Dalrymple: Die Frivolität des Bösen (3)

Aber wenn auch der Wohlfahrtsstaat eine notwendige Bedingung für die Verbreitung des Bösen ist, reicht er zur Erklärung nicht aus. Schließlich ist der britische Wohlfahrtsstaat weder der ausgedehnteste, noch der großzügigste in der Welt, und doch ist das Ausmaß der sozialen Pathologie – öffentliche Trunkenheit, Drogen, Teenager-Schwangerschaften, Geschlechtskrankheiten, Hooliganismus, Kriminalität – Weltspitze. Es muß noch etwas anderes geben, um dieses Resultat zu produzieren.

Hier betreten wir das Reich der Kultur und der Ideen. Denn es ist nicht nur notwendig zu denken, daß es ökonomisch praktikabel ist, sich verantwortungslos und egoistisch zu benehmen, sondern auch zu glauben, daß es moralisch zulässig ist, sich so zu verhalten. Und mit dieser Idee geht die intellektuelle Elite des Landes seit Jahren hausieren, emsiger als sonstwo, in einem Umfang, daß man diese Einstellung heute als selbstverständlich ansieht. Es gab einen langen Marsch, nicht nur durch die Institutionen, sondern durch Geist und Seele der jungen Menschen. Wenn junge Leute sich loben wollen, beschreiben sie sich als „wertfrei“. Für sie ist die höchste Form der Moral die Amoralität.

Es gibt eine unheilige Allianz zwischen den Linken, die glauben, der Mensch sei mit Rechten, aber nicht mit Pflichten ausgestattet, und Befürwortern der individuellen Handlungsfreiheit auf der Rechten, die glauben, eine Art Wahlmöglichkeit wie beim Verbraucher sei die Antwort auf alle sozialen Fragen. So hätten die Leute ein Recht, Kinder hervorzubringen, wie sie wollen. Wie Männer und Frauen sich liieren und Kinder kriegen, sei moralisch genau so unwichtig wie die Wahl zwischen heller oder dunkler Schokolade.

Die Konsequenzen für die Kinder und die Gesellschaft werden nicht bedacht, denn es ist die Aufgabe des Staates durch umverteilende Besteuerung die materiellen Effekte der individuellen Verantwortungslosigkeit zu mildern und die emotionalen und seelischen Effekte mit einer Armee an Sozialarbeitern, Psychologen, Erziehern, Beratern und ähnlichem auszugleichen. Diese bilden eine starke Lobby und hängen gerne vom Staat ab.

Während meine Patienten tief im Innern wissen, daß das, was sie tun, falsch ist und schlimmer als falsch, werden sie durch den starken Glauben, daß es ihr Recht ist, so zu handeln und zu tun und zu lassen, was sie wollen, ermutigt. Niemand in Großbritannien wagt es, diese Überzeugung anzugreifen. Noch hat irgendein Politiker die Courage, die öffentliche Sozialhilfe in Frage zu stellen, die das sich intensivierende Böse, das ich die vergangenen vierzehn Jahre gesehen habe, so außerordentlich ermöglicht – Gewalt, Vergewaltigung, Einschüchterung, Grausamkeit, Drogenabhängigkeit, Verwahrlosung..

Nachdem 40 Prozent der Kinder im Land außerehelich geboren werden und die Zahl noch steigt, wobei Scheidungen eher die Norm als die Ausnahme sind, wird es bald keine Wähler mehr geben, um den Trend umzukehren. Es wird bereits als politischer Selbstmord angesehen, diese Trendumkehr zu fordern!

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Dieser Text, „The Frivolity of Evil“, erschien 2004 im New York City Journal, als Theodore Dalrymple seinen Job als Arzt und Psychiater am City Hospital und am Winson Green Gefängnis in Birmingham aufgab. Er erscheint mir angesichts der Plünderungen und Brandstiftungen in englischen Großstädten kürzlich aktueller und erhellender als je, auch deshalb, weil unsere Zeitungen fast jeden Tag aus der Gewalt in England einen linken Klassenkampf aufgrund einer herzlosen konservativen Politik konstruieren möchten.

Der Text fand auch in Dalrymples Buch „Our Culture, What’s Left of It: The Mandarins and the Masses“ Eingang. Außerdem hat er ihn in einer späteren Rede 2008 wieder mit verwendet. Die etwas freie und gekürzte Übersetzung stammt von mir und stand im alten Blog, eine andere Übersetzung der erwähnten Rede wurde 2008 im ef-Magazin veröffentlicht. Theodore Dalrymple schreibt natürlich immer noch höchst qualifiziert einige Male pro Jahr im New York City Journal, im Spectator und anderen renommierten Publikationen, aber seit er im Ruhestand ist, leider meist kürzer.