur durch unablässige Veränderung Entwicklung und Verbesserung möglich sind, werde nicht anerkannt. Statt dessen herrsche der Katastrophismus: „Längst glauben im Abendland mehr Menschen an ein katastrophales Ende als eine bessere Zukunft“. Diese Ablehnung des evolutionären Denkens verbunden mit dem Hang zur katastrophischen Weltwahrnehmung ist zum einen unseliges Erbe der christlich-apokalyptischen Tradition, zum anderen geht solch perspektiv- und mutlose Nachhaltigkeits-Verzweiflung aus der Überalterung der abendländischen Gesellschaften hervor. Nachhaltigkeit ist eine Greisen-Ideologie, sie schreibt im Namen der künftigen Generationen die Gegenwart einer überalterten Gesellschaft in alle Zukunft fest. Ihr liegt ein museales Weltbild des übervorsichtigen Erhaltens zugrunde, das lebens- und entwicklungsfeindlich ist und alles der „Tyrannei des Wirklichen“ (Nietzsche) unterwirft. Die Welt muß bleiben, wie sie jetzt ist. So, wie wir Heutigen leben, müssen auch alle künftigen Generationen leben. Gerade diejenigen, die im Namen zukünftiger Generation zu handeln vorgeben, sind im Begriff, mit atemberaubender Überheblichkeit und Ignoranz den zukünftig Lebenden eine lebenswerte Zukunft unmöglich zu machen, indem sie ein „globales Gleichgewicht“ anstreben, das „nachhaltig und ohne plötzliche und unkontrollierbare Zusammenbrüche“ sein soll.

Nachhaltigkeit bedeutet somit Stillstand und Erstarrung. Gesellschaften, die ein Gleichgewicht als Ideal anstreben, entwickeln sich nicht, sind anfällig und Änderungen wehrlos ausgeliefert. Der Ethnomediziner Wulf Schiefenhövel illustriert das am Beispiel der Stämme Neuguineas. „Ich habe Dörfer in Tälern Neuguineas wissenschaftlich untersucht, die über Tausende von Jahren nicht wesentlich expandierten. Vor 50.000 bis 60.000 Jahren kamen die ersten Papua, und die lebten dann wirklich im Einklang mit der Natur. Das funktioniert aber nur im kleinen Maßstab. Und dieses Nullwachstum beobachtet man auf steinzeitlichem Niveau, wenn zum Beispiel Wald mit Steinbeilen gerodet werden muss und keine idealen ökologischen Bedingungen herrschen. Ressourcen-Engpässe hat es sicherlich von Zeit zu Zeit gegeben, aber meist bestand eher ein Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur, weil eben die Möglichkeiten größerer Veränderungen wegen begrenzter Technik beschränkt waren. Das Gleichgewicht konnte aber gestört werden, der Kulturwandel heute zeigt das in dramatischer Weise. Bis 1975 trafen die Menschen dort eine drastische Maßnahme: den Mädchen-Infantizid. Nach der Geburt blieben die meisten Buben am Leben, denn ein gewisser Prozentsatz starb bei der Jagd, bei Kämpfen und Stammeskriegen. Aber von den Mädchen wurden etwa 25 Prozent von der Mutter nicht angenommen, also geopfert. (…) Damit konnten sie die Bevölkerungszahl konstant halten und verhindern, in eine Hungersnot zu geraten. Erst als die Süßkartoffel vor etwa 350 Jahren kam, gab es einen dramatischen Bevölkerungszuwachs, weil das die Ernährungssituation enorm verbesserte. In den letzten Jahrzehnten sehen wir die Folgen der Gesundheitsfürsorge und Christianisierung: Keine Kriege, kein Infantizid, jetzt platzt es aus allen Nähten. In Neuguinea findet gerade eine gewaltige Bevölkerungsexplosion statt.“ Diese Stämme sind gerade wegen ihrer nachhaltigen Lebensweise unfähig, sich an veränderte Bedingungen anzupassen.

Ein weiteres Beispiel, diesmal aus unseren Breiten soll verdeutlichen, wie zukunftsermöglichend ein Denken und Handeln ist, das sich nicht einem Gleichgewichtsideal unterwirft. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Mittenwaldbahn von Innsbruck nach Garmisch-Partenkirchen von Wilhelm von Doderer, dem Vater des Schriftstellers Heimito von Doderer, geplant wurde, gab es die Elektrolokomotiven, die nötig waren, um die steile Tunnelstrecke am Martinsberg oberhalb Innsbrucks zu befahren, noch gar nicht. Trotzdem wurde die Strecke für Elektroloks konzipiert und gebaut – im Vertrauen darauf, dass es bis zur Fertigstellung 1912 so eine Lok geben würde. Das Gleichgewicht in der Region wurde – zum Vorteil der Menschen – zerstört und eine neue Dynamik angestoßen. Wo vorher nur Fels war, fuhr nun dank unternehmerischem Wagemut eine Eisenbahn.

Ein auf Gleichgewicht und Nachhaltigkeit fixiertes Denken macht es Unternehmern unmöglich, ihre wichtigste Funktion zu erfüllen, die darin besteht, sich nicht von Vergangenheit und Gegenwart bestimmen zu lassen, sondern aufgrund ihrer Vermutung über das, was in der Zukunft sein wird, zu handeln – sprich zu investieren und zu produzieren. Das Nachhaltigkeitsdenken setzt konstante Präferenzen und Ressourcenausstattung voraus und verordnet Gleichgewicht und Erhaltung eines bestehenden Zustandes. In der Folge wird unternehmerisches Handeln in die Ungewißheit hinein, das die notwendige Bedingung für Weiterentwicklung der Menschheit ist, ausgeschlossen, ja es wird zur gesetzwidrigen, unmoralischen Tat. Dass Nachhaltigkeit schon in der ursprünglichen, nur auf die Forstwirtschaft bezogenen Bedeutung keine Gewähr für gute, wünschenswerte und langfristig positive Ergebnisse ist, zeigt ein Gang in die deutschen Wälder, die nach dem forstwirtschaftlichen Nachhaltigkeits-Prinzip im 19. Jahrhundert angelegt wurden und bis heute bestehen: öde, häßliche, anfällige Fichtenmonokulturen, die eine Karikatur dessen sind, was ein Wald sein kann.

Es ist vermessen zu glauben, wir könnten die Bedingungen, unter denen wir leben, konstant halten. Troja wurde wegen Klimaveränderungen siebenmal aufgegeben und wieder neu besiedelt. Ein Versuch, diese Klimaveränderungen zu verhindern, wäre töricht und erfolglos gewesen. So wie ein Organismus nicht deshalb gesund ist, weil er den Kontakt mit Krankheitserregern vermeidet, sondern weil er stark genug ist, sie zu bekämpfen, so kommt es darauf an, die Anpassungsfähigkeit unserer Gesellschaften zu stärken und möglichst variabel zu halten, damit sie mit sich wandelnden Bedingungen fertig werden. Die Basis dafür ist wirtschaftliche und politische Freiheit.

Der Biologe Hansjörg Küster formuliert es in seinem Buch „Was ist Ökologie“ wunderbar: „Leben heißt sich ändern – eigentlich eine banale Aussage, aber man vergißt sie immer wieder. (…) Menschen wünschen sich das ewige Leben, das Paradies. Im Paradies fließen nicht nur Milch und Honig; dort verändert sich auch nichts. (…) Die Öffentlichkeit wünscht sich Rezepte für eine immer weitergehende Stabilisierung der Lebensverhältnisse und eine Vorhersagbarkeit künftiger Entwicklungen“. Die Simulation von Ökosystemen mittels mathematischer Methoden – auch hier sieht man Hayeks „scientistic error“ am Werk – lege den „Trugschluß nahe, die Zukunft lasse sich exakt planen. Diese Illusion hat zur Verbesserung der Welt in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel Gutes beigetragen“, wie Küster mit der Zurückhaltung des Naturwissenschaftlers formuliert. Doch genau diese Illusion soll nun im Gewand der Nachhaltigkeit die Menschheit ein für alle Mal retten.

Mit der Überdehnung und inflationären Anwendung des Nachhaltigkeitsgedankens auf alle Lebensbereiche der Menschen steuern wir auf einen totalitären Nachhaltigkeitsterror zu. Das ganze Leben droht zur bürokratisch gesteuerten Nachhaltigkeits-Monokultur zu werden. So wie der Sozialismus Wohlstand und Freiheit für alle versprach, aber – außer für eine winzige Funktionärsschicht – Armut und Gefangenschaft für alle brachte, so wird die Nachhaltigkeitsideologie auch das Gegenteil dessen bringen, was sie verheißt. Statt Schönheit, Freude, Wohlstand, Vielfalt, Erkenntnisfortschritt und Freiheit erwarten uns Einfalt, Ödnis, Häßlichkeit, Überwachung, Dumpfheit, Armut, Stillstand.

Der „Nachhaltige Warenkorb“

Was Ludwig von Mises, der große Ökonom der Österreichischen Schule, in seinem Hauptwerk „Human Action“ in bezug die Wirtschaft sagte, gilt erst recht für die Entwicklung der gesamten Welt: Alle Versuche, die Wirtschaftsentwicklung vorherzusagen sind unsinnig und verkennen die Tatsache, daß Handeln immer ins Ungewisse hinein geschieht. Unsicherheit und Veränderung sind die Grundlage jeder Verbesserung. Der Wunsch der Menschen nach Verbesserung ihrer Lebensumstände erzeugt eben die Unsicherheit und ständige Veränderung der Produktionsweisen und damit des Lebens der Menschen, die im Ruf nach Stabilität und Sicherheit beklagt wird. Doch wo Menschen handeln, kann es keine Stabilität geben. Die Menschen möchten, daß es ihnen besser geht – aber zugleich soll alles so bleiben, wie es ist.

An diesem Paradox krankt auch das Warenkorb-Modell, besonders in seiner neuen Nachhaltigkeits-Ausprägung. Da die Wertschätzungen der Verbraucher nicht konstant sind, hat ein Warenkorb keine Aussagekraft. Normativ auf zukünftige Zeiten angewandt, wird er sogar gefährlich, da er ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit – d.h. der wahren Verbraucher-Präferenzen – erzeugt, dadurch Fehlanreize und somit Fehlinvestitionen schafft und in der Folge genau zu dem führt, was er verhindern möchte: Ressourcen-Verschwendung, die die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen verhindert.

Was uns in Zukunft erwartet, zeigt ein Blick in die Broschüre „Nachhaltiger Warenkorb“, eine Art Katechismus der Nachhaltigkeit, die von „nachhaltigen Lebensmitteln“ bis zum „nachhaltigen Investment“ Empfehlungen gibt. Zusammengestellt hat ihn der steuerfinanzierte „Rat für nachhaltige Entwicklung“. Dieser Rat verkündet, es gebe „ohne nachhaltigen Konsum keine nachhaltige Entwicklung“ und verlangt von der Regierung, sie solle „ihren gesamten wirtschaftspolitischen Kurs auf Nachhaltigkeit trimmen“.

In der harmlos klingenden Wendung „auf Nachhaltigkeit trimmen“ kommt die Forderung nach umfassender Kontrolle und Eingriffen in die Wirtschaft wie der Wolf im Schafspelz daher. Dieses Trimmen muss einen hellhörig machen, denn hier äußerst sich der totalitäre Anspruch des Nachhaltigkeitsdenkens. Ein Blick in den „Nachhaltigen Warenkorb“ bestätigt die Vermutung. Im einleitenden Kapitel heißt es: „Eine ideale Welt bleibt vorerst ein Wunschtraum“. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen, denn das „vorerst“ zeigt, worum es letztlich geht: die ideale Welt. Und die soll den Bürgern schließlich von der Regierung aufgezwungen werden, indem diese den wirtschaftspolitischen Kurs auf Nachhaltigkeit „trimmt“.

Der „Nachhaltige Warenkorb“ signalisiert zudem allen, die sich nicht an ihn halten, daß sie sich falsch und das Gemeinwohl schädigend verhalten und erzeugt so einen Konformitätsdruck, der zu Präferenzverfälschungen führt und dadurch die „Botschaft“ des Warenkorbs zu bestätigen scheint, obwohl in Wirklichkeit kaum jemand diesen Warenkorb will, ihn aber nach außen hin akzeptiert, weil er nicht zum Außenseiter werden will. Der „Nachhaltige Warenkorb“ versucht, den Menschen eine Schuldbewußtsein einzuimpfen, denn als neue Form der Gewissensprüfung, ob man „sündig“ handelt, wird gleich zu Beginn auf den „ökologischen Fußabdruck“ und die „CO2-Bilanz“ hingewiesen: „Versuchen Sie Ihre CO2-Emissionen auf zwei Tonnen pro Jahr zu verringern“.

Warum man das tun sollte, wird nicht gesagt, denn das Nachhaltigkeits-Schuldprinzip baut auf der quasi-religiösen CO2-Propaganda auf, die als unumstößliche Gewißheit setzt, dass CO2 etwas Schädliches sei. Wie weit diese Propaganda schon den Verstand vieler Menschen zerstört hat, zeigt eine Überschrift der „Süddeutschen Zeitung“, die allen Ernstes ein „CO2-freies München“ forderte. Und Siemens veröffentlichte im Frühjahr 2009 stolz die Studie mit dem denglischen Titel „Sustainable Urban Infrastructure: München – Wege in eine CO2 -freie Zukunft“. Es ist erschütternd, daß man den Verantwortlichen einer einflußreichen Zeitung und einer angesehenen Stiftung wie einem Schüler erklären muß, daß CO2 eine Grundlage des Lebens auf der Erde ist ein CO2-freies München ein totes München wäre. Der ökologische Furor verdrängt die Vernunft, und die CO2-Hysterie ist ein Mittel der Schuldproduktion. Allein die Tatsache, dass wir leben und atmen, macht uns zu CO2-Sündern.

Noch hat der „Rat für Nachhaltige Entwicklung“ keine Exekutivgewalt, noch ist der „Nachhaltige Warenkorb“ eine Empfehlung, doch was aus solchen Empfehlungen werden kann und sehr wahrscheinlich werden wird, zeigt das Glühbirnen-Verbot der EU: Die Empfehlung von heute ist das Gesetz von morgen, das mit Gewalt und Strafe durchgesetzt wird.

Nachhaltigkeit als neue Spielart des Anti-Kapitalismus

Um die ideologische Bedeutung des Nachhaltigkeitsbegriffs in Deutschland zu verdeutlichen, ist ein Blick in die Geschichte aufschlußreich, denn gerade in Deutschland speist sich das Umwelt- und Nachhaltigkeitsdenken aus einem tiefen verwurzelten anti-liberalen und anti-kapitalistischen Ressentiment. Es ist kein Zufall, dass es die National-Sozialisten waren, die 1935 das erste Naturschutzgesetz in Deutschland erlassen haben. Im Vorwort zum Gesetzestext heißt es: „Nur ein Staatswesen, das die inneren Zusammenhänge von Blut und Boden, Volkstum und Heimat erkennt, das wirklich Gemeinnutz über Eigennutz stellt, vermag auch dem Natur- und Heimatschutz seine Rechte zu geben und ihm seine Stellung ihm Staate einzuräumen“.

Das Reichsnaturschutzgesetz wird als Zeichen der Überlegenheit des Volksgemeinschafts-Staates der NSDAP gesehen, denn „in der liberalistisch-parlamentarischen Zeit“ sei man in dieser Sache nicht weitergekommen. Der Staat weiß besser als die nur auf Eigennutz bedachten entarteten Individuen des Liberalismus, was die „richtige“, dem Gemeinwohl dienende Natur ist.

Der Biologe Hans-Jörg Küster weist auf den Zusammenhang solcher ideologischen Gesetzgebung mit dem Gleichgewichtsdenken hin: „In der gleichen Zeit, in der das Reichsnaturschutzgesetz erlassen wurde, wurden in den Naturwissenschaften Vorstellungen über Gleichgewichte in der Natur entwickelt“. Als Folge dieser Gleichgewichtsvorstellungen wurden typische, stabile Vegetationen definiert und zur „natürlichen Vegetation“ erklärt, d.h. zu der Vegetation, die sich ohne Menschen entwickeln würde. Dieses „angemaßte Wissen“ über die natürliche Natur wurde im Dritten Reich gleich tatkräftig umgesetzt: Der „Reichslandschaftsanwalt“ Alwin Seifert ließ die Ränder der neuen Autobahnen gemäß den pflanzensoziologischen Erkenntnissen mit der „natürlichen deutschen Vegetation“ bepflanzen, denn, so Seifert, „zu allem, was deutschem Wesen nahesteht, gehören Baum und Busch“. Über diese Formulierung lacht heute jeder, der sie hört. Doch Seifert fährt fort: „Die Wiederherstellung des ursprünglichen Reichtums und der einstigen Mannigfaltigkeit ist das biologische Ziel“ – und dieser NS-Forderung würden nicht nur die Nachhaltigkeitsapostel von heute begeistert zustimmen.

In der Annahme, es gebe eine ursprüngliche, vom Menschen nicht beeinflusste „natürliche Natur“ wird eine Denkfigur deutlich, die auch im Nachhaltigkeitsdenken zum Ausdruck kommt: Der Mensch wird – anti-evolutionär – außerhalb der Natur gestellt und seine reine Anwesenheit als Naturzerstörung gebrandmarkt. Hier entfaltet sich ein säkularisiertes Erbsünden-Konzept, das den Menschen allein aufgrund der Tatsache schuldig spricht, daß er existiert. Er soll sich möglichst unsichtbar machen, indem er z.B. seinen CO2-Fußabdruck durch CO2-Ablaßhandel tilgt; seine Existenz muß durch staatliche Kontrolle eingeschränkt werden, damit die Natur sich frei entfalten kann. Im Namen der Natur wird die Freiheit der Menschen zerstört.

Wie immer, wenn vorgegeben wird, dass im Namen des Gemeinwohls gehandelt werde, sollte man auf der Hut sein. Da im Falle der Nachhaltigkeit nicht nur das jetzige Gemeinwohl, sondern auch das künftiger Generationen in Anschlag gebracht wird, gilt doppelte Vorsicht. Den moralisch-erpresserischen Mechanismus, der hier greift, hat Ayn Rand in ihrem Roman „Atlas shrugged“ glänzend dargestellt. In seiner großen Radio-Ansprache sagt John Galt: „Ihr räumtet ein, dass es böse ist, für euch selbst zu leben, doch moralisch, um euer Kinder willen zu leben. Dann räumtet ihr ein, dass es egoistisch ist, für eure Kinder zu leben, doch moralisch, für eure Gemeinde zu leben. Dann räumtet ihr ein, dass es egoistisch ist, für eure Gemeinde zu leben, doch moralisch, für euer Land zu leben. Jetzt beteuert ihr, dass es egoistisch ist, für euer Land zu leben, und eure moralische Pflicht, für die ganze Erde zu leben“.

Die Forderung, es sei jedermanns „moralische Pflicht, für die ganze Erde zu leben“, ist der Kern der neuen Menschheitsbeglückungsideologie namens Nachhaltigkeit, die immer mehr zu einem zentralen politischen Kampfbegriff wird, mit dem Kontroll- und Machtansprüche kaschiert werden. Die große Gefahr, die von der Unbedingtheit solch einer Welt- und Menschheitsrettungsidee ausgeht, hat der Sozialphilosoph Panajotis Kondylis in seinem Buch „Macht und Entscheidung“ formuliert: „Die größten Zerstörungen und Leiden in der bisherigen Geschichte sind nicht von Relativisten, Skeptikern oder Nihilisten verursacht worden, sondern von Moralisten und Normativisten – und zwar im Namen der ‚einzig‘ wahren Religion, der ‚einzig‘ richtigen Politik oder der ‚einzig‘ zur Herrschaft geeigneten Rasse“. Nachhaltigkeit ist so ein „Einziges“, in dessen Namen bald Sonder- und Machtinteressen, die Zerstörung und Leiden bringen, rücksichtslos durchgesetzt werden.

Die Nachhaltigkeitsideologie vernichtet die Voraussetzungen des guten Lebens

Die Praxis des guten und freien Lebens gründet auf dem Gedanken, daß Gewalt im Zusammenleben der Menschen keine Rolle spielen sollte und jeder seine Fähigkeiten nach eigenem Ermessen einsetzen kann, um die von ihm selbst gesetzten Ziele zu erreichen. Wann immer eine Regierung versucht, eine Gesellschaft auf ein von ihr gesetztes Ziel hin ingenieursartig zu „gestalten“, muß sie Gewalt anwenden. Jeden Euro, den sie für diese Zwecke einsetzt, muß sie den Bürgern erst mit Gewalt („Steuern“) wegnehmen. Die Umsetzung der UNO-Nachhaltigkeitsvorgaben führt unweigerlich zu einer enormen Steigerung der Regierungseingriffe – also zu einer Zunahme der Gewalt, die dem freien guten Leben die Luft zum Atmen nimmt.

„Nachhaltiges Handeln bedeutet den Erhalt unserer Lebensgrundlagen auch für nachfolgende Generationen und damit die Verwirklichung von Generationengerechtigkeit“, schreibt der „Rat für Nachhaltige Entwicklung“. Doch „Generationengerechtigkeit“ ist ein Unding, weil sie sich anmaßt zu wissen, welche Bedürfnisse künftige Generationen haben werden. Wer das Wohl jetziger und künftiger Generationen befördern will, muß die Freiheit in allen Dimensionen stärken. Eingriffe in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft durch den Staat, dieses „kälteste aller kalten Ungeheuer“ (Nietzsche), zerstören gerade im Namen der Verantwortung für die Zukunft die Zukunft.

Wenn, wie behauptet, wegen knapper und zu Ende gehender Ressourcen Nachhaltigkeit eine notwendige Bedingung fürs Überleben der Menschheit wäre, dann würden die Mittel der Nachhaltigkeits-Verfechter das Gegenteil dessen bewirken, was beabsichtigt ist. Je knapper die Ressourcen, um so wichtiger ist es, dass das kreative Entdeckungsverfahren des unregulierten Marktes sich unbehindert entfalten kann, dass der Einfallsreichtum produktiver Geister frei tätig werden und so den Wohlstand erhalten und vergrößern kann.

Ludwig von Mises betont in „Human Action“, dass der Alarmismus in bezug auf Ressourcen-„Verschwendung“ unsinnig sei: „Wir wissen nicht, ob spätere Zeitalter dieselben Rohstoffen benötigen wie wir heute. Der Verbrauch von Öl und Kohle steigt zwar ständig an, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die Menschen in hundert oder fünfhundert Jahren andere Methoden zur Erzeugung von Wärme und Energie verwenden werden. Niemand weiß, ob wir uns nicht, wenn wir weniger verschwenderisch mit diesen Vorräten umgingen, vieler Vorteile berauben, ohne dass die Menschen des 24. Jahrhunderts dadurch irgendeinen Nutzen hätten. Es ist nutzlos, für die Bedürfnisse von Zeitaltern vorzusorgen, von deren technischen Fähigkeiten wir nur träumen können.“

Wie unsinnig es ist, die Ressourcen-Bedürfnisse der Gegenwart in die Zukunft hochzurechnen, zeigt ein Beispiel vom Ende des 19. Jahrhunderts. In London wurde damals errechnet, daß die Straßen der Stadt in wenigen Jahren meterhoch mit Pferdeäpfeln bedeckt wären, wenn der Verkehr weiterhin so wachse. Nachhaltiges Wirtschaften im Sinne der UNO-Definition hätte damals bedeutet, mit einem staatlich gesteuerten Programm die Anbauflächen für die Pferdefutterproduktion zu vergrößern und zugleich die Zahl der in der Stadt erlaubten Pferde zu regulieren, damit auch zukünftige Generationen mit Pferdedroschken zur Arbeit fahren können. Dazu ist es nicht gekommen. Statt dessen haben Gottlieb Daimler und Carl Friedrich Benz das Auto erfunden …

Paradoxerweise begünstigt gerade der große materielle Erfolg des Kapitalismus, durch den ein welthistorisch einmaliges Maß an Wohlstand, Freiheit und Selbstbestimmung erreicht wurde, das Entstehen von wirklichkeitsfremden Ideologien. Der Massenwohlstand verhindert die Konfrontation mit der Wirklichkeit. Wer von den Wohlfahrtssystemen alimentiert wird, kann es sich lange leisten, die Grundlagen seines Wohlstandes zu ignorieren, ja zu verachten und gar zu bekämpfen.

Das Tragische an der um sich greifenden Nachhaltigkeitsideologie ist, dass sie beim Versuch, das Leben der Menschen zu verbessern, eben die Grundlagen, die eine Verbesserung möglich machen, zerstört. Die fatale Verschränkung von gutem Willen und daraus folgendem zerstörerischen Handeln hat die kanadisch-amerikanische Schriftstellerin und Philosophin Isabel Paterson 1943 in ihrem Buch „The God of the Machine“ dargestellt: „Das meiste Leid in der Welt wird von guten Menschen verursacht. Nicht durch Zufall, Versehen oder Versäumnis – es ist die Folge ihrer vorsätzlichen Handlungen, die in hohen Idealen gründen und tugendhaften Zielen dienen. (…) Wenn Millionen abgeschlachtet werden, wenn gefoltert wird, wenn Hungersnöte herbeigeführt werden, wenn Unterdrückung die gängige Politik ist, wie es derzeit in vielen Teilen der Welt der Fall ist und wie es häufig in der Vergangenheit war, dann geschieht das auf das Geheiß sehr vieler guter Menschen und gerade durch Handlungen, mit denen diese hehre Ziele zu erreichen glauben“.

Das Nachhaltigkeitsdenken ist gut gemeint, seine Motive sind ehrenwert, doch die verwendeten Mittel führen zum Gegenteil des Angestrebten. Denn die Menschen handeln dann besonders rücksichtslos, wenn sie mit bestem Gewissen handeln und keine Zweifel haben, dass sie Gutes tun. Dann meinen sie auch, dass Zwang gerechtfertigt sei, denn der Zwang dient dem „Gemeinwohl“ und ist nur „zum Besten aller“; der gute Zweck rechtfertigt alle Mittel. Wenn also dem neuen Götzen Nachhaltigkeit mit der tiefsten Überzeugung, Gutes zu tun, Opfer dargebracht werden, dann sind Wohlstand, Freiheit und Vernunft in höchster Gefahr und eine neue dunkle Zeit droht uns.

Von Alfred Hitchcock ist folgende Anekdote überliefert: Auf einer Fahrt durch die Schweiz sah Hitchcock einen Priester, der mit einem kleinen Jungen sprach und diesem dabei die Hand auf die Schulter legte. „Das war der beängstigendste Anblick, den ich jemals gesehen habe“, soll Hitchcock diese Szene kommentiert haben. Er beugte sich aus dem Autofenster und rief: „Lauf, kleiner Junge! Lauf um dein Leben!“

Laufen auch wir, wenn die Nachhaltigkeits-Priester uns die Hand auf die Schulter legen und uns mit ihrer Lehre vergiften wollen, denn es geht um unser Leben, unser gutes Leben.

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