Das Ende eines raketenhaften Aufstiegs

Das Ende eines raketenhaften AufstiegsSelbstverständlich kann ein Doktortitel, der mal eben so neben dem Bundestagsmandat und als Familienvater verfasst wurde, im Normalfall nicht dieselbe wissenschaftliche Qualität haben wie ein Doktortitel, für den ein intelligenter Mensch drei oder vier Jahre in Vollzeit arbeitet. Der Verteidigungsminister wollte als „intellektuell“ und „wissenschaftlich“ gelten und hat sich damit selbst offensichtlich überfordert. Er hat dann gemogelt und bei anderen abgeschrieben, um dennoch einen Doktortitel tragen zu können. Dabei wurde er erwischt und musste nun höchst beschämt mitansehen, wie sein Fehlverhalten offengelegt und seine Doktorarbeit zerpflückt wurde.

(Kommentar von gaffelketsch)

Es hat mit Sicherheit eine Menge Arbeit gemacht, mehr als 250 aus dem Internet zusammengegoogelte Absätze und Ausarbeitungen in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Auch die Strukturierung der Arbeit, die Integration eigenständig formulierter Textpassagen und die elegante Verbindung der zahlreichen Puzzleteile ist eine erbrachte Leistung, zumal das gewählte Thema und der Umfang der Arbeit respektabel sind. Dennoch ist völlig klar, dass ein Doktortitel bei diesem Ausmaß an Abschreiberei nicht zu halten ist. Man hätte ihn sowieso nur noch belächelt, sobald der Doktortitel jemals wieder erwähnt worden wäre. Der dauerhafte „Verzicht“ auf das Tragen des Titels ist also selbstverständlich, auch wenn das Verfassen trotz aller Plagiate große Anstrengung gekostet hat. Die Rückgabe des Titels mag „schmerzen“, aber sie ist mehr als angemessen.

Die Frage ist nun, ob er dadurch auch als Verteidigungsminister zurücktreten muss oder gar generell für jedes politische Amt disqualifiziert ist. Völlig klar ist, dass die Oppositionsparteien das allesamt fordern, immerhin ist Guttenberg der laut Umfragen beliebteste Politiker und damit das Faustpfand, das die Regierungsparteien bei den anstehenden Landtagswahlen in Mandate und Pöstchen einlösen will. Genau wie damals, als Ex-Außenminister Joschka Fischer, ebenfalls seinerzeit beliebtester Politiker, als Polizistenprügler in die Kritik geraten ist. Genau wie bei der Kundus-„Affäre“ und bei den Vorgängen um die „Gorch Fock“ versuchen die jeweiligen Oppositionspolitiker, die überwältigende Beliebtheit eines Ministers in der Öffentlichkeit ein Stück zurückzudrängen und attackieren offensiv. Rücktrittsforderungen der Opposition sind aber so inflationiert, dass man wenig bis nichts darauf geben kann.

Ebenso klar ist, dass die Politiker der Regierungsparteien versuchen, Guttenberg zu beschützen. Immerhin ist er der einzig vorzeigbare Spitzenpolitiker der CSU neben einem angeschlagenen, unberechenbaren Populisten namens Seehofer, neben einem sich selbst überschätzenden, heiße Luft produzierenden Nachwuchstrampel namens Söder und einigen farblosen und relativ uncharismatischen Nebendarstellern (Ramsauer, Friedrich, Herrmann, Dobrinth). Die CDU hat auch ein Problem, denn unter Merkel ist die Partei mehr denn je ohne Profil, ohne Kompass, ohne politische Richtung. Nahezu alle politischen Persönlichkeiten sind abhanden gekommen, übrig bleiben nur Merkel-getreue Ja-Sager. Der einzige erkennbare Lichblick war bislang Minister Guttenberg, dessen demoskopischen Glanz man bei den anstehenden Wahlterminen dringend in Wählerstimmen umsetzen wollte. Auch Merkel braucht den Strahlemann, um nicht noch vernichtendere Niederlagen befürchten zu müssen, welche die Koalition ernsthaft gefährden könnten. Die FDP muss gute Miene zum bösen Spiel treiben und Guttenberg stützen, um die Koalition nicht zu gefährden.

Keine Frage, wäre es ein anderer Minister als Hoffnungsträger Guttenberg, hätte die betreffende Person längst ihren Hut nehmen müssen. Ebenso klar ist, dass dasselbe Vergehen eines offensichtlichen wissenschaftlichen Betrugs bei einem SPD-Minister in einer SPD-geführten Bundesregierung massive Rücktrittsforderungen und Empörungen aus Union und FDP gehagelt hätte. Und das mit Recht.

Der eigentliche Skandal aber ist, dass Guttenberg auch heute noch wiederholt behauptet, er habe „Fehler gemacht, aber nicht wissentlich getäuscht“. Will er ernsthaft behaupten, er habe nicht gewusst, dass man fremde Texte ohne Quellenangabe nicht einfach in die eigene Arbeit hineinkopieren und als Eigenleistung ausgeben darf? Selbst die meisten Schüler wissen das und spätestens bei der ersten Hausarbeit bzw. Seminararbeit im Studium lernt man dieses Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens. Er ist nicht so ahnungslos und wusste selbstverständlich, dass er etwas tut, was man eigentlich nicht tun sollte. Nun ist er erwischt worden und sollte spätestens jetzt zugeben, dass es ihm höchst peinlich ist, wie sein offensichtlicher akademischer Täuschungsversuch öffentlich ausgebreitet und ausgeschlachtet wird. Stattdessen beharrt er darauf, nicht wissentlich getäuscht zu haben, obwohl er durch zahllose kopierte und teilweise minimal abgeänderte Textpassagen längst der absichtlichen Täuschung überführt worden ist.

Man könnte die Frage stellen, ob Guttenberg ohne den erschlichenen Doktortitel, also als Jurist ohne zweites Staatsexamen, auch diese furiose Karriere hätte hinlegen können. Hätte er bei Wahlen vielleicht ein paar Erststimmen weniger bekommen ohne den Doktortitel auf dem Wahlplakat? Wäre er trotzdem Vorsitzender im Außenausschuss geworden mit weniger als 35 Jahren? Wäre er Generalsekretär der CSU geworden? Hätte man ihn ohne Doktortitel und geschönten Lebenslauf während der Finanzkrise zum Bundeswirtschaftsminister befördert? Wäre er trotzdem Verteidigungsminister geworden? Selbst wenn Guttenberg heute seinen Titel verliert, kann man nicht ausschließen, dass er letztlich doch von der Täuschung profitiert hat. So wie eine Mondrakete, die nach dem Verlassen der Athmosphäre ihre Trägerraketen abwirft, ohne die sie die Erdanziehungskraft niemals hätte verlassen können. Ist der ermogelte Doktortitel eine solche Trägerrakete für die Karriere des Astronauten Guttenberg gewesen?

Es wäre respektabel gewesen, wenn Guttenberg etwas früher seine Verfehlung zugegeben hätte. Eigentlich ist es selbstverständlich, dass er den gescheiterten Täuschungsversuch wenigstens jetzt zugibt und nicht weiter abstreitet. Es hätte ihm gut zu Gesicht gestanden, wenn er Angela Merkel seinen Rücktritt zumindest demütig angeboten hätte. Das hat er nicht getan und die deutsche Öffentlichkeit wird das nicht vergessen.


(Hinweis: Gastbeiträge geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion wieder. Wenn Sie selber einen Artikel beisteuern wollen, schreiben Sie uns: info@blue-wonder.org)