Kann das Christentum die Islamisierung stoppen?

Papst Johannes Paul II. küsst 1999 den KoranDie Anregung zu diesem Essay verdanke ich einem – bei PI konsequenterweise noch erlaubten – Leser-Kommentar, der bei meinem Artikel zur Berichterstattung über Geert Wilders‘ Berliner Rede vom Oktober 2010 abgegeben wurde. Er bezog sich nicht auf den Artikel, sondern auf den Beitrag eines anderen Kommentators, der sich für das Grundgesetz stark gemacht.

(Von Wolfgang Halder)

Dafür bekam er von Leser „Surgeon“ (#87) folgendes zu hören:

„Da ist ja jeder Moslemmensch besser! Das Grundgesetz ist Gott. Du erhebst wohl das Nichts zum Etwas. Sag mir, was ist Dein Lebenssinn? Als Cyborg oder Teufelsanbeter? Schlafen, essen, arbeiten, kacken, Sex haben, Auto fahren, mehr nicht. Das ist alles. Ich sage Dir eins: Du bist es gar nicht mehr wert, dich Mensch zu nennen. Die Atheisten sind die schlimmsten, Tote ohne Geist und Seele. Sie sind so hohl, denn sie haben keine Sinnbedürfnisse mehr. Das Tote reicht ihnen. Jeder Buddhist, Moslem, Hinduist etc. pp ist besser als ein Atheist“.

Etwas vornehmer im Ton, aber gleich in der Sache hat der Schriftsteller und Büchner-Preisträger Martin Mosebach diese Haltung kürzlich in einem Interview zum Ausdruck gebracht:

„Ein gläubiger Muslim steht mir unendlich viel näher als ein deutscher Atheist. (…) Ich kann mir meine Bewunderung und Liebe für Menschen nicht verhehlen, die sich jeden Tag fünf Mal vor ihrem Schöpfer auf den Boden werfen. (…) Eine Gefahr für das Christentum in Europa liegt vor allem darin, dass zu wenige Christen noch Christen sein wollen. Die Gefahren, die der säkularen liberalistischen Kultur vom Islam her drohen mögen, interessieren mich nicht besonders, weil mich säkulare Kultur nicht besonders interessiert“.

Auch Angela Merkel stieß letzten Herbst ins gleiche Horn, als sie in einer Rede feststellte:

„Es ist doch nicht so, dass wir ein Zuviel an Islam haben, sondern wir haben ein Zuwenig an Christentum.“

Kapituliert der Großteil Europas so widerstandslos vor der Islamisierung, weil das Christentum zu schwach geworden ist? Bedürfte es nur einer größeren Dosis Christentums, um die Islamisierung zu stoppen? Ist ein Wiedererstarken des Christentums wünschenswert? Welcher Preis wäre dafür zu bezahlen? – Das sind die Fragen, die ich in diesem Essay beantworten möchte.

Zunächst werde ich die Gemeinsamkeiten aller Glaubenssysteme darstellen – das Christentum ist nur eines davon -, um zu sehen, wozu ein Mehr an Christentum führen würde. Schließlich würdige ich die besondere Rolle, die das Christentum aufgrund seiner Geschichte und seiner derzeitigen Ausprägung im Kampf gegen die Islamisierung spielen könnte.

1. Die Logik der Glaubenssysteme

Martin Mosebachs Zitat eignet sich wunderbar als Startpunkt, denn von ihm aus lässt sich die Logik und Weltwahrnehmung der Glaubenssysteme entfalten, die für die Beantwortung meiner Fragen zentral ist.

1. a) Jeder Glaube ist besser als kein Glaube

Der Katholik Martin Mosebach bewundert Muslime dafür, dass sie „sich jeden Tag fünf Mal vor ihrem Schöpfer auf den Boden werfen“. Mit anderen Worten: Wer sich in blinder Unterwerfung vor einer barbarischen Religion auf den Boden wirft, findet von katholischer Seite Bewunderung; wer – die Errungenschaften einer säkularen liberalen Kultur verwirklichend – aufrecht geht und selbst denkt, der ist für Mosebach nicht von Interesse.

Werden die Mosebachs dieser Welt in „säkularen liberalistischen Kulturen“ wegen Ihrer Meinungsäußerungen verfolgt, verhört, gefoltert, verbrannt, wie es Giordano Bruno im Jahr 1600 widerfahren ist, nur weil er in einigen Punkten anderer Meinung war als die Kirche? Schon ein kurzes Nachdenken über die Bedingungen der Möglichkeit seines eigenen Tuns müsste Mosebach zeigen, dass er etwas für sich in Anspruch nimmt, das es gar nicht gäbe, wenn die Glaubensgemeinschaft, für die er eintritt, noch die einstige Macht hätte. Mosebach kann nur deshalb seine Meinung zu Islam und Atheismus in einem Interview äußern, weil säkular-liberale Atheisten die Meinungs- und Pressefreiheit gegen eben jene Religionen erkämpft haben, die er glaubt verteidigen zu müssen. Hier zeigt sich ein weit verbreitetes Muster: katholisch reden, säkular leben …

An Mosebachs Äußerung gibt sich das erste Merkmal von Glaubenssystemen zu erkennen: Ein Gläubiger ist immer besser als ein Ungläubiger; ganz gleich, woran er glaubt; Hauptsache, es wird irgend etwas geglaubt. Die islamische und christliche Wertungshierarchie sind sich hierin gleich. Oben stehen die Gläubigen der anderen abrahamitischen Schriftreligionen, Polytheisten sind schon deutlich niedriger angesiedelt – und ganz unten stehen die Ungläubigen, die Atheisten.

1. b) Wir und sie

Ein weiteres zentrales Merkmal von Glaubenssystemen ist die doppelte Ethik, das heißt, dass für Mitglieder der eigenen Gruppe andere moralische Maßstäbe gelten als für Nichtmitglieder („in-group morality“ und „out-group morality“). Schon die zehn Gebote galten nur für die eigene Gruppe. Du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsch Zeugnis reden. Und das in bezug auf wen? Auf „deinen Nächsten“. Und „Nächste“ sind nur die Angehörigen der eigenen Gruppe. Gegenüber anderen ist all das erlaubt, was den Angehörigen der eigenen Gruppe gegenüber verboten ist. „Du sollst von Deinem Bruder nicht Zinsen nehmen. Von dem Ausländer darfst du Zinsen nehmen“ (5. Moses 23,20).

Auch Jesus sprach stets nur für die eigene Gruppe, die Juden. „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen“ (Mt 7,6) – sprich: Der Heilsplan darf den verbliebenen Kanaanitern und Samaritern (den „Hunden“) nicht offenbart werden, und die In-group-Weisheit („Perlen“) ist nichts für die ungläubigen Out-group-Schweinefleischesser („Säue“). Der amerikanische Anthropologe John Hartung hat das in seinem Aufsatz „Love thy neighbor – The evolution of in-group morality“ prägnant dargestellt.

So wie es für einen Moslem Glaubenspflicht ist, sich den Ungläubigen gegenüber zu verstellen und diese über seine wahren Absichten zu täuschen („Taqiyya“), bis man stark genug ist, die Ungläubigen zu unterwerfen, so ist es für gläubige Kommunisten selbstverständlich, den Feind zu täuschen und die „nützlichen Idioten“ sogar dabei mithelfen zu lassen, ihre eigene Vernichtung voranzutreiben. Rosa Luxemburgs vielzitierte „Freiheit des Andersdenkenden“ galt nur für andersdenkende Kommunisten, nicht für Bürgerliche.

Der Gläubige sieht sich und seinesgleichen als moralisch höherwertig an, er setzt Glauben mit Moral gleich; ein Mensch, der nicht glaubt, hat demnach keine Moral. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Glaube sich auf Religion, Rasse, Klasse oder Nation bezieht.

1. c) Missionarisches Sendungsbewusstsein

Glaubenssysteme sind nicht zufrieden damit, dass ihre Anhänger nach ihrem Glauben leben, sie wollen, dass andere ebenfalls nach ihrem Glauben leben und setzen diesen missionarischen Drang falls nötig mit Gewalt durch. Auch hier ist es unwesentlich, ob es um den Glauben an den einen Gott oder die historische Aufgabe einer Klasse oder Rasse geht. Da es aus Sicht des Gläubigen um das Wohl und Wehe der ganzen Welt geht, sind Zwang und Gewalt anderen gegenüber für ihn gerechtfertigt.

1. d) Anti-kapitalistisch und anti-individualistisch

Die großen Glaubenssysteme – Islam, Christentum, Sozialismus – haben einen gemeinsamen Feind: Individualismus / Kapitalismus / Liberalismus. Diese drei Begriffe lassen sich beliebig gegeneinander austauschen, denn sie vertreten alle dasselbe: die Freiheit des Individuums, sein Leben nach eigenen Maßstäben zu gestalten und auf eigene Verantwortung zu führen.

Für Glaubenssysteme ist das Individuum nur ein Opfertier. Seine Glückseligkeit spielt keine Rolle, wird im Gegenteil sogar abgelehnt, verachtet, bekämpft. Nur das Opfer für das Kollektiv zählt. Heil gibt es nur in der Kirche. Aus Sicht der Glaubenssyteme kann der einzelne Mensch seinem Leben keinen Sinn geben, er empfängt diesen nur. „Sinn, der selbst gemacht ist, ist im letzten gar kein Sinn. Sinn kann nicht gemacht, sondern nur empfangen werden“, schreibt Joseph Ratzinger.

Ganz gleich, ob es heißt „Allah hat es so gewollt“ oder „Dein Wille geschehe“, ob „Führer befiehl, wir folgen dir“ oder „Die Partei hat immer recht“ – in allen Fällen empfängt der Einzelne seinen Lebenssinn, unterwirft sich einem Kollektiv, verzichtet auf eigene Entscheidungen und ist damit auch frei von aller Verantwortung. Die Unterwerfung unter etwas Größeres, Absolutes, gibt dem Leben des Gläubigen Sinn. Ob dieses Größere jenseitig oder diesseitig ist (Gott, Klasse, Rasse), ist nicht entscheidend, die Persönlichkeitsstruktur und religiöse Weltwahrnehmung, die diese Sehnsucht hervorbringt, ist immer die gleiche. Der Gläubige will nicht selbst denken und wollen – er will gehorchen. Er sucht das, was der Theologe Friedrich Schleiermacher vor bald zweihundert Jahren als die Essenz jeder Religion benannt hat: „das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“.
Hierin kommt primitives Denken zum Ausdruck: Menschen werden nicht als Individuen wahrgenommen, sondern über ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe definiert. Alle Rechte, die sie haben, kommen ihnen nicht selbst zu, sondern nur über ihre Zugehörigkeit zu einem Kollektiv. Dass die verschiedenen Glaubenssysteme sich gegenseitig die Schädel einschlagen, weil jedes für sich beansprucht, das einzig wahre Kollektiv zu sein, liegt in der Logik der Sache und macht die grundsätzliche strukturelle Gleichheit ihrer Welt- und Menschensicht augenfällig.

Das Schlimmste für Gläubige aller Art ist das, was die islamische Organisation Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung) als „tödliche Mischung aus Freiheit und Kapitalismus“ („lethal cocktail of liberty and capitalism“) bezeichnet, der in den westlichen Gesellschaften herrsche. Daher auch die Sympathie der westlichen Linken wie Rechten für den Islam, da er seine anti-liberale, anti-amerikanische, anti-kapitalistische, anti-individualistische und anti-freiheitliche Haltung ebenso deutlich zum Ausdruck bringt wie der Sozialismus in seinen nationalen wie internationalen Ausprägungen.

1. e) Die Weigerung, erwachsen zu werden

Die Fähigkeit, in sich selbst Halt zu finden, sich selbst beruhigen und die eigene Angst bezähmen zu können und sich nicht von der Angst anderer anstecken zu lassen, ist das Kennzeichen des Erwachsenseins. Gläubige bleiben entwicklungspsychologisch stets Kinder („Schafe“), die sich von anderen (Hirten, Führern), die ihnen versprechen, ihnen die Angst zu nehmen, leiten und führen lassen. Gläubige sind unreif, denn sie sind selbst nicht in der Lage, ihre Gedanken und Emotionen zu modulieren, sie sind ihren Gefühlen ausgeliefert, die ihre Urteilskraft überwältigen, so dass sie die Welt als Bedrohung wahrnehmen und Schutz suchen beim großen Hirten.

Für den Gläubigen ist Freiheit etwas Beängstigendes, das ihn dazu zwingt, selbst zu denken, zu entscheiden, zu handeln. Damit wäre er auch für sein Leben verantwortlich. Doch eben das behagt ihm nicht. Er möchte Kind bleiben, an der Hand genommen, geführt und geleitet werden, denn dann ist er von der Last der Verantwortung für sein Leben befreit und kann immer sagen, „der Herr hat es so gewollt“ oder „ich habe nur getan, was man mir befohlen hat“.

Adolf Hitlers „Mein Kampf“ beginnt mit einem Satz, der beispielhaft das Bewusstsein eines Gläubigen zum Ausdruck bringt: „Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies“. Der Gläubige versteht sich als Werkzeug eines größeren Willens, er tut, was ihm von einer höheren Instanz aufgetragen ist, und ist selbst von jeder Verantwortung befreit.

In einer Welt lauter reifer Erwachsener könnten Glaubenssysteme nicht überleben. Deshalb legen alle Glaubenssysteme so großen Wert darauf, Menschen möglichst früh als zu ihrem Kollektiv zugehörig zu kennzeichnen, sie abzurichten und ihnen das entsprechende Brandzeichen zu verpassen. Sie sollen sich gar nicht erst zu einem Individuum entwickeln, das aus eigener Kraft seinen eigenen Weg zur Glückseligkeit sucht, sondern sich über eine Kollektiv-Zugehörigkeit definieren. Islam und Judentum begründen die Zugehörigkeit zu ihrem Glauben biologisch – das Kind eines moslemischen Vater ist Moslem, das Kind einer jüdischen Mutter ist Jude. Im Christentum werden wenige Wochen alte Säuglinge getauft, die Sozialismen sichern sich ihren Möglichkeiten der ideologischen Erziehung durch Kinderkrippen und Jugendorganisationen. In allen Fällen erfolgt keine wohlüberlegte Entscheidung des Kindes für Islam, Judentum, Christentum oder Sozialismus, sondern eine von außen auferlegte, mehr oder weniger gewaltsame Zuordnung.

1. f) Sexualfeindlichkeit

Glaubenssysteme sind besessen von der Kontrolle über den Körper der Frau, diesen „bemerkenswertesten Organismus auf unserem Planeten“ (Desmond Morris), und die Lust, die dieser zu schenken in der Lage ist. Auch daran zeigt sich, dass Glaubenssysteme sich auf einer frühen Entwicklungsstufe der Menschheit befinden, dem Bewusstseinsstand von Stammeskulturen, in denen Frauen als Eigentum der Männer betrachtet werden.

Dass Liebe und sexuelle Anziehung in Verbindung mit dem Wörtchen „Ich“ die größte Gefahr für totalitäre Glaubenssyteme sind, hat Ayn Rand in ihrem dystopischen kleinen Roman „Anthem“ von1938 eindringlich dargestellt. Menschen, die „ich“ sagen, stören das Funktionieren der Glaubenssysteme, deshalb muss jedes Ich aufgelöst werden im Wir des Kollektivs, in der Tyrannei der erzwungenen Brüderlichkeit.

Der Satz „Ich empfinde Lust“ ist für alle Glaubenssysteme der Gipfel des Unerträglichen, denn er verdoppelt das Verbotene: Ein Ich, das Lust empfindet, kann nicht geduldet werden. Im stalinistischen Russland galt sexuelles Vergnügen als „unsozialistisch“ und „konterrevolutionär“ – war mithin lebensgefährlich. Die islamische und katholische Verachtung der körperlichen Lust speist sich aus derselben Quelle. Das Individuum darf sich nicht an sich und seinesgleichen erfreuen. Die entsexualisierende Mao-Uniform entspringt demselben Geist wie die Burka. Der katholischen Forderung nach Kopfbedeckung der Frauen im Gottesdienst, damit der Anblick ihrer Haare die Männer nicht auf „unzüchtige Gedanken“ bringt, liegt dasselbe Motiv zugrunde wie der islamischen Forderung nach der Verschleierung: Angst vor der sexuellen Kraft der Frauen.

Sexualität ist nur erwünscht, wenn Gott oder dem Führer dadurch ein Kind geschenkt wird. Nur als Mittel wird sie in Glaubenssystemen toleriert, nicht als Zweck in sich, als Ausdruck der Lebenslust und Freude an sich und am anderen – „for its own sweet sake“, wie Thomas Hardy es in seinem Roman „Tess of the d’Urbervilles“ so herrlich formuliert.

Frage an Katholiken und Moslems: Warum hat Gott die Frau mit Klitoris geschaffen? Dieses Organ ist für die Fortpflanzung nicht nötig und hat nur die Funktion, Lust zu bereiten. Doch das darf nicht sein. Der in vielen islamischen Ländern betriebenen Genitalverstümmelung bei Mädchen (gern multikulturell „korrekt“ als „Beschneidung“ und „Tradition“ verharmlost), liegt die Verteufelung weiblicher Sexualität zugrunde. Die Frauen, die Opfer dieser „heiligen“ Praxis wurden, können nach wie vor Kinder bekommen, aber ihre Fähigkeit, Lust zu empfinden, ist stark eingeschränkt.

Und noch eine Frage: Warum ist nach katholischer Lehre Unzucht zwischen Mann und Frau schlimmer als eine Vergewaltigung? Der Katechismus der katholischen Kirche gibt die Antwort: „Unzucht ist die körperliche Vereinigung zwischen Mann und Frau, die nicht miteinander verheiratet sind. Sie ist ein schweres Verbrechen gegen die Würde des Menschen“ (Hervorhebung von mir). Und die Vergewaltigung? Sie ist nach katholischer Lehre nur „ein Verstoß gegen die Gerechtigkeit und die Liebe“. (Katechismus 2353 und 2356)

1. g) Gläubige sind Hinterweltler

Die Sexualfeindlichkeit der Glaubenssysteme steht in unmittelbarer Verbindung mit deren Hinterweltlertum. Wie heißt es im Leser-Kommentar, den ich zu Anfang zitiert habe: „Schlafen, essen, arbeiten, kacken, Sex haben, Auto fahren, mehr nicht. Das ist alles“. Die materielle, leibliche Existenz des Menschen wird vom Gläubigen verächtlich gemacht. Diese Welt und der Mensch, wie er ist, ist ihm nicht genug. Es braucht eine andere Welt hinter dieser Welt, die von ihm als die wahre Welt propagiert wird, und erst in dieser kann der Mensch wirklich Mensch sein. Diese Hinterwelt kann ein allumfassendes Jenseits sein wie das Paradies von Islam und Christentum oder ein zeitliches Jenseits wie der vollendete Kommunismus. Stets muss der Mensch im Diesseits leiden und Opfer bringen, damit die Hinterwelt erreicht werden kann, am besten das höchste Opfer, das eigene Leben.

1. h) Zweifel und Kritik sind verboten

Ein weiteres Kennzeichen von Glaubenssystemen ist, dass sie keine Kritik an sich erlauben, ja schon der Zweifel ist verboten. Nicht zufällig verlangt gleich das erste der zehn Gebote laut katholischem Katechismus, „alles zurückzuweisen, was unserem Glauben widerspricht. (…) Freiwilliger Glaubenszweifel besteht in der Vernachlässigung oder Weigerung, für wahr zu halten, was Gott geoffenbart hat und die Kirche zu glauben vorlegt. (…) Wird der Zweifel mit Absicht gepflegt, kann er zu geistiger Verblendung führen“. (Katechismus 2088)

Mit Absicht zu zweifeln, also die für den Menschen essentielle Fähigkeit auszuüben, selbst zu denken, wird auch im Islam nicht gern gesehen. Schon auf der ersten Seite des Korans steht klar und deutlich: „Dies ist die Schrift, an der nicht zu zweifeln ist“. (2:2 nach Paret) Im Vokabular eines weltlichen Glaubenssystems heißt das, „die Partei hat immer recht“, ganz gleich, was der Einzelne in seiner Verblendung denken mag.

Am Anfang der Kultur der Freiheit, die Europa so einzigartig macht, steht der Tod des Sokrates. Er wurde 399 v. u. Z. zum Tode verurteilt, weil er, so die Begründung, „nicht an die Götter glaubt, die der Staat anerkennt“. Das „nicht geprüfte Leben“, und zwar geprüft durch den je Einzelnen, der sein Leben lebt, war für Sokrates nicht lebenswert. Deshalb trank er den Giftbecher, den die Vertreter des religiösen Kollektivs ihm reichten, und schlug die Fluchtmöglichkeit aus. Zweifel und Kritik an Religion bilden das Fundament der Freiheit. Die Gewaltlogik von Glaubenssystemen, die Kritik an sich verbieten und die Menschen, die solche Kritik äußern, physisch vernichten, zieht sich von Sokrates über Giordano Bruno bis zu Theo van Gogh.

Wie es anders geht, zeigt eine Urteil des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, in dem es heißt: „Die amerikanische Flagge steht unter anderem für das Recht, diese Flagge zu verbrennen“. Das ist der entscheidende Unterschied. In einem Glaubenssystem gibt es so ein Recht niemals. Knapper als mit der Antwort eines KZ-Wärters an einen jüdischen Häftling, der eine Frage gestellt hatte, lässt sich die Logik eines Glaubenssystems nicht zum Ausdruck bringen: „Hier gibt es kein Warum!“.

1. i) Der religiöse Weltzugang

Wer Religion kritisiert und auf deren barbarisches Wirken im Namen Gottes hinweist, kann mit absoluter Sicherheit damit rechnen, dass ihm sofort entgegengehalten wird: Und was ist mit Hitler und Stalin, diesen atheistischen Diktatoren!?

Doch diese Entgegensetzung lenkt die Debatte auf ein falsches Feld, denn die entscheidende Trennungslinie verläuft nicht zwischen Theismus und Atheismus, sondern zwischen einer „dezidiert religiösen und einer dezidiert nicht-religiösen Zugangsweise zur Welt“ (Michael Schmidt-Salomon). Kennzeichen eines religiösen Weltzugangs sind heilige Schriften, unantastbare Wahrheiten, absolute Unterwerfung, Vernichtung Andersdenkender, Kritikverbot, Herrschaft durch Angst und Terror. Die Sozialisten aller Couleur haben ebenso einen religiösen Weltzugang wie Christen und Moslems. Der Terror der französischen Revolution entsprang genauso einer religiösen Weltsicht wie die Vernichtungslager, welche die gläubigen Anhänger der politischen Religionen Stalins und Hitler errichtet haben, zutiefst davon überzeugt, dass sie dem Guten dienen.

Auf welcher Basis die Annahme eines Glaubens in der Regel erfolgt, das hat Nietzsche in unvergleichlicherweise Weise auf den Punkt gebracht: „Einen Glauben annehmen, bloß weil er Sitte ist, – das heißt doch: unredlich sein, feige sein, faul sein. – Und so wären Unredlichkeit, Feigheit und Faulheit die Voraussetzungen der Sittlichkeit?“ (Morgenröthe 101). Aus Sicht der modernen Biologie ist Glauben „eine Form, die frühkindlichen Denkgewohnheiten mit in das Erwachsenenalter zu übernehmen“ (Andreas Kilian: Die Logik der Nicht-Logik. Wie Wissenschaft das Phänomen Religion heute biologisch erklären kann, 2010). Ob das im Namen eines Gottes, Führers oder Parteivorsitzenden geschieht, macht keinen grundsätzlichen Unterschied.

2. Meinungsfreiheit

Die Meinungsfreiheit ist der Dreh- und Angelpunkt im Kampf gegen die Islamisierung, an ihr entscheidet sich alles. Die Möglichkeit, Kritik zu äußern, ist die Basis der Freiheit. Zerbricht dieses Fundament, stürzt das ganze Gebäude zusammen. Verlieren die Verteidiger der Freiheiten des Westens den Kampf um die Meinungsfreiheit, ist der ganze Krieg verloren.

Ayaan Hirsi Ali berichtet in ihrem jüngsten Buch „Nomad – From Islam to America: A Personal Journey Through the Clash of Civilizations“, wie ihr während eines Vortrags an einem amerikanischen College ein Mädchen mit Kopftuch zugebrüllt habe, „wer zum Teufel gibt Ihnen das Recht über den Islam zu reden?“. Hirsi Ali musste nicht selbst antworten, denn ein Zuhörer aus dem Auditorium rief: „The first Amendment“, der erste Verfassungszusatz. Mehr muss in den USA nicht gesagt werden.

Der erste Verfassungszusatz der Bill of Rights von 1791 ist die tragende Säule der Meinungsfreiheit. Kein anderes Land kennt solch eine uneingeschränkte Garantie dieses Rechts: „Congress shall make no law abridging the freedom of speech, or of the press“ (Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Rede- oder Pressefreiheit einschränkt.) Welche Klarheit und Knappheit, welche Eleganz und Präszision! (Was waren das für Politiker, die zu solchen Sätzen fähig waren. Man tut ihnen tiefes Unrecht, wenn man sie mit demselben Begriff belegt wie diejenigen, die heutzutage Politiker genannt werden – die Obamas und Merkels, Roths und Gabriels, Putins und Wulffs …)

Die Betreiber der Islamisierung setzen alles daran über UNO, EU und andere Organisationen das Recht der Meinungsfreiheit zu schwächen und zu zerstören. So führen Dschihadisten ihre Prozesse gegen amerikanische Islamkritiker mit Vorliebe von England aus, weil sie so den ersten Verfassungszusatz aushebeln können.

Wie wenig in Deutschland bisher begriffen wurde, an welchem historischen Wendepunkt wir stehen, sieht man daran, worüber hierzulande gestritten wird, wenn es um Meinungsfreiheit geht. Wenn die deutschen Medien für Meinungs- und Pressefreiheit kämpfen, dann meinen Sie ihr Recht auf Voyeur-Berichterstattung über Prominente. So wurde der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 14. September 2010, dass Medien wertend über Parties der ältesten Tochter Carolines von Hannover berichten dürfen, völlig weltfremd als „Stärkung der Meinungs- und Pressefreiheit“ gefeiert.

3. Wofür kämpfen wir, wenn wir uns gegen die Islamisierung des Westens wenden?

Für die Frage, welche Rolle das Christentum im Kampf gegen die Islamisierung spielen kann, ist es entscheidend, die geistesgeschichtliche Grundlage zu erkennen, die die oben zitierte Antwort „The first Amendment“ möglich macht. Der amerikanische Autor Bruce Bawer stellt in seinem Buch „Surrender: Appeasing Islam, Sacrificing Freedom“ die entscheidene Frage: „Lieben wir unsere Freiheiten so, wie sie [die Moslems] sie hassen?“

Diese Freiheiten, das sind Menschenrechte und Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit und Wissenschaftsfreiheit, Gleichheit vor dem Recht und das Recht des Individuums gemäß seinen eigenen Vorstellungen nach Glückseligkeit zu streben. Mit anderen Worten, nämlich denen Thomas Jeffersons: „life, liberty, and the pursuit of happiness“.

Hat das Christentum dazu beigetragen, diese Werte zu verwirklichen? Hat es die Bill of Rights und die in ihr festgehaltenen Freiheiten ermöglicht? War es ein Kämpfer für Glaubensfreiheit und Menschenrechte? All diese Fragen muss man mit einem klaren Nein beantworten. Die Grundlage unserer Freiheit ist nicht christlich. Es kommt nicht von ungefähr, dass im ersten Verfassungszusatz das Verbot, eine Staatsreligion einzurichten im direkten Zusammenhang mit der Garantie der Rede- und Pressefreiheit steht. Die Gründer der ersten säkularen Republik der Menschheitsgeschichte wussten, dass Religionen eben diese Freiheiten nicht wollen; das haben sie aus den Erfahrungen mit den christlich legitimierten Tyranneien Europas gelernt.

All das, was wir heute gegen den Islam verteidigen, ist in einem jahrhundertelangen Kampf der größten Geister Europas unter Einsatz ihre Lebens gegen den erbitterten Widerstand des Christentums errungen worden. Der maßgebende Unterschied zwischen Christentum und Islam ist, dass der Islam rund 600 Jahre jünger ist. Man vergegenwärtige sich den Entwicklungsstand des Christentums im 14. Jahrhundert und sieht sofort die Parallelen zum heutigen Islam. Damals war das Christentum noch genauso ungezähmt und unzivilisiert wie der Islam heute. Man stelle sich eine Diskussion über Christus-Karikaturen im Jahre 1400 vor. Was wären die „Argumente“ der Christen gewesen, die gegen diese „Verletzung ihrer religiösen Gefühle“ mit aller ihnen damals zur Verfügung stehenden Macht vorgegangen wären? Ein Blick in die Geschichte des Christentums gibt die Antwort: Gewalt. Die Logik des Islams – Islam ist die Religion des Friedens, und wer das bestreitet, den töten wir -, war einst auch die Logik des Christentums: Das Christentum ist die Religion der Liebe, und wer das bestreitet, den töten wir.

Papst Pius IX. hat das, was Martin Mosebach die „säkulare liberalistische Kultur“ nennt, 1864 in seiner „Zusammenstellung der hauptsächlichen Irrtümer unseres Zeitalters“ verdammt: Liberalismus, Naturalismus, Rationalismus, Trennung von Kirche und Staat. Die Menschenrechte wurden von der katholischen Kirche erst 1961 widerwillig anerkannt, der Vatikan hat bis heute die Europäische Menschenrechtskonvention nicht ratifiziert. Der Index der verbotenen Bücher wurde erst 1964 aufgehoben. Bezeichnenderweise stand Hitlers „Mein Kampf“, dieses hohe Lied des Hasses und Massenmordes, nicht auf dem Index, während die Werke des Philosophen Baruch de Spinoza, dieses großen Denkers des friedlichen geglückten Lebens, verboten waren.

Dass ein konsequent und nicht lauwarm gelebtes Christentum in letzter Konsequenz ebenso wie der Islam auf die Vernichtung all dessen hinausläuft, was den Menschen zum Menschen macht – Freude, Freiheit, Liebe, Selbstbewusstsein, Geist, Erfindungskraft, selbständiges Denken – hat Ayn Rand 1967 in ihrer brillanten Analyse von Papst Pauls VI. Enzyklika „Populorum progressio“ vor Augen geführt („Requiem for Man“, in „Capitalism: The Unknown Ideal“).

Laut Johannes Müller und Johannes Wallacher, zweier Professoren der katholischen „Hochschule für Philosophie München“, prangert die Enzyklika „in klarer Sprache die Auswüchse eines ungehemmten Kapitalismus und einer individualistisch verkürzten Sicht des Rechts auf Privateigentum ohne soziale Rückgebundenheit an“. Anders gesagt: Die Enzyklika formuliert die großen Übereinstimmungen zwischen Christentum und Sozialismus. Sie liest sich teils wie ein Auszug aus dem „Kommunistischen Manifest“, teils wie aus dem Parteiprogramm der NSDAP von 1920 abgeschrieben:

– „Das Eigentumsrecht darf niemals zum Schaden des Gemeinwohls genutzt werden.“ (Enzyklika)
– „Gemeinnutz vor Eigennutz.“ (NSDAP-Parteiprogramm)
– „Egoistische Spekulationen dürfen keinen Platz haben.“ (Enzyklika)
– „Wir fordern den Rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemeininteresse schädigen“. (NSDAP-Parteiprogramm)
– „… haben sich Vorstellungen in die menschliche Gesellschaft eingeschlichen, wonach das Eigentum an den Produktionsmitteln ein absolutes Recht, ohne Schranken, ohne entsprechende Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber darstellt.“ (Enzyklika)
– „Die Tätigkeit des einzelnen darf nicht gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern muss im Rahmen des Gesamten und zum Nutzen aller erfolgen.“ (NSDAP-Parteiprogramm)

Papst Paul VI. verlangte eine zentrale Wirtschaftsplanung, die den Menschen vorschreibt, welche Ziele sie mit welchen Mittel zu verfolgen haben; freier Handel, der Kern einer liberalen Wirtschaftsordnung, wird abgelehnt. Kurzum: Der Papst redet einem totalitären Wirtschaftssystem das Wort. Dazu Ayn Rand: „Die Enzyklika befasst sich nicht mit dem Individuum, die Einheit ihres Denkens ist der ‚Stamm‘: Nationen, Länder, Völker – und sie spricht über diese, als hätten sie totalitäre Macht, um über ihre Bürger verfügen zu können, als wären Individuen vollkommen unbedeutend. (…) Die Enzyklika ist beherrscht von Hass auf den Geist und Verstand des Menschen. Daher der Hass auf den Menschen, daher der Hass auf das Leben und auf diese Erde, daher der Hass auf die Freuden des Menschen auf dieser Erde, und daher schließlich der Hass auf das einzige Gesellschaftssystem, das all diese Werte in der Praxis ermöglicht: den Kapitalismus“.

Rund vierzig Jahre später setzte Papst Benedikt XVI. diese menschen- und freiheitsfeindliche Tradition fort. In seiner im Juli 2009 veröffentlichten Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ sah er in einer zentral steuernden „Weltautorität“ die Lösung der wichtigen Probleme unserer Zeit: „Um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, einer Verschlimmerung der Krise und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen, um eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen, die Sicherheit und den Frieden zu nähren, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren, ist das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität … dringend nötig.“ Klarer kann man ein weltumspannendes totalitäres Zwangsbeglückungssystem nicht fordern.

Wie sagte Angela Merkel: „Es ist doch nicht so, dass wir ein Zuviel an Islam haben, sondern wir haben ein Zuwenig an Christentum“. Christen beneiden Moslems oft um deren Glaubensgewissheit. Die hatte das Christentum auch einmal. Die Folge dieser Gewissheit in Verbindung mit der Möglichkeit, sie nahezu uneingeschränkt umzusetzen, waren schrecklich, denn wo das Christentum mit derselben Glaubensgewissheit auftreten kann wie der Islam, ist es auch mit denselben Fehlern einer aus barbarischen Zeiten stammenden Lehre behaftet. Heute werden von Christen keine Ketzer mehr verbrannt, aber nicht aus eigener Einsicht in das Verwerfliche solchen Tuns, sondern aus Mangel an weltlicher Macht, die kritischen Stimmen zu vernichten.

Die meisten Menschen, die sich heutzutage Christen nennen, sind so stark säkularisiert, dass sie die Bedrohung durch den Islam nicht erkennen, weil sie ihn als ebenso säkularisiert und gezähmt wahrnehmen wie ihr Christentum und sich überhaupt nicht vorstellen können, dass ein Glaube so tief verwurzelt ist, dass man dafür tötet, obwohl ein Blick in die Geschichte ihrer eigenen Religion ihnen vor Augen führen würde, dass ihr eigener Glaube über viele Jahrhunderte eben das getan hat. Das Christentum hat sich immer nur durch Druck von außen geändert, und dann immer nur so weit, wie es unvermeidlich war, aber keinen Millimeter weiter. Ein mehr an Christentum führt zu weniger Freiheit und mehr Gesinnungsterror – es wäre mehr oder weniger das Gleiche wie die Herrschaft des Islams, nur unter anderem Namen. Das kann also kein Weg sein.

Dass die Bereitschaft zur gewalttätigen Verbreitung des Glaubens auch im Christentum wieder ausbrechen kann, hat man im Oktober 2010 in der Schweiz gesehen: Im Kanton Luzern hatte der Vater zweier Schulkinder die Entfernung der Kruzifixe im Klassenzimmer verlangt. Er berief sich dabei auf ein Urteil des höchsten Schweizer Gerichts, nach dem Kruzifixe in Schulzimmern gegen die religiöse Neutralität verstoßen. Daraufhin hat die Familie Morddrohungen erhalten …

Viele Christen sehen den Islam und auch den Multikulturalismus und Ökologismus als Verbündeten, weil er gleichermaßen gegen weltliche Freiheiten, gegen Kapitalismus und Amerika ist wie sie. Im Kampf gegen dieses „Böse“ sind alle Allianzen erlaubt, denn es gilt die Maxime „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Das kann kurzfristig durchaus Erfolge bringen, mittel- und langfristig ist diese Logik aber verhängnisvoll, denn der Feind des Feindes ist immer nur solange Freund, wie es dem eigenen Interesse dient.

Die westliche Linke wird sich noch umschauen, wie ihr vermeintlicher Freund Islam mit ihr verfahren wird, wenn er erst einmal so stark ist, dass er die Linke im Kampf gegen Freiheit, Amerika, Liberalismus und Kapitalismus nicht mehr braucht und sie ihre Rolle als nützlicher Idiot ausgespielt hat. Dann rollen die Köpfe – und das nicht nur metaphorisch.

4. Warum das Christentum trotzdem wertvoll ist im Kampf gegen die Islamisierung

Kann das Christentum trotz dieses Fazits eine Rolle im Kampf gegen die Islamisierung spielen? Ja, es kann. Ich hätte noch vor kurzem nicht geglaubt, dass ich diese Frage jemals mit ja beantworten würde. Diese neue Einschätzung verdanke ich Ayaan Hirsi Ali. Die Argumente, die sie in ihrem jüngsten Buch „Nomad“ vorbringt, haben mich überzeugt. Hirsi Ali schlägt eine Allianz aus säkular denkenden Menschen und Christen vor, um gemeinsam gegen die Islamisierung zu kämpfen. Diese paradoxe Allianz sei möglich, da die Meinungsunterschiede zwischen diesen Gruppen des Westens heutzutage nur noch zu Debatten führten, aber nicht mehr zu Kriegen. Hirsi Ali erzählt, wie tief erstaunt sie war, dass im Westen Gläubige, Ungläubige und Agnostiker ihre Meinungsverschiedenheiten argumentierend austrügen, ohne gewalttätig gegeneinander zu werden. In der islamischen Welt gebe es das nicht.

Hier schlägt dem heutigen Christentum etwas zum Vorteil aus, was mich in Diskussionen mit Christen immer ärgert: Dass sie ihren Glauben kaum kennen und nicht wissen, was sie alles glauben müssten, um sich wirklich Christ nennen zu können, und sich statt dessen eine im hohen Grade säkularisierte Patchwork-Privatreligion zusammengezimmert haben. Es ist ebenso schwer, einen Katholiken zu finden, der den Katechismus der katholischen Kirche gelesen hat, wie einen Linken, der das „Kapital“ gelesen hat. Beide kennen ihren Glauben meist nur aus zweiter und dritter Hand. Sie glauben an ihre Vorstellung von ihrem Glauben statt an die Inhalte ihres Glaubens.

Mein Lackmustest für Katholiken ist die Transsubstantiation, also die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi während der Eucharistie. Wenn ich einen Katholiken frage, wie denn die Wandlung zu verstehen sei, habe ich bisher ausnahmslos die protestantische Sicht der Dinge zu hören bekommen, sie sei nur symbolisch gemeint. Wenn ich dann sage, dass diese Auffassung vor nicht allzu langer Zeit als Ketzerei gegolten hätte und dass er sich damit nicht als katholisch bezeichnen dürfte, blicke ich nur in fassungslose Gesichter.

Doch der Katechismus beantwortet die Frage eindeutig:

„Im heiligsten Sakrament der Eucharistie ist wahrhaft, wirklich und substanzhaft der Leib und das Blut zusammen mit der Seele und Gottheit unseres Herrn Jesus Christus und daher der ganze Christus enthalten. (…) Durch die Konsekration des Brotes und Weines geschieht eine Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes in die Substanz des Leibes Christi und der ganzen Substanz des Weines in die Substanz seines Blutes“. (Katechismus 1374-1376)

Doch welcher Katholik liest schon den Katechismus der katholischen Kirche?

Früher habe ich mich daran gestoßen, heute sage ich: zum Glück tun sie das nicht. Denn gerade durch dieses Nicht-ernst-Nehmen des eigenen Glaubens kann das Christentum eine Schleusenfunktion haben und dabei helfen, Moslems aus dem barbarischen 7. Jahrhundert ins 21. zu begleiten. Im Kampf gegen die Islamisierung ist gerade jene halbgare säkularisierte Einstellung zur eigenen Religion wertvoll, die die wirklich gläubigen Christen verachten. Dieses Christentum taugt als Mittel, gläubigen Moslems vorzuleben, dass man den Glauben nicht allzu wichtig nehmen muss und trotzdem moralisch leben kann. Zugleich gibt es ihnen die Wärme, die Geborgenheit und den Schutz einer Gemeinschaft, den sie noch brauchen, da sie fast immer aus Gesellschaften kommen, die vom Clan- und Sippen-Ordnungen beherrscht werden.

Religion ist in ihrem Kern ritualisierte Angstbewältigung. Im Islam ist das noch weit stärker ausgeprägt als im Christentum, deshalb sind christliche Rituale, auch wenn sie für die meisten Christen nur noch eine nostalgisch-sentimentale Bedeutung haben, sehr hilfreich dabei, Moslems zu helfen, sich aus dem Würgegriff des tyrannischen polit-religiösen Systems des Islam zu befreien, ohne sich verloren und unmoralisch zu fühlen.

Diese Verwandlung, die im Christentum Jahrhunderte dauerte, müssen Moslems heute innerhalb von wenigen Jahren durchlaufen. Um diesen Sprung allein zu schaffen, muss man aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt sein – so wie Ayaan Hirsi Ali. Wer lange Zeit gefesselt in einem finsteren Kerker gefangen gehalten wurde, der kann, wenn man ihm die Fesseln löst und ihn ins Tageslicht bringt, keinen Freudentanz aufführen, er wird vielmehr zunächst geblendet herumtorkeln, gequält von den Schmerzen, die das Blut beim Hineinströmen in die fast abgestorbenen Glieder hervorruft. Die Freude über die Freiheit kommt erst langsam. Und wenn die Freiheit keine wiedergewonnene, sondern eine zum ersten Mal erfahrene ist, wird die Angst vor der Freiheit, die auch Verantwortung und eigenes Urteilen und Entscheiden bedeutet, dominieren. Freiheit muss gelernt werden!

Hirsi Ali hat ausführlich beschrieben, was das im Alltag bedeutet – vom Tragen einer Hose, das wundersamerweise nicht dazu führt, dass einen der Zorn Gottes in Form eines Blitzes trifft, bis hin zum Verständnis, wie ein Ratenkredit funktioniert. Dabei kann das gezähmte säkularisierte Christentum helfen, denn christliche Gemeinschaften können das Gefühl von Gruppenzugehörigkeit und -wärme bieten und so den sich befreienden Moslems in einer kritischen Übergangszeit Halt und Orientierung geben, bis sie irgendwann so weit sind, dass sie ihre Flügel selbst entfalten und ohne Angst aus eigener Kraft frei fliegen können.

Dann sind sie jenseits aller Glaubenssysteme, die von einer lebensfeindlichen Todesbesessenheit durchdrungen sind und die Menschen mit einem ständigen Memento mori knechten. Dagegen ist das Leben, das von diesen Glaubenssystemen verdammt wird, frei von der Angst vor dem Tod, so wie es Spinoza schon 1675 in seiner „Ethik“ formuliert hat: „Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod, und seine Weisheit ist nicht eine Betrachtung des Todes, sondern des Lebens“.

(Foto oben: Papst Johannes Paul II. küsst 1999 den Koran)