Sapere aude – Gorch Fock!

Die Gorch Fock manövriert zwischen zwei Eisbergen am St. Lawrence Golf vor der Küste KanadasVor einigen Monaten kam es zu einem tragischen Unglück auf dem Segelschulschiff Gorch Fock. Der Presse war dieses Unglück damals ein paar Randnotizen wert. Erst das böse Wort von der Meuterei, Monate später durch den Wehrbeauftragten in Umlauf gebracht, regte die Phantasie von ein paar Bildzeitungs-Redakteuren derart an, dass man in den Redaktionsstuben dieses Blattes beschloss, eine Kampagne gegen die Gorch Fock zu fahren und damit auch den Verteidigungsminister einem neuerlichen Streßtest auszusetzen.

Das Blatt ist zwar weniger für den Wahrheitsgehalt seiner Meldungen, dafür aber umso mehr für die Massivität seiner Kampagnen bekannt, und so wurde in den darauf folgenden Tagen eimerweise Schmutz über das Schiff gegossen. Dadurch wurde der Ruf dieses einst so stolzen Schiffes möglicherweise irreparabel beschädigt.

Im letzten Jahr gab es immer wieder Anzeichen dafür, dass die Menschen in diesem Lande sich auch von der veröffentlichten Meinung, die man hierzulande so zu haben hat, emanzipieren können. Selbst massivste Kampagnen sämtlicher Medien konnten zum Beispiel den Erfolg eines Sarrazin nicht verhindern.

„Selber denken!“ war ein Ideal der Aufklärung. Und das erfährt zur Zeit eine erstaunliche Renaissance. Die Kampagne gegen die Gorch Fock mag ein kleines Beispiel sein. Aber sie ist ein gutes Beispiel. Denn wenn sich der Pulverdampf gelegt hat, wird ein tragischer Unglücksfall mit Todesfolge übrig bleiben. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Denken wir also selber und lassen nicht zu, dass der Mythos Gorch Fock zerstört wird. Denn der ist einer der letzten positiven Mythen, die dieses Land überhaupt noch hat. Und genau das ist wohl auch der Grund für diese Kampagne.

Hier ein Offener Brief von PI-Leser Yorck Tomkyle an Verteidigungsminister zu Guttenberg:


Herrn Bundesverteidigungsminister
Dr. jur. Freiherr zu Guttenberg
Bundesministerium der Verteidigung
Stauffenbergstraße 18
10785 Berlin

Betreff: Gorch Fock

Sehr geehrter Herr Minister Dr. Freiherr zu Guttenberg,

wie Sie aus meiner Adresse ersehen können, lebe ich zur Zeit in Bayern, einem Bundesland, dem Sie sich in besonderer Weise heimatlich verbunden fühlen..

Meine Heimat, in der ich aufwuchs liegt jedoch bei Kiel an der Kieler Förde. Bei uns im Hausflur hing ein großes Schwarz-Weiß-Bild der Gorch Fock. Es hing dort so weit meine Erinnerung zurückreicht, und meine Eltern waren nicht die einzigen, die ein Bild von diesem Schiff bei sich zu Hause hatten.

Wenn die Gorch Fock in ihren Heimathafen einlief, waren wir Kinder schon Tage vorher aufgeregt und jeder von uns wollte sie sehen, wenn sie so unter vollen Segeln übers Meer herangeschwebt kam. Wenn sie im Hafen lag, pilgerten die Kieler an den Kai, um sie aus der Nähe sehen zu können. Wenn sie während der Kieler Woche in Kiel lag, führte sie selbstverständlich die Windjammerparade dieses größten Seglerfestes der Welt an – dann waren die Ufer an der Kieler Förde schwarz von Menschen und es ging ein Raunen durch die Menge, wenn unser Schiff stolz vorbeisegelte. Und wie stolz waren wir alle, als sie schließlich sogar einen Geldschein der alten Währung zierte!

Was ich damit sagen will? Dieses Schiff ist viel mehr als nur ein Schiff oder eine Schlagzeile in der Bildzeitung. Dieses Schiff ist das Symbol und der Stolz einer ganzen Region! Einer Region, der es in den letzten Jahren sehr viel schlechter ging als vielen Regionen in Bayern und die daher solche Symbole vielleicht auch etwas nötiger hat.

Sie haben in den letzten Tagen auf eine Kampagne in der Bildzeitung reagiert, indem Sie den Kapitän entließen und die Funktion der Gorch Fock als Segelschulschiff der Marine und Botschafterin Deutschlands in der Welt in Frage stellten. Möglicherweise wollten Sie mit diesen drastischen Entscheidungen eine weitere Medienkampagne (Kunduz) bereits im Keim ersticken. Politisch mag so ein Vorgehen vielleicht sogar opportun sein.

Bitte bedenken Sie aber auch, dass der Kapitän der Gorch Fock ein beliebter Marineoffizier in sehr prominenter Position ist, der es verdient hat, erst am Ende einer fairen Untersuchung be- und dann vielleicht auch verurteilt zu werden. Bedenken Sie aber vor allem, dass die Gorch Fock nicht einfach nur ein Schiff ist wie alle anderen; eine unbedeutende Verfügungsmasse, die man im Rahmen der politischen Scharaden und Schachzüge beliebig aus- und abschalten kann.

Die Gorch Fock gehört nicht nur jedem heimatverbundenen (und Sie als Franke und Oberbayer wissen, was Heimatliebe ist) Nordlicht, nein, sie gehört auch mit zum kulturellen Erbe der Bundesrepublik. Und sie ist als weltweite Botschafterin für unser Land sicher weiß Gott besser geeignet, als so mancher Vertreter der politischen Klasse.

Hier ist größte Behutsamkeit angebracht und kein vorschnelles „Durchgreifen“, weil es der Presse gefällt. Es ist ein schwerer politischer Fehler, dieses Schiff, das immer für das „gute Deutschland“ stand, zu diskreditieren, weil es ein paar Schmierfinken von der Bildzeitung gefällt.

Es wäre deshalb nicht verwunderlich, wenn die Popularitätswerte eines Ministers, der sich an diesem Schiff vorschnell vergreift, deutlich sinken.

Hochachtungsvoll,

Tomkyle

(Foto oben: Die Gorch Fock manövriert zwischen zwei Eisbergen am St. Lawrence Golf vor der Küste Kanadas)