Dalrymple: Die Frivolität des Bösen (2)

Die Männer in diesen Situationen wissen auch ganz genau die Bedeutung und die Konsequenzen ihres Tuns. Am selben Tag sah ich einen 25jährigen Patienten in der Praxis, der operiert werden wollte, weil er eingepackte Heroinpäckchen im Magen hatte, geschluckt, um nicht von der Polizei erwischt zu werden. Wäre eines geplatzt, wäre er sofort gestorben. Wie es sich gerade traf, hatte er eben seine Freundin verlassen – eine Woche nach der Geburt des gemeinsamen Kindes.

Sie kämen nicht miteinander aus, sagte er, er brauche Platz um sich. An das Kind dachte er keinen Augenblick! Ich fragte ihn, ob er andere Kinder habe. „Vier“, sagte er. „Wieviele Mütter?“ „Drei.“ „Besuchen Sie irgendeines Ihrer Kinder?“ Er schüttelte seinen Kopf. „Ich weiß, ich weiß. Sagen Sie mir nichts.“

Diese Worte waren ein volles Schuldeingeständnis. Ich habe hunderte solcher Gespräche mit Männern geführt, die ihre Kinder auf diese Art verlassen haben, und sie wissen alle ganz genau, was die Konsequenzen für die Mutter und, noch wichtiger, für die Kinder sind. Sie wissen alle, daß sie ihre Kinder zu einem Leben in Brutalität, Armut, Mißbrauch und Hoffnungslosigkeit verdammen. Sie erzählen es mir selbst. Und doch tun sie es unablässig immer wieder in einem solchen Ausmaß, daß ich annehme, daß fast ein Viertel der britischen Kinder auf diese Art aufwächst.

Das Resultat ist eine ansteigende Welle von Vernachlässigung, Grausamkeit, Sadismus und freudige Bösartigkeit, die mich taumeln läßt und entsetzt. Ich bin heute erschreckter nach vierzehn Jahren als am Tag, als ich anfing.

Wo kommt dieses Böse her?. Irgendetwas ist offensichtlich fehlerhaft im Herzen des Menschen, wenn er sich so entartet benimmt – die Hinterlassenschaft der Erbsünde, um metaphorisch zu sprechen. Aber wenn vor nicht allzu langer Zeit ein solches Verhalten viel weniger weit verbreitet war (in einer wirtschaftlich schlechteren Periode, um diejenigen dran zu erinnern, die immer alles auf die Armut schieben), braucht es eine weitere Erklärung.

Eine notwendige, wenn auch nicht ausreichende Erklärung ist der Wohlfahrtsstaat, welcher es möglich und manchmal vorteilhaft macht, sich so zu benehmen. Wie der IMF als letzte Bank einspringt, wenn alle Stricke reißen, so ersetzt der Staat als letzter die Eltern – oder öfter als nicht, ersetzt er sie gleich von vorneherein.

Der Staat, geleitet von der scheinbar großzügigen und menschlichen Philosophie, daß kein Kind, wo immer es auch herkommt, Entbehrungen leiden soll, gibt jedem Kind, beziehungsweise der Mutter, Hilfen. Was Sozialwohnungen anlangt, ist es ein Vorteil für die Mutter, wenn sie alleinstehend ist ohne jede Hilfe. Sie zahlt dann keine lokalen Steuern, keine Miete und keine Strom- und Wasserrechnungen.

Was die Männer angeht, der Staat nimmt ihnen jede Verantwortung für ihre Kinder ab. Der Staat ist nun Vater des Kindes. Der biologische Vater kann deshalb frei über sein Einkommen verfügen als Taschengeld zur Unterhaltung und zum Vergnügen. Er wird dadurch selbst auf den Status eines Kindes reduziert, wenn auch ein verzogenes mit den physischen Fähigkeiten eines Mannes: bockig, fordernd, mürrisch, ich-bezogen und gewalttätig, wenn er nicht kriegt, was er will. Die Gewalt eskaliert und wird eine Gewohnheit. Aus einem verzogenen Bengel wird ein böser Tyrann.
(Fortsetzung folgt)

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