Lehrstück für die Meinungsfreiheit in Deutschland

Sarrazin mit dem österreichischen Journalisten und Autor Dr. Josef ErtlDie Veranstaltung mit Thilo Sarrazin am 15. November in Dortmund war restlos ausverkauft – Restkarten an der Abendkasse? Fehlanzeige! Ich hatte noch ein paar Tage zuvor eine der letzten Karten bekommen. Unten am Eingang ließen Sicherheitskräfte Personen ohne Karte ab 19:45 Uhr nicht mehr ins Gebäude. Einmal drin, erwies sich die Atmosphäre jedoch als sehr angenehm, die Stimmung gespannt, aber positiv.

(Von borussenernie)

Es waren etwa 170 Personen anwesend. Der Abend war gut organisiert. Als Sarrazin den Raum betrat, setzte enthusiastischer Beifall ein. Sarrazin hat Fans. Das Publikum bestand größtenteils aus gut situierten Bürgern um die 50, aber auch aus vielen Jüngeren, ein paar Muslime waren ebenfalls vertreten: ich sah einen Mann in Begleitung zweier Damen mit Kopftuch.

Ich erfuhr, dass der Veranstalter mit dem österreichischen Journalisten und Autor Dr. Josef Ertl (Foto oben r.) Ausgewogenheit durch seine kritische Haltung schaffen wollte, um nicht in den Ruf zu geraten, die Haltung der Filialleitung sei „rechtsextrem“.

Sarrazin war entspannt, gut gelaunt, humorvoll und schlagfertig. Die Aufmerksamkeit und Sympathie des Publikums war zu 90-95% auf seiner Seite. Viel erzählte er über die Entstehung seines Buches. Nach einer Weile unterbrach Ertl, was er aus seiner Sicht für einen Monolog hielt. Es folgten Fragen, u.a. ob es sich bei der Kürzung der neuesten Auflage nicht um einen „Rückzieher“ Sarrazins zu seinen „Thesen“ handele. Sarrazin erwiderte, die Kürzung ließ seine Kernaussagen noch mal deutlicher hervortreten.

Ertl gab seine Beobachtungen bezüglich der Gefühle zugewanderter Mitbürger wieder, die durch Sarrazins Buch hervorgerufen worden seien. Sein Dortmunder Taxifahrer aus dem Iran beispielsweise fühle sich beleidigt. Ertl erinnerte an die Ausländerfeindlichkeit und daran, dass Deutschland ja schon zwei Weltkriege hinter sich hat. Es folgten Buh-Rufe und eine Dame war sichtlich und hörbar erbost: „Das gehört doch jetzt gar nicht hierher!“.

„Mein Fall ist ein Lehrstück für die Meinungsfreiheit in Deutschland und wie man hier damit umgeht,“ sagte Sarrazin. Das Publikum pflichtete ihm anerkennend bei, keiner spricht dem Volk so aus der Seele wie er es tut.

Sarrazin kam zum Thema Einwanderung: Muslimische Länder, von Marokko bis hin nach Afghanistan, weisen unterschiedliche Geschichte und kulturelle Voraussetzungen auf, die Probleme, die mit diesen Menschen im Einwanderungszusammenhang auftauchen, seien aber, bedingt durch den Islam, stets die Gleichen. Als Gegenbeispiel nannte Sarrazin europäische Einwanderer in Amerika: Die erste Generation war auch dort in der Tat eher unter sich, hauptsächlich wegen der Sprache und Kultur. Die Kinder dieser Einwanderer sprachen dann schon einwandfrei Englisch, die Enkel konnten die ursprüngliche Sprache ihrer Großeltern aber kaum noch verstehen.

Er wies im Verlaufe auch darauf hin, dass in Gegenden der Türkei – beispielsweise Anatolien – Inzest zwischen 40 und 60 Prozent liegt, in Gebieten Pakistans und Afghanistans sogar um die 70 Prozent, und dass es bekannt sei, dass in Behinderteneinrichtungen Berlins ein sehr hoher Anteil Kinder und Jugendlicher muslimischer Herkunft sind. Also auch von dieser Seite ergeben sich viele Probleme. Grundsätzlich kam es zwischen Autor und Publikum während der 70-minütigen Veranstaltung nicht zum gewohnten Frage- und Antwortszenario, sondern nur zwischen Moderator und dem Autoren. Vereinzelt gelang es einigen der Anwesenden dennoch, ganz entscheidende Fragen zu stellen: Was er denn von dem Ausspruch Wulffs, der Islam sei ein Teil Deutschlands, halte? Sarrazin antwortete darauf, dass „wenn Migranten für sich das Recht beanspruchen, als Mitglied dieses Landes respektiert zu werden, sollen sie sich auch wie Bürger des Landes verhalten.“

(Winrich, remembervienna und borussenernie von PI-Dortmund schilderten ihre Erlebnisse in einem Dreiteiler. Siehe Teil 1 und Teil 2)