„Free Speech Society“?!

Sarrazin-Lesungen sind schon von weitem auszumachen: Menschenpulks und aufgeregte Demonstrantenhäuflein, die genauso aufgeregte Plakate mit der Wahrheit hochhalten und mit sich überschlagender Stimme die Menschheit bekehren möchten. An der Innenstadt-Nobeladresse Aldwych wurde die London School of Economics and Political Science somit bereits von einer großen Menge an Interessierten belagert, die die von der dort beheimateten German Society gesponsorte Diskussionsveranstaltung mit Thilo Sarrazin, Henryk M. Broder, dem ehemaligen Spiegelredakteur Hellmuth Karasek und dem Vorsitzenden des Milli Görüs- und DITIB-geprägten Islamrates in Deutschland, Ali Kizilkaya, gerne besuchen wollten. Das Event sollte moderiert werden vom Journalisten und Bestsellerautor Jan Fleischhauer. Zweifelsohne eine interessante Veranstaltung in einer weltoffenen Stadt.

(Ein Fotobericht aus London von B. Sham)

Die Veranstalter sowie die zahlreichen wartenden Interessenten fanden sich zuerst einmal bedrängt von einigen Demonstranten, was so weit ging, dass die Versammlung kurzfristig in das allerdings auch nicht zu verachtende Hilton-Hotel umzog, wo gleichzeitig die immer größer werdende Zahl der Zuschauer Platz fand. Entsprechend der englischen Tradition wurden die Eintrittskarten – übrigens gratis, da gesponsort – völlig ohne Gesichts- oder Gesinnungskontrolle verteilt.

Somit konnte ein gratis teilnehmender junger Do-Gooder (engl. für Gutmensch) gleich einmal nahe der Bühne versuchen, mit wirren, aber eben auch lautstarken Anliegen die Versammlung zu sprengen. Gegen das Versprechen, nicht mehr weiter zu stören, wurde der junge Mann nicht von der Security hinausbefördert, sondern durfte sogar im Saal verbleiben: ein liberal und mit Stil agierender Veranstalter.

Nach den Einführungsworten und Erläuterungen von Verspätung, Wechsel des Versammlungsortes und des dadurch aufgetauchten Problems mit der Technikausstattung des Simultandolmetschens im bis auf den letzten Platz gefüllten neuen Veranstaltungssaal konnten die jungen Studenten der LSE, die viel Freizeit und Herzblut in die Vorbereitungen gesteckt hatten, nun endlich die Bühne freigeben für die eingeladenen Diskussions-Gladiatoren.

Unter der gelassenen, humorvollen Moderation von Jan Fleischhauer wurden erst einmal die Eingangsstatements gesammelt, nämlich ob sie, die Podiumsdiskutanten, hinsichtlich der Einwanderungsfolgen eher Apokalyptiker oder Optimisten seien. Henryk M. Broder startete mit dem launigen Statement, dass bereits das Nachgeben und Wechseln des Versammlungsortes ein Indikator für das vorherrschende Appeasement-Denken sei. Die britische Armee würde die Schlacht von El Alamein wohl heute nicht mehr gewinnen, weil sie dort die Gefühle der Araber nicht verletzen dürfe.

Ali Kizilkaya war naturgemäß optimistisch und sprach wortwörtlich von der gegenseitigen Bereicherung durch die türkische Einwanderung, ohne allerdings die Bereicherungsdetails im einzelnen näher zu benennen, während Thilo Sarrazin die Notwendigkeit der nachdrücklichen „Gestaltung des Wandels“ unterstrich und keine Zweifel an dessen zwangsläufigem Einhergehen mit derartiger Einwanderung ausdrückte. Die positiven Seiten („Bereicherung“) konnte er ebenfalls nicht so sehen. Sie, die Einwanderung sei wohl nicht direkt der Untergang, aber das Europa, das die meisten von uns lieben, würden wir bald nicht mehr wiedererkennen. Während Hellmuth Karasek nach einigen wolkigen Einlassungen zu Spenglers Untergang des Abendlandes pragmatisch schloß, dass er wohl aus Altersgründen das Schlimmste nicht mehr erleben werde, betonte der selbsternannte Kosmopolit Broder, dass nicht Einwanderung an sich schlecht sei, sondern wir es mit einer gezielten Einwanderung des Islams zu tun hätten. Im übrigen habe er für sich bereits eine Burka erworben. Sicher ist sicher. Kizilkaya gab natürlich, man ist ja geübt, durchaus kleinere Probleme bei der islamischen Integration zu, verkehrte es aber geschickt ins Gegenteil durch die Behauptung, dass erst die Nichtakzeptanz von islamischen Bräuchen zu Ausgrenzungs- und Diskriminationsgefühlen bei den Türken führen würde, wobei die mitgebrachte Gattin, die sich unter den Honoratioren in der ersten Sitzreihe aufhielt, anscheinend wenig Probleme damit hatte.

In der Kürze der 50-minütigen Podiumsdiskussionszeit wogten die mehr oder weniger bekannten Argumente hin und her. Sarrazin betonte die Stichhaltigkeit seiner Thesen und forderte die Reihenfolge von ruhiger Analyse, Sachkenntnis und erst später einer Umsetzung qualifizierter Maßnahmen ein. Kizilkaya verfiel in das in seinem Kulturgreis nicht untypische Klagen über Ausgrenzung, Benachteiligung, Schichtenprobleme und Bildungsdeprivation und mochte die Vorhaltungen, dass sämtliche anderen Gastarbeitergruppen fast ausnahmslos besser integriert darstünden, selbstverständlich nicht auf Ursachen bei seinen Landsleuten beziehen.

Insofern plätscherten die 50 Minuten unterhaltsam, aber auch undramatisch dahin. Mit gut verpacktem Wehklagen durch Kizilkaya, gelegentlich von zumeist gelungenen Scherzen Broders aufgepeppt, mit Fakten von Sarrazin bestmöglich untermauert sowie von Karasek bisweilen von weitsphärischen Überlegungen überlagert, die Fleischhauer nachdrücklich aber elegant einfing.

In der dann folgenden offenen Publikumsdiskussion zeigte sich, dass zahlreiche „wer-in-der-Jugend-nicht-rot-ist“-Diskutanten sehr zum Ärger der an einer tiefergehenden, sachkundigen Auseinandersetzung interessierten Teilnehmer begannen, die Diskussionsveranstaltung quasi zu „hijacken“; gut zu erkennen an hoher Erregtheit, überschlagender Stimme und einem sehr begrenzen Faktenhorizont. Zum Glück waren wohl zahlreiche der schrill-erregten „Diskutanten“ eher dem kritiklosen „One-World-Glaubenbekenntnis“ zuzurechnen und nicht so sehr dem akademischen Wirtschafts- und Politikeliten-Umfeld aus dieser eigentlich renommierten Anstalt.

Zwischendurch platzte Broder auch schon mal der Kragen, was sich so zeigte, dass er einem besonders rechthaberischen, erregten Dauerredner anbot, ihn ein „Riesenarschloch“ zu nennen, wenn er sich nicht mit seinen Beiträgen sachlicher, kürzer und themenbezogener fassen würde. Die Telefonnummer seines Anwaltes bot er gleich mit an.

Zum Schluss verplapperte sich noch eine eigentlich ganz souverän erscheinende Fragerin aus dem Publikum: im Vorfeld der Veranstaltung habe die „Free Speech Society“ der Lehranstalt ja mit allen Mitteln versucht, die Podiumsdiskussion zu verbieten oder sonstwie zu unterbinden. Das sei aber leider nicht gelungen. Da war selbst Broder beinahe sprachlos.

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