“Hart, aber fair”: Von Experten und Cholerikern

Sarrazin und kein Ende. Mit „Deutschland schafft sich ab“ hat er ein Buch verfasst, dem in Deutschland so viel Aufmerksamkeit zuteil wird wie sonst nur einer Bushido-Biographie. Und nachdem sich das GEZ-Fernsehen am vergangenen Montag mit einer völlig indiskutablen „Beckmann“-Sendung blamiert hatte, musste Plasberg gestern abend in „Hart aber fair“ Seriosität zumindest vortäuschen.

(TV-Nachbetrachtung von Linda Lindauer)

Mit dem Publizisten Arnulf Baring wurde Sarrazin ein Sekundant zur Seite gestellt, doch damit das politkorrekte Verhältnis nicht allzusehr gestört wurde, stand es mit dem Politiker Rudolf Dreßler (SPD), der Journalistin Asli Sevindim und Berufstalker Michel Friedman immer noch drei zu zwei. Natürlich hätte man statt Friedman auch Henryk M. Broder oder die promovierte Soziologin Necla Kelek anstelle der No-Name-Reporterin einladen können. Aber wie hätte dann das öffentlich-rechtliche Fernsehen seiner wichtigsten Aufgabe nachkommen können, nämlich den Zuschauer politisch korrekt zu erziehen?

Dabei war die Sendung so vorhersehbar wie ein „Tatort“. Anstatt über Sarrazins Buch oder türkische Straßengangs, über das Mobbing deutscher Schüler durch ihre moslemischen Klassenkameraden oder die Verachtung moslemischer Männer für „unreine“ Frauen, über Kitas ohne Schweinefleisch oder den Bau tausender Moscheen, über kriminelle Araberclans in Berlin oder moslemische Terroristen, die vor dem 11. September 2001 aus Gründen der Political Correctness unbehelligt ihre Anschläge planen konnten, zu reden, wurde wieder einmal ganz bewusst wertvolle Sendezeit mit einer fruchtlosen Debatte über jüdische Gene verplempert.

Streifte die Debatte dann doch eher zufällig die relevanten Themen, wurde schnell abgewimmelt: Sarrazin habe ja in einigen Punkten recht, aber er würde eh nichts Neues sagen, sein Buch sei kontraproduktiv, man stimme ihm im Prinzip zu, müsse ihn aber trotzdem aus Partei und Bundesbank entfernen. Die Verlogenheit trieb Friedman auf die Spitze, der sagte, man würde „seit Jahren und Jahrzehnten“ über die „Migration“ sprechen. Erstens wird über Masseneinwanderung moslemischer Unterschichten – und um die geht es ja – erst seit wenigen Jahren gesprochen. Und zweitens wird diese nicht demokratisch zur Debatte gestellt, sondern uns einseitig und der Realität widersprechend als „Bereicherung“ verkauft.

Auch durfte der Hinweis nicht fehlen, dass man in Deutschland alles sagen dürfe. Sicher darf man das. Nur wenn man dies tut, drohen einem Entlassung, finanzieller Ruin, öffentliche Demütigung und Verleumdung als „Rechtsradikaler“.

Zur Demonstration, dass Sarrazin mit seinem vernichtenden Urteil über die moslemischen Einwanderer unrecht habe, trat die Journalistin Asli Sevindim an. Doch ob sie, die sich in peinlicher Weise echauffierte und sich in unsympathischer Arroganz suhlte, Pluspunkte beim Publikum sammelte, ist fraglich.

Aber da Sevindim die „richtige Meinung“ vertritt, werden ihr auch in Zukunft Auftritte in solchen Talkshows sicher sein. Was hätten sie auch sonst sagen sollen, die Sevindims und Friedmans, die Dreßlers und Plasbergs? Ihr Ruf, ihr Einkommen und ihre gesellschaftliche Position sind zu großen Teilen davon abhängig, dass sie als Vertreter der säkularen Priesterkaste den „Bürgerinnen und Bürgern“ einimpfen, was diese zu denken (und zu wählen) haben. Solche Leute stehen auf der sicheren Seite: Sie treten im Fernsehen auf, gelten als die „Anständigen“ und erzielen ein oft überdurchschnittliches Einkommen (Profit!). Warum sich dann also auf die Seite eines vermeintlichen Außenseiters stellen?

Legionen von Gesellschafts-, Geistes- und Medienwissenschaftlern, TV- und Radiomoderatoren, Künstlern und Intellektuellen, Psychologen und Aktivisten, Politikern und „Striet Wöhrkern“ stehen Gewehr bei Fuß, um sich an den inszenierten Debattenspielen zu beteiligen und Geld- und Reputationskrümel zu erhaschen. Dazu passt auch die eingeblendete Psychologin Elsbeth Stern, die behauptete, Sarrazin habe nichts verstanden. Merke: Wer nicht auf der richtigen Seite steht, ist entweder rechtsradikal oder dumm.

Da half der Sendung auch nicht mehr, dass mit Arnulf Baring ein nicht nur intelligenter, sondern auch ein ehrlicher und wortgewaltiger Recke für einen im Gegensatz zum Montag etwas selbstbewussteren, aber immer noch trockenen Sarrazin Partei ergriff. Nach Barings politisch inkorrekter Philippika musste Plasberg seine Sendung im Sinne der Volksbelehrer beenden. Was eignete sich hierzu besser, als den Gescholtenen noch einmal durch den Kakao zu ziehen? Also griff Plasberg Sarrazins Befürchtung auf, dass in hundert Jahren niemand mehr in Deutschland Goethes „Wanderers Nachtlied“ zitieren kann. Und testete dies an einer Goethe-Schule – voilà: Schon heute, im Jahr 2010, ist keinem Lehrer mehr, geschweige denn einem Schüler, dieses Gedicht bekannt. Natürlich nicht! Da können sich die Achtundsechziger die Hände reiben. Das haben sie fein hinbekommen.

Wer die Sendung verpasst hat:

» Kontakt zur Autorin: linda.landauer@yahoo.de

(Videobearbeitung: Antivirus)