Die Jones-Affäre sollte uns nachdenklich stimmen

Pastor Terry Jones»Die Welt empört sich über Pastor Jones«. So oder so ähnlich lautete der Tenor so mancher Berichterstattung der letzten Tage. Was als Provokation eines einzelnen Fanatikers begann, wurde schnell zu einer Angelegenheit von Weltrang, so scheint es. In jedem Falle lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Entwicklung dieser Dinge zu werfen.

(Eine besonnene Auseinandersetzung – von „Wegbereiter“)

Was ist eigentlich geschehen? Was war so ungeheuerlich, dass es überall in der westlichen Welt Politiker ersten Ranges dazu nötigte, sich mit ungewohnt scharfer Zunge und Holzklotzrhetorik von einem Manne zu distanzieren, von dem sie allesamt noch nie zuvor gehört hatten? Die Antwort hierauf ist augenscheinlich: Jemand tat, was nach unausgesprochenem Konsens innerhalb der zivilisierten Welt strikt zu unterbleiben habe. Jemand leistete sich eine ebenso unnötige wie geschmacklose Provokation gegenüber dem Islam. Kein sympathischer Karikaturist, den man für die Presse- und Meinungsfreiheit hätte einspannen können, sondern nur ein Irrer, der ein paar hundert Exemplare des heiligsten Buches der muslimischen Welt verbrennen wollte.

Wir alle wissen, was passieren würde, kündigte irgendein Mullah in Somalia an, ein paar hundert Ausgaben des neuen Testamentes zu verbrennen. Abgesehen von einer Randnotiz auf den hinteren Seiten mittelmäßiger Lokalblätter und einer Bitte des Papstes um Unterlassung – nichts! Dieser Umstand muss uns freilich verwundern. Und in der Tat, egal ob in der türkischen Stadt Malatya drei Mitarbeiter eines Bibelverlages »fürs Vaterland« massakriert werden, ob im Irak sunnitische Terrorgruppen gezielte Jagd auf Andersgläubige machen, ob in Pakistan dutzende Christen wegen Verstoßes gegen das »Blasphemiegesetz« in Todeszellen auf ihre Exekution warten, ob in Trabzon am Schwarzen Meer ein katholischer Priester oder in Somalia eine italienische Nonne erschossen wird oder aber ob ein jemenitischer Bauer hingerichtet wird, weil er vom »wahren Glauben« abgefallen und zum Christentum konvertiert ist – die Reaktion ist beinahe immer die gleiche: Eine Mischung aus Entrüstung, Ignoranz und Bagatellisierung macht sich unter uns breit. Aber keine deutsche Kanzlerin, kein US-Präsident oder Vizepräsident ist in einem solchen Falle jemals mit der gleichen enthusiastischen Empörung, den gleichen Drohgebärden vor eine Kamera getreten, um seine Verachtung kundzutun.

Ebenso wenig taten dies die Führer der muslimischen Welt – würden sie sonst doch nur schwerlich Zeit finden, ihren Regierungsgeschäften nachzugehen. Auch fällt in der arabischen, wie der westlichen Welt der Protest der muslimischen Bevölkerung eher verhalten aus. Weder im fortschrittlichen Beirut, noch vor dem Brandenburger Tor in Berlin Massenkundgebungen friedlicher Muslime gegen die Gräueltaten islamischer Fundamentalisten. Anders verhält es sich hiermit freilich, sobald ein israelischer Panzer in den Gazastreifen einrollt. Wie sollte hier nicht der Eindruck schweigsamer Duldsamkeit seitens der Mehrzahl der friedlichen Muslime gegenüber ihren radikalen Glaubensbrüdern aufkeimen? Hat man nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht auch den Deutschen eine Gesamtschuld zugeschrieben? Dies geschah, da man nur zu gut wusste, dass auch die friedlichen Bürger, die Zivilisten, erst durch ihre Duldsamkeit den Holocaust ermöglicht hatten. Denn manchmal kann auch Nichtstun sündhaft sein! Vielleicht erklärt eben dies die oft mangelhafte Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus, denn das Bild scheint doch altbekannt: Einerseits Millionen empörter Muslime, die sich innerhalb weniger Stunden weltweit in Protestmärschen organisieren, sobald sie meinen, ihnen sei Unrecht geschehen. Andererseits jedoch die unfassbare Stille, die unheimliche Unbetroffenheit nach grausigen Enthauptungen vor laufenden Kameras, nach dem Abschlachten westlicher Helfer und ganzer Familien im nahen Osten.

Und eben hier schließt sich wieder der Kreis zu Pastor Jones. Denn bei uns im Westen verhält es sich wundersamerweise offenbar umgekehrt. Wir ignorieren das Unrecht wider Angehörige unserer Kultur seitens islamischer Fundamentalisten, erklären es achselzuckend zu einem unbedeutenden Einzelfall nach dem anderen, keiner weiteren Beachtung wert – spucken aber Gift und Galle, wenn einer der Unserigen sich anschickt, einen ähnlichen Akt der Barbarei zu vollziehen. Wie nur ist dies zu erklären? Legen wir bei der Beurteilung von Muslimen einen anderen Maßstab als an uns selber an? Halten wir sie für edle Wilde, denen man unsere Grundwerte nicht zumuten könne und mit denen man sich nicht auf eine Stufe stellen möchte?

Diese Ansicht wäre zutiefst rassistisch und in der Tat eine faustgrobe Beleidigung gegenüber allen friedlichen, gut integrierten Muslimen. Und da ohnehin nicht jeder im Westen, angefangen von Angela Merkel bis hin zu Barack Obama, ein Rassist sein kann, muss es eine andere Erklärung geben. Fühlen wir uns ihnen gegenüber schuldig oder verpflichtet? Haben wir uns einfach nur zu Sklaven politischer Korrektheit gemacht und diese zum Selbstweck erhoben? Sind wir tolerant bis zur Heiligkeit oder schwach und dekadent? Wer vermochte schon hierauf die richtige Antwort zu geben?

Eines jedoch scheint gewiss: Indem wir Xenophobie im großen Stile zu einer Phobie uns selbst gegenüber umkehren, uns selber Rede- und Denkverbote erteilen, uns selbst gegenüber kaum mehr einen Bruchteil der Toleranz einräumen, die wir gegenüber anderen aufbringen, schaden wir unserer westlichen Gesellschaft und Rechtsstaatlichkeit. Wir erreichen das Gegenteil von dem, was wir mit unserem Verhalten wohl intuitiv zu erreichen hoffen.

(Foto © www.islamisofthedevil.com)