Dalrymple: Die Frivolität des Bösen (1)

Meine Patientin hatte schon drei Kinder von drei verschiedenen Männern, keineswegs ungewöhnlich unter meinen Patientinnen oder überhaupt im ganzen Land. Der Vater ihres ersten Kindes war gewalttätig, und sie hatte ihn verlassen; der zweite starb bei einem Unfall mit einem gestohlenen Auto; der dritte, mit dem sie zusammenlebte, hatte gefordert, daß sie seine Wohnung verlasse; eine Woche, nachdem das gemeinsame Kind geboren war, beschloß er, nicht mehr mit ihr zusammenzuleben. (Die Entdeckung der Inkompatibilität eine Woche nach der Geburt eines Kindes ist nun so weit verbreitet, daß es bereits statistisch normal ist.)

Sie hatte niemanden mehr, so kam sie ins Hospital, wohl daß wir ihr eine Wohnung besorgen. Sie konnte nicht zurück zu ihrer Mutter wegen einem Streit mit dem „Stiefvater“, dem momentanen Freund ihrer Mutter, der nur neun Jahre älter war als sie und sieben Jahre jünger als ihre Mutter. Diese Kompression von Generationen ist heute auch ein allgemeines Muster und selten eine Quelle des Glücks. (Man braucht nicht extra hinzufügen, daß ihr eigener Vater seit ihrer Geburt verschwunden war und seither nicht mehr gesehen wurde.) Der aktuelle Freund in dieser Sorte Haushalt will entweder die Stieftochter um sich herum, um sie sexuell zu mißbrauchen, oder er will sie aus dem Haus, weil sie ihn ärgert und nur kostet! Dieser Freund wollte sie aus dem Haus.

Der Vater ihres ersten Kindes hatte natürlich ihre Ungeschütztheit gleich bemerkt. Ein sechzehnjähriges, alleinstehendes Mädchen ist leichte Beute. Er schlug sie vom ersten Tag an, betrunken, besitzergreifend, eifersüchtig, selber aber schamlos untreu. Sie dachte, ein Kind würde ihn verantwortungsbewußter machen – ihn ernüchtern und beruhigen. Es hatte den umgekehrten Effekt. Sie verließ ihn.

Der Vater des zweiten Kindes war ein Karriere-Krimineller, schon mehrmals im Gefängnis. Ein Drogenabhängiger, der jede Droge nahm, die er kriegen konnte, er starb unter Drogeneinfluß. Sie hatte alles über seine Vergangenheit gewußt, bevor sie mit ihm ein Kind hatte.

Der Vater ihres dritten Kindes war viel älter als sie. Es war er, der vorschlug, ein gemeinsames Kind zu haben – er verlangte es sogar als Voraussetzung, daß er bei ihr blieb. Er hatte schon fünf Kinder von drei verschiedenen Frauen, von denen er keine auch nur im Geringsten unterstützte.

Die Voraussetzungen für die Fortsetzung des Bösen waren nun komplett. Sie war eine junge Frau, die nicht lange allein bleiben wollte ohne Mann, aber mit bereits drei Kindern würde sie genau die Sorte Mann anziehen (wie den Vater ihres ersten Kindes, von denen es heute viele gibt), die nach ungeschützten, ausbeutbaren Frauen suchen. Äußerst wahrscheinlich wird mindestens einer ihrer zukünftigen Freunde (unzweifelhaft wird noch eine Reihe dazukommen) ihre Kinder sexuell, physisch oder auf beide Arten mißbrauchen.

Sie war natürlich ein Opfer des Verhaltens ihrer Mutter zu einer Zeit, als sie ihr Schicksal nicht selbst bestimmen konnte. Ihre Mutter hatte gedacht, daß ihre eigene sexuelle Liaison wichtiger sei als das Wohlergehen des Kindes, ein verbreiteter Gedanke im heutigen Wohlfahrtsstaat Großbritannien.

Am gleichen Tag war ich zum Beispiel von einer jungen Frau konsultiert worden, die vom „Freund“ ihrer Mutter im Alter zwischen acht und fünfzehn oft vergewaltigt worden war mit vollem Wissen ihrer Mutter. Die Mutter hatte das erlaubt, damit ihre eigene Verbindung mit diesem Mann weitergehen sollte. Es könnte passieren, daß meine Patientin eines Tages dasselbe tut.

Meine Patientin war aber nicht nur das Opfer ihrer Mutter. Sie hatte bewußt Kinder auf die Welt gebracht von Männern, von denen sie wußte, daß sie nichts taugten…

Diese Frauen wissen, daß die meisten Männer, die sie auswählen, überall das Böse stehen haben, manchmal ganz wörtlich in Tätowierungen wie „Fuck off“ oder „Mad Dog“. Deshalb sind sie zu einem großen Teil selbst verantwortlich für ihren Ruin infolge übler Männer. Sie steigern wissentlich die Summe des Bösen in der Welt, und früher oder später führt die Ansammlung kleineren Übels zum Triumph des Bösen überhaupt…

Sie wußte aus eigener Erfahrung und der von vielen Leuten ihrer Umgebung, daß ihre Auswahl, basierend auf dem Vergnügen und der Begierde des Moments, nicht nur zu ihrem Elend und Leiden führen würde, sondern speziell zu dem ihrer Kinder.

Das ist wahrhaftig nicht die Banalität, sondern die Frivolität des Bösen: die Höherstellung des persönlichen Vergnügens über das lang andauernde Elend von anderen, denen man eine Pflicht schuldet. Welcher Ausdruck beschreibt besser als „Frivolität des Bösen“ das Verhalten einer Mutter, die ihr eigenes vierzehnjähriges Kind zur Tür rauswirft, weil ihr neuester Freund es nicht im Haus will. Und was beschreibt besser die Haltung jener Intellektueller, die in diesem Verhalten nichts als eine Ausdehnung der menschlichen Freiheit und Selbstverwirklichung sehen, einen anderen Faden im reichhaltigen Teppich des Lebens? (Fortsetzung folgt)