Berlin im Koma – ein „Einzelfall“ als Lehrstück

Der Fall des Malergesellen Sebastian H., der am 11. Februar 2011 kurz vor Mitternacht auf dem Berliner U-Bahnhof Lichtenberg von einer vierköpfigen Gruppe Jugendlicher ins Koma getreten wurde, lässt der Stadt seit Bekanntwerden vor vier Tagen keine Ruhe. Da ähnliche „Einzelfälle“ ansonsten fast täglich als dürre Zweizeiler in den Lokalnachrichten versanden, stellt sich die Frage, aus welchen Gründen das diesmal anders ist. Doch zunächst zu den Fakten.

(Von Bärchen, PI-Berlin)

Die Hetzjagd auf Sebastian H. und der anschließende Gewaltexzess wurden von einer Bahnsteigkamera aufgenommen. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie der 30-Jährige vor den vier Jugendlichen flüchtet, bis sie ihn an der Treppe zum Bahnsteig einholen, hinunter schubsen und unten auf den bereits Liegenden eintreten. Als er sich benommen aufrichtet und an einem Pfeiler abstützt, springt ihn einer der Täter mit voller Wucht an. Dann beraubt er den reglos am Boden liegenden Mann. In weiteren Aufnahmen sollen Passanten auf dem Bahnsteig zu sehen sein, die offenbar weder zu Hilfe gekommen sind noch die Polizei angerufen haben. Bei der Polizei ging insgesamt nur ein einziger Notruf ein.

Das zweite Opfer wurde, nachdem es anfangs fliehen konnte, von den Tätern vor dem Bahnhof erneut aufgespürt und ebenfalls zusammengetreten. Als ein Passant eingriff und – nach Polizeiangaben – eine „klare Ansprache“ machte, ließen die Jugendlichen von ihrem Opfer ab und ergriffen die Flucht. Bei dem Passanten soll es sich um ein Mitglied der Rockerbande „Bandidos“ handeln.

Wiedererkennung dank Gewaltprävention

Ein Polizeibeamter erkannte in den Aufnahmen der Bahnsteigkamera den dunkelhäutigen Schüler einer Klasse wieder, mit der er vor Jahren ein Gewaltpräventionsseminar durchgeführt hatte, so konnten alle vier Täter schnell gefasst werden. Sie entstammen ausschließlich Migrantenfamilien (aus Kenia, Albanien, Kosovo und Irak) und gaben bei ihrer ersten Vernehmung an, der Malergeselle und sein gleichaltriger Kollege hätten sie zuvor mit „Sieg-Heil!“-Rufen provoziert. Diese Behauptung wurde jedoch von der Polizei als „taktische Absprache“ gewertet und von den Beschuldigten alsbald zurückgezogen. Die Attacke – so die Polizei – habe von vornherein darauf abgezielt, Menschen schwer zu verletzen und dann auszurauben.

Die Schwester des in ein künstliches Koma versetzten Sebastian H. schrieb auf ihrer Facebook-Seite an die Täter: „Ich hasse euch abgrundtief… Ich bin Krankenschwester und habe viel Schlimmes gesehen, aber der Anblick meines eigenen Bruders war das Schlimmste und Erschreckendste, was ich je erlebt und gesehen habe.“

Der erste und wichtigste Grund für das anhaltende Medieninteresse und die spürbare Anteilnahme der Bevölkerung an dem Fall dürfte in der Tatsache liegen, dass der Überfall zufällig per Videokamera dokumentiert und anschließend im Internet verbreitet wurde. Ein zweiter Grund ist darin zu sehen, dass es zwei Handwerker in berufstypischer Kleidung getroffen hat, die auf dem Weg vom Feierabendbier nach Hause waren. Da horchen auch Teile der Bevölkerung auf, die sonst von nichts mehr erreicht werden und sich nur noch auf ihren alltäglichen Lebenskampf konzentrieren. Entsprechend breit berichteten die Springer-Boulevardblätter.

Bemerkenswerte Schlussfolgerungen

Und plötzlich deutet auch die Justiz an, dass sie den Rahmen der bestehenden Gesetze ausnutzen könnte, wenn sie nur wollte. Auf einmal bleiben alle vier Jugendlichen, sogar der 14-Jährige, in Untersuchungshaft, auf die doch in unzähligen vergleichbaren Fällen verzichtet wurde, weil ein fester Wohnsitz vorhanden war und „keine Fluchtgefahr“ bestand. Und der Tatvorwurf lautet – man höre und staune – „versuchter Raubmord in zwei Fällen“ (anstatt „gefährlicher Köperverletzung“).

Das ist schon eine der vielen Schlussfolgerungen, die aus diesem Fall zu ziehen sind und die ihn symptomatisch für den Zustand unserer Gesellschaft machen:

1. Ist der öffentliche Druck nur groß genug, kann sich der Bettvorleger Kuscheljustiz kurzzeitig wieder in den fauchenden Tiger verwandeln, der er heutzutage immer sein müsste, um den Rechtsfrieden zu wahren.

2. Der öffentliche Druck in den Medien entsteht hier nur durch die genannten Umstände und wird schnell wieder aufgeweicht. Das DuMont-Blatt „Berliner Zeitung“ suggerierte in einem langen Hintergrundartikel, wenn die Gewaltpräventionsseminare an der Schule der Jugendlichen nicht aus finanziellen Gründen eingestellt worden wären, wäre es möglicherweise gar nicht zu dem Überfall gekommen. Andere Medien rückten eine NPD-Kundgebung anlässlich des Überfalls in dem als rechtsextrem verschrieenen Bahnhofsviertel in den Fokus ihrer Berichterstattung und drückten die bekannte Sorge aus, solche „Einzelfälle“ könnten von Rechtsextremen „instrumentalisiert“ werden.

3. Die wichtige Frage, ob all diese „Einzelfälle“ nicht möglicherweise einen gemeinsamen Hintergrund haben, der „Deutschenfeindlichkeit“ heißt, wurde nirgendwo thematisiert. Stattdessen werden aus dem hohlen Bauch heraus „soziale Probleme“ oder „Versagen der Gesellschaft“ bei der Integration unterstellt.

4. Die Plumpheit und bornierte Blindheit solcher Aussagen spielt perfekt zusammen mit der an den Tag gelegten Raffinesse der vier „Jugendlichen“, die offenbar aufgrund einer vorherigen Absprache versucht haben, die Nazikarte zu spielen. Das zeigt, dass sie den wunden Punkt der deutschen Gesellschaft ganz genau kennen. Die millionenschwere sozialpädagogische Integrationsindustrie und ihre „Schützlinge“ – ein Super-Team!

5. Da in mehreren Zeitungen eilig betont wurde, es handele sich bei ihnen keineswegs um „Intensivtäter“ und sie seien bisher „kaum auffällig“ geworden, stellt sich nach Ansicht der Videoaufnahmen und der offensichtlich wohltrainierten Sprung-, Tritt-und Schlag-„Technik“ die bange Frage, wie oft diese Täter ihr Handwerkszeug bisher schon an anderen Menschen angewendet haben, OHNE dass diese Attacken aktenkundig wurden. Einfach nicht erwischt oder „wegen Geringfügigkeit eingestellt“?

6. Eine Frage an Naika Foroutan, bekannt aus Funk und Fernsehen als weiblicher „Gegen-Sarrazin“: Sind diese Jugendlichen vielleicht Prototypen der von ihr postulierten „Neuen Deutschen“, die sich von den „alten Deutschen“ das holen, was ihnen nach ihrer Meinung in ihrer neuen „HEYMAT“ (hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle) sowieso zusteht? Ganz im Ernst: Bricht sich hier nicht der Neid und der Hass derjenigen Bahn, denen von linksgrünen Politikern, Sozialwissenschaftlern und Islamfunktionären permanent eingeredet wird, sie hätten ein Recht auf „Teilhabe“ an der Gesellschaft, ohne dieser auch nur irgendetwas an Leistung, Respekt, Dankbarkeit etc. zurückgeben zu müssen?

7. Nicht nur der Bahnhof Lichtenberg, sondern weite Teile des Berliner öffentlichen Raumes werden in den Abendstunden zum rechtsfreien Raum, in dem das Recht des Stärkeren herrscht, in dem Banden von „Jugendlichen“ mit spezifisch religiös-kulturellem Hintergrund umherstreifen, die Angst und Schrecken verbreiten und von niemandem angehalten oder kontrolliert werden (und sei es auch nur auf Fahrkarten). Anderslautende Beteuerungen von Verkehrsbetrieben („Es gibt doch auf jedem Bahnhof einen Notrufknopf!“) und Berliner Senat sind der reine Hohn, das weiß jeder, der das Pech hat, in den Abendstunden öfter U-Bahn fahren zu müssen. Dass in dem vorliegenden Fall ausgerechnet ein Rocker den Gewaltexzess stoppte, ist eine besonders bittere Pointe. Möglicherweise sollte überlegt werden, bestimmte Rockergruppen mit Hilfspolizeibefugnissen auszustatten.

Mahnwache von PI-Berlin

Mitglieder der PI-Gruppe Berlin trafen sich am Samstagmittag zu einer Mahnwache im U-Bahnhof Lichtenberg. An der Stelle, an der die Hetzjagd auf Sebastian H. begonnen hatte, brannten zahlreiche Kerzen. Immer wieder kamen Menschen – übrigens verschiedener Hautfarben und Sprachen – und legten Blumen nieder oder lasen sich die spontan an die Pfeiler geklebten Zettel mit Mitleidsbekundungen durch. „Hier wurde grundlos und mutwillig das Leben eines Menschen zerstört“. „Politiker, wacht auf und ändert die Jugendstrafgesetze!“ „Keine Toleranz für Gewalttäter, kein Migrantenbonus!“ Auf einem ausgelegten Flugblatt stand zu lesen: „BERLIN IM KOMA – Rot-roter Senat: abgetaucht, Justiz: versagt, Polizei: kaputt gespart, BVG: baut Bahnhofspersonal ab, Bürger: ducken sich ängstlich weg.“ Besser lässt sich die herrschende Misere in Berlin eigentlich nicht zusammenfassen. Bleibt zu hoffen, dass die momentan aufgeschreckten Bürger ihren Unmut bis zu den Berliner Abgeordnetenhauswahlen im September konservieren und diesen unfähigen Senat abwählen.

Für die PI-Gruppe Berlin war es wichtig, an dieser Stelle Solidarität mit dem Opfer dieser feigen Tat zu zeigen, aber auch in Gesprächen mit Passanten und Fahrgästen darauf hinzuweisen, dass es sehr wohl spezifische Probleme der Gewalt von Migranten gibt, die wenig mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft und viel mit der Sozialisation der Täter in deren Herkunftsgesellschaften zu tun haben. Dabei rannten wir bei der überwiegenden Mehrzahl der Menschen, die jeweils einige Minuten am Ort der Mahnwache verharrten, offene Türen ein. Die Bevölkerung weiß ganz genau, welche „Gruppen von Jugendlichen“ gewalttätig sind, und sie ist dabei klug genug, nicht auf die ausländerfeindlichen Rattenfänger der NPD hereinzufallen.

Ach, übrigens: Der 13-Jährige Kevin, der kurze Zeit später in Reinickendorf einer „kiezbekannten Jugendgang“ auf dem Bürgersteig begegnete, wurde ebenfalls zusammengetreten, weil er „falsch geguckt“ hatte. „Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagte der Vater am Krankenbett seines Sohnes resigniert. Und beim Fall eines 39-jährigen Mannes, der auf einem S-Bahnhof in Lichterfelde von zwei jungen Männern aus Migrantenfamilien niedergeschlagen wurde, griffen diesmal andere Fahrgäste ein und verhinderten Schlimmeres. In beiden Fällen gab es keine Videoaufnahmen.